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RWJ 09/2020: Unsichtbare Rehe

Wer effektiver jagen will

Viele Jahre blieben Rehe unter dem Radar großer jagdlicher Diskussionen – über Rot- und Schwarzwild wurde leidenschaftlich gestritten ... und Rehe machten gleichzeitig, was sie am besten können – sie blieben unsichtbar und unterschätzt. Eine aktuelle Studie wirbt für veränderte Jagd-Strategien.

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85 Rehe wurden in solchen Kastenfallen gefangen und mit ...

Erst das klimabedingte Absterben der Fichtenbestände und so entstandene riesige Freiflächen zeigen jetzt unmissverständlich, vor welchen Herausforderungen wir in den nächsten Jahren stehen werden. Und damit stehen die Rehe plötzlich auf dem Präsentierteller der gesellschaftlichen Diskussion. Jagd und Forst streiten über den richtigen Umgang mit unserer häufigsten Schalenwildart.

 

  • Wie soll die Bejagung der Rehe in den nächsten Jahren aussehen?
  • Wie können wir Jäger unserer Verantwortung gerecht werden – und das Aufkommen eines widerstandsfähigeren Waldes unterstützen?
  • Ist der Wegfall aller Beschränkungen bei ganzjähriger intensiver Bejagung wirklich ein Schlüssel zum Erfolg?

 

In den nächsten Jahren entstehen in vielen Revieren riesige, deckungsreiche Einstän de mit hoher Äsungsverfügbarkeit. In Kombination mit einer veränderten Freizeitnutzung und erhöhtem Jagddruck wird dies immer öfter Situationen erzeugen, in denen Rehe trotz steigender Dichte „unsichtbar“ werden.

 

Mit der Holzhammer-Methode wird man aus diesem Teufelskreis nicht herauskommen. Wir müssen verstehen, wie Rehe im Jahresverlauf auf Jagddruck reagieren und welche anderen Faktoren in verschiedenen Lebensräumen ihre jagdliche Sichtbarkeit beeinflussen Mit diesem Wissen lässt sich dann eine gezielte und dadurch auch effizientere Bejagung planen.

 

Reh-Forschung mit modernster Technik

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... Ohrmarken sowie Sende-Halsbändern markiert.

Als Westfale im Exil durfte ich ein solches System in einem langjährigen Forschungsprojekt der Universität für Bodenkultur Wien begleiten. Die zwei benachbarten Forstbetriebe liegen in der Ober-Steiermark, das Projektgebiet erstreckt sich über rund 2 600 ha und reicht von 750 bis 1 655 m Seehöhe. Die Fläche ist zu 95 % bewaldet und wird von einem wüchsigen, deckungs reichen Fichtenwald mit beigemischter Lärche, Tanne und Laubholz dominiert. Großflächige Naturverjüngung hat für Rehe zu einer Verbesserung der Äsungsverfügbarkeit und Deckung geführt.

 

Die Dichte stieg an, während gleichzeitig Wildbretgewichte und die jagdliche Sichtbarkeit abnahmen.

 

Um den Zusammenhang zwischen jagdlicher Sichtbarkeit und Jagddruck mess - bar zu machen, mussten wir zuerst die tatsächliche Bewegung der Rehe sichtbar machen. Ab 2007 wurden dazu insgesamt 85 Rehe in Kastenfallen gefangen, beidseitig farbig an den Ohren markiert und zusätzlich mit GPS-Halsbändern ausgestattet. Diese Sender zeichnen Positionen und die Aktivität der Rehe auf.

 

Zusätzlich wurden in der Studie erstmals 30 batteriebetriebene Zeitrafferkameras eingesetzt – vereinfacht gesagt, zeichneten damit 30 „digitale Jäger“ vom ersten Büchsenlicht bis in die Abenddämmerung bei jedem Wetter und jeden Tag über drei Jahre auf, wann und wie lange Rehe „sichtbar“ waren. Mit diesen Aufnahmen konnte die jagdliche Sichtbarkeit über den Tages- und Jahresverlauf sowie bei verschieden Witterungsverhältnissen dokumentiert werden.

 

Der Jagddruck wurde durch Aufzeichnung jagdlicher Aktivitäten (Ansitz, Pirsch, Fahrten durchs Revier, Erlegungsdaten) quantifiziert. So konnte man überprüfen, wie sich eine experimentelle Veränderung des Jagddrucks auf die Sichtbarkeit und die „unsichtbare“ Raumnutzung der Rehe in Deckung und bei Nacht auswirkt. Zusätzlich wurden intensive Verbissaufnahmen und Wilddichteerhebungen durchgeführt.

 


Sichtbarkeit im Jahresverlauf

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Die Sichtbarkeit der Rehe schwankte stark im Jahresverlauf, besonders auffällig waren zwei Gipfel im April und September. Der erste im Frühjahr fällt zusammen mit der Ergrünung der Freiflächen und offenen Bestände. Erlegen darf man Anfang Mai in der Steiermark allerdings nur Jährlinge und Schmalrehe – erhöht aber mit einer frühen Bejagung gleichzeitig den Jagddruck auf alle Altersklassen. Damit kann man zwar erfolgreich Strecke machen, sollte sich aber über den Einfluss auf die verbliebenen Rehe bewusst sein.

 


Rehe im September jagen – anstatt im Winter !

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Der zweite Sichtbarkeitsgipfel im September ist jagdlich besonders interessant, da dann ja alle vorkommenden Schalenwildarten und -klassen bejagt werden. Wer in diesem Monat jagt, kann also jede Chance nutzen – jede Familiengruppe, die man in diesen Wochen zur Strecke bringt, verkürzt die Jagdzeit im Frühwinter und reduziert den Druck auf die verbleibenden Rehe.

 

Jagdruhe im Hochwinter und Frühjahr entlastet aber auch gleichzeitig die notwendige Verjüngung, wenn Rehe die Deckung verlassen und Äsung auf Freiflächen aufnehmen können.

 

Um herauszufinden, wie man die Sicht barkeit von Rehen mit jagdlicher Planung beeinflussen kann, wurde das Unter suchungsgebiet aufgeteilt:

 

Auf etwa 1 000 ha wurde bis zur Blattzeit Anfang August komplette Jagdruhe auf alle Wild arten ein gehalten und die Sichtbarkeit der Rehe mit 15 Zeitraffer- Kameras aufgezeichnet.

 

Auf rund 1 200 ha wurde mit Aufgang der Schusszeit am 1. Mai normal gejagt, auch dort dokumentierten 15 Kameras die Reh-Sichtbarkeit. Im Mai konnte noch kein eindeutiger Unterschied der Sichtbarkeit festgestellt werden, aber ab Juni waren klare Unterschiede messbar:

 

  • im nichtbejagten Gebiet wurden die Freiflächen stärker genutzt, die Rehe waren bei Schusslicht länger zu beobachten,
  • besonders deutlich wurde der Unterschied abends – die Rehe auf der unbejagten Fläche traten viel eher aus und waren länger sichtbar.

 


Zur richtigen Zeit jagen – zum Wohle der Rehe

Bleibt nur die Frage, ob sich diese erhöhte Sichtbarkeit mit Beginn der Blattjagd auch nutzen ließ. Eine hohe Sichtbarkeit und eine attraktive Jagd in diesen zwei Wochen ist eines der jagdlichen Ziele des Forstbetriebs.

 

Mit Beginn der Blattjagd konnte der größte Teil des Abschusses tatsächlich nach der Jagdruhe von August bis Oktober erlegt werden – höhere Sichtbarkeit und konsequente Freigabe ermöglichten eine erfolgreiche Jagd.

 

Natürlich basieren die Ergebnisse dieser Studie auf lokalen Gegebenheiten und speziellen Zielsetzungen örtlicher Jäger und Grundbesitzer und können daher auch nicht eins zu eins auf jedes norddeutsche Revier angewandt werden.

 

Besonders die Herausforderung einer gleichzeitigen Jagd auf Schwarz-, Rotund Rehwild erschwert in vielen Revieren die konsequente Einhaltung einer Intervallbejagung. Diese Studie zeigt aber, welchen Einfluss Jagd auf die Raumnutzung von Reh-Populationen haben kann.

 

Ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge kann zu Strategien führen, die Jagddruck intelligent steuern und es ermöglichen, Rehe im Hinblick auf die gerade in NRW anstehenden Herausforderungen erfolgreich zu bejagen.

 

Feindbildpflege wird uns dabei nicht weiterbringen. Wir müssen unsere Verantwortung ernst nehmen und konsequent Beute machen, wenn die jagdliche Sichtbarkeit es zulässt. Mittelfristig reduzieren wir so den Druck auf unsere Rehe und ermöglichen auch in Zukunft noch sichtbares Wild.

 

Robin Sandfort

Universität für Bodenkultur Wien,

Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft,

E-Mail: robin.sandfort@boku.ac.at,

www.sandfort-nature.com/rehprojekt,

www.iwj.at,

www.wildbiologie.org


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