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RWJ 11/2012: Auf der Suche nach gesicherten Rehwilddichten

Wildunfälle statt Streckenauswertung?

Zweifellos besteht ein Zusammenhang zwischen dem Vorkommen von Wildtieren und ihrer Verwicklung in Verkehrsunfälle. Vor Ort lässt sich durch eine ausreichende und gezielte Bejagung das Unfallrisiko reduzieren. Daraus kann man aber nicht ableiten, dass Wildunfälle die Populationsdichten widerspiegeln.

Forschungsstelle RWJ 11-12

Auch wenn Unfälle mit Rehwild recht gut dokumentiert sind, lassen diese Zahlenwerke nur unvollständige Rückschlüsse auf den Bestand zu. Foto © K.-H. Volkmar

Die schwierige Erfassung von Wildbeständen führt immer wieder auch zu Überlegungen, andere Kenngrößen zugrunde zu legen. Allerdings ist die schwierige Bestandserfassung in der Landökologie ein generelles Problem und keinesfalls auf jagdbare Arten beschränkt. Eine Studie des Instituts für Statistik in München schlägt nun vor, für Rehe gewissermaßen die aufwändige Streckenregistrierung aus pragmatischen Gründen durch die Wildunfallstatistik zu ersetzen. Die vorgelegte Analyse legt für den Lebensraum weltweit verfügbare Daten zur Klima- und Landnutzung (Corine) zugrunde, berücksichtigt werden zudem die Ergebnisse des Bayerischen Verbissgutachtens.

Die vorgelegte Untersuchung führt zunächst zu Ergebnissen, die in der Wildunfallforschung bekannt sind – wo viele Rehe leben, sind sie natürlich auch häufiger von Verkehrsunfällen betroffen.

Dazu kommen unfallträchtige Lebensraumkonstellationen wie Wald-Feld- Gemengelagen. Allerdings bedeutet eine Korrelation noch lange keinen ursächlichen Zusammenhang.

Das Wildunfallgeschehen im Straßenverkehr wird zahlenmäßig eindeutig durch Rehe bestimmt. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere kleinste Schalenwildart in Verkehrsunfälle verwickelt wird, ist signifikant höher als bei den anderen Hirschartigen.

Das Reh ist die älteste Hirschart, die sich stammesgeschichtlich in der Buschrandstufe entwickelte. Die Fluchtstrategien des Schlüpfers (sich drücken, kurze, spontane Fluchten) führen im Vergleich zu anderen Arten zu einem deutlich höheren Risiko, in Verkehrsunfälle verwickelt zu werden. Die Forschungsstelle weist auf diese Aspekte regelmäßig im Rahmen der Jagdstreckenanalyse hin.

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Wildunfälle statt Streckenauswertung?

REHWILD-STRECKE - 2010/11

Ursachen für Wildunfälle

 

Die Ursachen, die zu Wildunfällen mit Rehen im Straßenverkehr führen, hängen von zahlreichen Faktoren ab:

  • Wilddichte
  • Sozial- und Altersstruktur
  • Lebensraum (mit zunehmendem Risiko je weiter die Lebensräume von der potentiell natürlichen Vegetation entfernt sind, also in Gemengelagen Agrarlandschaft-Wald höheres Risiko als im Wald)
  • Verkehrsdichte
  • Risikobereitschaft der Autofahrer (relatives Risiko tödlicher Verkehrsunfälle am Niederrhein höher als im Ruhrgebiet)
  • Jahres- und Tageszeit (Zusammenfallen von Aktivitätsphasen des Wildes mit dem Berufsverkehr)
REHWILD-VERKEHRSVERLUSTE - 2010/11
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Wildunfälle statt Streckenauswertung?

Verantwortung der Jäger

 

Die Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung liegt in den Ausläufern des Siebengebirges. Gerade dort zeigt sich die Bedeutung anderer Faktoren für das Unfallgeschehen – die unfallträchtigsten Straßen sind die vor der Forschungsstelle vorbeiführende Pützchens Chaussee, die Oberkasseler Straße, die Straße von Ittenbach nach Königswinter sowie die Schmelztalstraße von Aegidienberg nach Bad Honnef.

Gemeinsam ist all diesen Strecken der Verlauf durch wichtige Lebensräume bei sehr hohem Verkehrsaufkommen.

Zu wesentlichen Risikofaktoren im Siebengebirge zählt die Beunruhigung der Rehe durch frei laufende Hunde. Dieses Problem wird auch an insgesamt 11 gerissenen Schafen allein im August 2011 deutlich.

Unter Berücksichtigung des multifaktoriellen Ursachengefüges eignen sich Wildunfälle zur Feststellung von Vorkommen, Verbreitung und relativer Dichte bestimmter Arten, wenn andere Daten weitgehend fehlen, Beispiele dafür in Nordrhein-Westfalen sind etwa Dachs und Wildkatze.

Beim jagdlich eigentlich intensiv genutzten Rehwild lässt kleinräumige Häufung meist auf mangelnde Bejagung schließen – weitergehende Rückschlüsse auf die regionale Wilddichte würde eine Gleichförmigkeit der vom Menschen vorgegebenen Rahmenbedingungen voraussetzen, die jedoch nicht gegeben sind. Gerade in Nordrhein-Westfalen mit seiner extrem hohen Bevölkerungsdichte und hohem Verkehrsaufkommen sind bei landesweiter Betrachtung Siedlungs- und Verkehrsdichte die Schlüsselgrößen des Wildunfallgeschehens, wie das Beispiel des Regierungsbezirkes Arnsberg zeigt. So wurden 2010/11 in der Stadt Bochum von 55 Rehen mehr als die Hälfte (50,91 Prozent) Opfer des Straßenverkehrs. Im Kreis Olpe beträgt der Anteil der Verkehrsverluste bei einer Strecke von 3047 Stück 17,20 Prozent. Im Hochsauerlandkreis beträgt bei einer Strecke von 9885 Stück der Anteil der Verkehrsopfer 9,76 Prozent.

Die ballungsraumabhängige Häufung der Unfallraten wird etwa beim Vergleich Bochums mit dem Kreis Olpe deutlich. Die Sonderrolle der Ballungsräume wird auch in der Publikation angesprochen.

Eine landesweite Übersicht ergibt das gleiche Bild, dabei wird auch deutlich, dass zur Beurteilung Mittelwerte allein nicht ausreichen – der Rehwildlebensraum in Bonn ist deutlich geringer als im Rhein-Sieg-Kreis.

Das führt dazu, dass die Stadt Bonn problemloser erscheint, obwohl bezogen auf das Siebengebirge 40 Prozent der Unfallstrecken auf sie entfallen.

Im Ergebnis ist festzustellen, dass die Ableitung der relativen Rehwilddichte aus Verkehrsunfällen für Nordrhein-Westfalen mit erheblich höheren Unsicherheiten hinsichtlich der Einschätzung der Wildbestände als die Streckenregistrierung behaftet ist und in keinem Fall eine besser differenzierte Basis bietet.

Unter Berücksichtigung der vielfältigen Randbedingungen sind die Streckenmeldungen daher eine zuverlässigere Grundlage zur Einschätzung der Bestände – was die Verantwortung der Jäger unterstreicht.

 

Dr. Michael Petrak

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Landesbetrieb Wald und Holz NRW,
Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberger Wald
Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn
E-Mail: michael.petrak@ wald-und-holz.nrw.de


 

Bericht aus Rheinisch-Westälischer Jäger 11/2012. Den voillständigen Artikel finden Sie nachfolgend auch als kostenlosen Download.

RWJ_1112_Forschungsstelle


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