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RWJ 10/2019: Positionspapier des Landesjagdverbandes Nordrhein-Westfalen

Wald „und“ Wild

Waldbesitzer in NRW stehen erneut vor riesigen Herausforderungen, die manche Betriebe an ihre Existenzgrenze treiben. Mehrere extreme Sturm ereignisse der letzten Jahre, die Trockenjahre 2018/19 und die daraus folgende Borkenkäfer kalamität in den Nadelholzregionen bedrohen den Wald in NRW mit seinen vielfältigen Wirtschafts-, Schutz- und Sozialfunktionen.

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Foto: K. - H. Volkmar

Die Sicherung und Wiederherstellung des Waldes bedürfen gemeinsamer Anstrengungen aller daran beteiligten Gruppen. Von den Jägern in den betroffenen Regionen ist erneut große Solidarität gefordert, denn ohne ihre Mitwirkung können die Ziele nicht erreicht werden. Durch Windwurf und Käferfraß entstandene Kahl flächen sind idealer Lebenssraum für Schalenwild, da Kahlschlagsvegetation reichlich Deckung und Äsung bei gleichzeitiger Besonnung bietet. Die Gefahr besteht nicht allein im vermehrten Verbiss der gerade jetzt besonders gewünschten Mischbaumarten, sondern auch in der schwerer zu kontrollierenden Bestandsentwicklung des Schalenwildes in den kommenden Jahren. Wir dürfen den Wald nicht sich selbst überlassen. Dies würde die aktuellen waldbaulichen Ziele gefährden, weil sich durch die natürliche Waldentwicklung der gewünschte Baumartenwechsel zu stabilen Mischwäldern nicht schnell genug umsetzen lässt – denn unter Fichte wächst von allein wieder nur Fichte!

 

Auch wirtschaftlich und sozial wäre dies angesichts einer Million Arbeitsplätze in der deutschen Forst- und Holzwirtschaft und der Abhängigkeit vieler Waldbesitzer von den Einnahmen aus dem Holzverkauf unverantwortlich. In dieser Situation ruft der Landesjagdverband NRW seine 65 000 Mitglieder zur Solidarität mit den Waldbauern auf und bestimmt seine Positionen zum Wald-Wild-Thema:

 

 

12 LJV-Positionen für Wald „und“ Wild

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In Absprache und Zusammenarbeit – mit den Grundbesitzern sollten in den nächsten Wochen Jagdeinrichtungen (und -schneisen !) an Aufforstungsflächen geplant werden. Foto: M. Breuer


  • Der Wald überdauert Generationen, politische Schnellschüsse und Schwarzer- Peter-Spiele helfen ihm nicht.
  • Wir jagen intensiv, aber tierschutzkonform und waidgerecht. Wir Jäger sind gesetzlich verpflichtet, für einen gesunden, artenreichen und angemessenen Wildbestand zu sorgen. Bereits nach dem verheerenden Kyrill-Sturm vor einem Jahrzehnt konnten wir den Verbissdruck auf gefä hrdete Verjü ngungsflä chen durch intensive Jagd senken. Die meisten Kyrill-Flä chen stehen heute gut entwickelt und vollbestockt da.
  • Etliche Baumarten brauchen in der Jugendphase aber immer technischen Schutz wie Zäune, auch bei angemessenem Wildbestand. Waldumbau mit der Waffe allein wird nicht funktionieren. Wir Jäger stehen also für Wald „und“ Wild – Wald „vor“ Wild lehnen wir ebenso ab wie einen Totalabschuss oder fast ganzjährige Jagdzeiten. Auch die meisten Menschen freuen sich, ein Reh am Waldrand zu erblicken, und lieben den Wald „mit“ Wild.
  • Aufgrund der Funktionen und Aufgaben des Waldes in früheren Zeiten wurden in den letzten Jahrhunderten bis in vergangene Jahrzehnte hinein viele Laubholzbestände zugunsten von Fichte und Kiefer umgebaut – teilweise auch auf Standorten, die gerade für die Fichte nicht immer optimal waren. So wurden Fichten auch bei uns zur häufigsten Waldbaumart (Anteil 30 Prozent), insgesamt machen Nadelbäume 42 Prozent des Waldes in NRW aus. Bei zunehmender Stressbelastung erfüllt die Fichte nun die erwarteten Leistungen teilweise nicht mehr. Der erst in den letzten Jahrzehnten entstandene umgekehrte Trend zu mehr Laubbäumen und Mischwäldern wurde bisher wegen der langen Umtriebszeiten im Forst nur langsam umgesetzt.
  • Wir fordern Bund, Länder und Kommunen auf, in „ihren“ Wäldern, die etwa die Hälfte der Waldfläche Deutschlands ausmachen, ihrer Vorbildfunktion beim Wald umbau gerecht zu werden und wissenschaftliche Lösungen aufzuzeigen. Die Definition von Artenvielfalt im Wald darf sich nicht auf wenige, meist wirtschaftlich interessante Baumarten beschränken. Sie muss Sträucher und Krautpflanzen ebenso einschließen wie Tiere – Wälder müssen auch geeignete Lebensräume für Wildtiere sein.
  • Von 1970 bis 2018 stieg in Deutschland allein der Abschuss bei Rehen um über 88 Prozent auf knapp 1,2 Mio., bei Rotwild betrug die Steigerung sogar 108 Prozent (76 794 erlegte Tiere 2018). Jäger leisten schon jetzt sehr viel. Angesichts des Verbreitungsrisikos der Afrikanischen Schweinepest wurden in Deutschland im zuletzt ausgewerteten Jagdjahr 2017/18 (31. März) mehr als 820 000 Wildschweine erlegt, so viele wie noch nie in einer Jagdsaison, davon allein 66 000 in NRW – ein Streckenrekord, für den auch die heimischen Jäger verantwortlich sind.
  • Es besteht kein Zweifel, dass angesichts der anstehenden Wiederaufforstungen Wildbestände in diesen Bereichen reduziert werden müssen. Dass wir dies auch mit den geltenden Jagdzeiten schaffen, haben wir schon nach Kyrill unter Beweis gestellt – über weitere praktikable Lösungen sind wir gesprächsbereit. Auch eine sachgerechte Besucherlenkung nach entsprechender Aufklärung der Bevölkerung darf kein Tabu sein, um Ziele der Waldsicherung und Aufforstung zu erreichen.
  • Örtliche „runde Tische“ können kurzfristig Lösungen erarbeiten – der Landesjagdverband NRW unterstützt den dazu erforderlichen Verständigungsprozess.
  • Das rechtliche Instrumentarium, um ein angemessenes Verhältnis von Wald und Wild zu regeln, ist schon jetzt ausreichend vorhanden – Wildbestände müssen nach einschlägigen Bestimmungen angemessen sein. Vereinbarungen zwischen Grundeigentümern und Jagdausübungsberechtigten über bestimmte Abschussquoten sind bei Rehen „immer“ und bei anderem wiederkäuenden Schalenwild „im gesetzlichen Rahmen“ möglich.
  • Direkt bei Wiederaufforstung oder Sukzession sind ausreichende Jagdschneisen einzuplanen, damit auch in den besonders kritischen Folgejahren die allseits geforderte intensive Bejagung erfolgen kann. Die Lage solcher Schneisen sollten Waldeigentümer und Jagdausübungsberechtigte gemeinsam vor Ort festlegen. Solche gemeinsamen Abstimmungen haben sich bereits zur Wiederaufforstung nach dem Jahrhundertsturm Kyrill bewährt.
  • In NRW sind bewährte Bejagungsstrategien zur Unterstützung landesweiter Aufforstungsmaßnahmen seit Kyrill bestens bekannt und beschrieben. Sowohl die „Empfehlungen zur Wiederbewaldung der Orkanflächen in Nordrhein-Westfalen (2007) als“ auch das „Waldbaukonzept NRW (2018) zur Umsetzung der Klimaanpassungsstrategie Wald NRW“ enthalten wissenschaftlich basierte und praxiserprobte Handlungskonzepte, auf deren Basis auch die aktuellen Aufgaben gemeistert werden können.
  • Der Landesjagdverband NRW ist selbstverständlich bereit, wie nach Kyrill mit der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung NRW und der Forstpartie vermehrt Aufklärungs- und Fortbildungsarbeit für alle Betroffenen zu leisten.

Dortmund, 10. September 2019

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