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RWJ 10/2013: 36. Bonner Jägertag

Niederwildmisere - mehr Forschung gefragt!

Die genauen Ursachen für die Streckeneinbrüche bei Hase und Fasan liegen auch nach dem 36. Bonner Jägertag weitgehend im Dunkeln.

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Foto: M. Breuer

Mitte September fand der Bonner Jägertag letztmalig in der Andreas- Hermes-Akademie statt. Die Fülle eng getakteter wissenschaftlicher Vorträge machte die Zeit für praktische Lösungsansätze allerdings knapp. Von den Wissenschaftlern suchte zumindest Niederwildreferent Dr. Thomas Gehle nach praktischen Lösungsansätzen. Denn die Ursachenforschung für die Rückgänge steht noch am Anfang.

 

Blick über die Landesgrenzen

Zum Auftakt zeigte Gehle Muster in der Streckenentwicklung auf. Dazu hatte er die vergangenen 35 Jahre betrachtet und bezog dabei auch andere „Niederwild- Bundesländer“ wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern ein. Dabei zeigte sich für Hase und Fasan, dass den Schwankungen ein etwa 20-jähriger Zyklus zugrunde liegt. So gab es Ende der 70er und Mitte der 90er Jahre jeweils zwei deutliche Tiefpunkte unterhalb des Streckendurchschnitts, die Strecken 1987 und 2007 lagen eindeutig darüber. Landesintern ergab sich das gleiche Bild mit allerdings starken regionalen Unterschieden der Streckenverläufe zwischen Münsterland und Niederrhein. Beim Fasan korrelierte das Rückgangsmuster mit dem Getreideanbau: je höher dessen Anteil, desto stärker der Rückgang. Die Rolle der Krankheiten und ihr zeitlich wie räumlich variierendes Auftreten ist allerdings nur für Hasen gut untersucht, beim Fasan fehlen solche Erkenntnisse völlig. Setzt man die von Gehle festgestellten Zeitreihen in die Zukunft fort, sind noch bis 2017 weitere Einbrüche zu erwarten, ehe es wieder bergauf geht. Um dem Fasan dabei zu helfen, empfahl Gehle allerdings dringend, die vor den Jagden einsetzende übliche Fütterung auch bis in die Brutzeit fortzusetzen!


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36. Bonner Jägertag

Fasan im Fokus

bjt

Wissenschaftler und Praktiker diskutierten über die Zukunft der Niederwildjagd (v. l.): Dr. M. Petrak, Dr. R. Barfknecht, WM P. Markett, Dr. F.-F. Gröblinghoff und Dr. T. Gehle.

Welche Rolle Krankheiten beim Fasan spielen, will Dr. Friederike Gethöffer von der TiHo Hannover mit einer länderübergreifenden Untersuchung herausfinden. Für eine möglichst breite Datenbasis sollen dafür auch tote Fasane aus NRW und S-H untersucht werden.

 

Unter www.wildtiermanagement.com/wildtiere/federwild/fasan findet man nicht nur eine Darstellung des Projekts, dort können Jäger aus NRW auch einen Einsendeschein für Fallwild herunterladen. Bereits aus den Vorstudien konnte Gethöffer für knapp die Hälfte aller 96 untersuchten Fasane ein Herz-Kreislauf- Versagen als häufigste Todesursache dokumentieren. Bei den übrigen Vögeln wurde eine Vielzahl anderer Ursachen festgestellt. Dies unterstreicht die Bedeutung einer umfassenden Teilnahme über die niedersächsischen Landesgrenzen hinaus, will man die Rolle von Krankheiten für den Besatzrückgang ermitteln.

 

Ob dazu auch Vergiftungen in der Nahrungskette beitragen, dürfte indes kaum zu klären sein, wie die Ausführungen der Folgereferenten zeigten – dem Kleinsäuger- und Vogelexperten von BAYER Cropscience, Dr. Ralf Barfknecht, und Dr. Stefan Klose vom Bundesumweltministerium (BMU).

 


Faktor Pflanzenschutz

Barfknecht stellte am Beispiel von Imida cloprid den Ablauf des Zulassungsverfahrens dar. Auf Weizensaatgut aufgetragen, war es in der französischen Landwirtschaft überprüft worden. Zuvor stehen indes unter Berücksichtigung von Ausbringungsintensität, Halbwertszeiten etc. nur standardisierte Rechenmodelle zur Risikoabschätzung zur Verfügung. Aus Daten der französischen Anbaupraxis errechnete Barfknecht, dass ein Rebhuhn in Ackermitte ganze 539 m2 Saatfläche erfolgreich absuchen müsste, ehe die tödliche Dosis erreicht wäre. In den dichter besäten Vorgewenden schrumpfte diese Fläche indes auf 109 qm!

 

Problematisch könnte das Wirkprinzip dieser Nervengifte in der Nahrungskette sein. So wurde in Deutschland 2008 nachgewiesen, dass mit Clothianidin behandeltes Maissaatgut ein Bienensterben auslöste, weil Stäube bei der Aussaat auf eine Blühpflanzenfläche geraten waren. Da diese Stoffgruppe nicht nur als Fraß-, sondern auch als Kontaktgift wirksam ist, Insekten aber bei Erstkontakt nicht tot vom Stängel fallen, blieb die Frage nach ihrer Bedeutung für Insektenfresser völlig offen. Zumindest löste das Bienensterben in Deutschland eine Diskussion aus, die 2013 zum Verbot damit behandelter Wintergetreide führte.

 


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36. Bonner Jägertag

Rolle der Landwirtschaft

An bekanntere Einflüsse aus der Landwirtschaft erinnerte der Emsländer Landwirt Josef Schröer, gleichzeitig auch stellvertretender Präsident der niedersächsischen Jäger. Er forderte seine Berufskollegen zum Verzicht auf Grünroggen auf, weil dieser als Niederwildmagnet in ausgeräumten Feldfluren „die Messer“ im Frühjahr zur Unzeit auf die Felder brächte. Auch sollten seine „sonst doch so eigentumsbetonten“ Kollegen Wegraine als kommunale Flächen respektieren:

 

Schröer wörtlich: „Wenn schon Schotter in der Furche liegt, wurde eindeutig zu weit gepflügt …“

 

Aber auch die Politik sah der niedersächsische Jagdfunktionär in der Pflicht. Gerade mal insgesamt 19 ha (!) einjähriger Blühstreifen in seiner Heimat erklärte er mit der Differenz von gut 1 000 Euro, die Fördergelder hinter den Pachtpreisen zurückblieben. Mit einem 2011 von Jägern, Grundeigentümern und Sponsoren gegründeten Fonds, aus dem mehrjährige Blühstreifen mit 500 Euro gefördert werden, versucht man gegenwärtig, weitere Flächen zu gewinnen. Aber auch bei den Förderschlüsseln machte er Nachholbedarf geltend und kritisierte, dass es die bislang nur für Maisflächen mit Randstreifen gebe.

 

Womit er seinem Kollegen Dr. Franz- Ferdinand Gröblinghoff den Ball zur „Landschaftsvermaisung“ zuspielte.

 

Der Agrarforscher aus NRW widmete sich dem Anbau von Energiepflanzen im Niederwildrevier und stieß aus dieser Perspektive bezüglich des kritisierten Grünroggens ins gleiche Horn, für das er Getreide-Ganzpflanzensilage ins Spiel brachte. Weitere Alternativen seien aufgrund der ausgereiften Anlagentechnik inzwischen auch Futter- und Zuckerrüben. Auch Wildkräutermischungen mit Beifuß und andere heimische Gewächse wie Sonnenblumen kämen in Betracht. Bei den aus Amerika eingeführten Arten machte er auf die durchwachsene Silphie aufmerksam, die nicht nur sehr bienenfreundlich sei, sondern vom Gasertrag kaum hinter Mais zurückbleibe. Angesichts stagnierender EEG-Auszahlungsprämien sei ein Anstieg der gegenwärtig knapp 600 Biogasanlagen landesweit jedenfalls nicht zu erwarten – was Luft für die aufgezeigten Möglichkeiten zur Lebensraumverbesserung schaffe.

 


Konsequente Biotophege, moderate Jagd

Diesen Aspekt stellte auch Wildmeister Peter Markett in den Vordergrund – jede noch so kleine Möglichkeit dazu müsse genutzt werden. Dazu gehöre auch, nicht mit „deutscher Gründlichkeit alles niederzumulchen“. Wo dennoch gemulcht werde, müssten die Streifen frühzeitig offen gehalten werden. Hinsichtlich der Risiken des Mähtodes habe er mit den von seinem Kollegen Thomas Berner in Rheinberg entwickelten LJV-Wildrettern (der RWJ berichtete dazu mehrfach) beste Erfahrungen gemacht.

 

Nur bei der Anlage von Blühstreifen wurde der Berufsjäger angesichts der Pflanzenschutzvorträge nachdenklich. Wo sie angelegt werden, favorisierte er klar mehrjährige Saaten und wies auf Förderprogramme für Blüh- und Uferrandstreifen hin. Aber auch für die Jagdpraxis legte er ein dringendes Umdenken nahe. Die Beutegreiferbejagung mit der Falle, auf deren Fortbestand er auch nach der Novelle des Landesjagdgesetzes hoffe, dürfe nicht vernachlässigt werden. Auch die scharfe Bejagung von Standkrähen im Frühjahr sei dringend nötig.

 

Für die Ernte kritisierte er wiederum die deutsche Gründlichkeit – früher habe es reine Vorstehtreiben gegeben – vor Kopf die Schützen, vom Fuß die Treiber. Inzwischen auch die Flanken abzustellen und Durchgehschützen einzusetzen, führe schnell zu weit.

 

Damit schloss sich der Kreis zum Eingangsreferat Dr. Gehles, der in seine „Zahlenspiele“ auch „Erntequoten“ einbezogen hatte: Nach einem mehrjährigen Großprojekt mit 650 Taxationen zeigte sich mehr als deutlich, dass bei Erlegung von mehr als einem Drittel des Herbstbesatzes das Überjagen beginnt. Wer das als verantwortungsbewusster Heger sicher vermeiden will, muss erst einmal seinen Besatz kennen!

 

Frank Martini

 

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