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RWJ 08/2020: Jagd in der Kulturlandschaft

Revierpächter müssen auch jagen

Die Frage nach der Rolle der Jagd in der Kulturlandschaft lässt sich auch anders formulieren – was wäre, wenn die Jagd schlagartig eingestellt werden würde?

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Taubenfraß an Wirsing

Wir wissen aus Erfahrung, dass kein Lebewesen im Freiland allein lebt – kein Individuum, keine Pflanzen- oder Tierart inklusive des Menschen ist ohne Beziehung zu anderen Lebewesen auf Dauer lebensfähig.

 

Ökologie ist die Lehre von der Beziehung der Lebewesen zueinander und zu ihrer Umwelt – also keine politische Denkoder Glaubensrichtung, sondern eine naturwissenschaftliche Disziplin, die für Jagd und Naturschutz gleichermaßen wichtig ist. Ökologie als Wissenschaft steht der Jagd damit genauso nah wie der Naturschutz.

 

 

Jagd ist Nutzen

Die Motivation zu jagen ist für viele Jäger ein starker Antrieb, in einem Revier Verantwortung für Wild, aber auch andere Tier- und Pflanzenarten zu übernehmen – und sich so letztlich um die Sicherung der Lebensgrundlagen des Wildes zu bemühen. Ein Naturschutz, der dies erkennt, gewinnt in der Jagd einen wichtigen Partner im gemeinsamen Bemühen zur langfristigen Sicherung von Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten. Jagd und Hege haben in der Kulturlandschaft wichtige Steuerungsaufgaben, denen sie nur gerecht werden, wenn sie Anliegen der in der Kulturlandschaft lebenden Menschen bleiben.

 

Kulturlandschaft ist eine vom Menschen beeinflusste Landschaft. Zu diesen Einflüssen muss man stehen – ganz egal, ob gewollt oder unerwünscht.

 

Jede Energie zum Leben kommt von der Sonne, sodass die Biomasseproduktion in Wald und Offenland in derselben Größenordnung liegt: Im Wald ist allerdings der überwiegende Teil längerfristig im Holz gebunden und steht damit Tieren nicht zur Verfügung. Waldauflichtung begünstigt die Zunahme von Schalenwildbeständen – mit allen Aufgaben für die Jagd.

 

Neben Verlierern (Hase, Fasan, Rebhuhn) gibt es natürlich auch Gewinner der Kulturlandschaft (Fuchs, Waschbär, Gänse). Auch wenn gesetzlich geregelt ist, dass Wildschäden durch Schalenwild, Wildkaninchen und Fasane zu erstatten sind, sollte man sich § 1 Abs. 2 BJG in Erinnerung rufen – danach müssen Jäger nämlich nicht nur die Erhaltung eines artenreichen und gesunden Wildbestands im Auge haben. Auch jede Form von Hege muss so durchgeführt werden, dass Wildschäden möglichst vermieden werden.

 

 


Wildschaden – besser verhüten als ersetzen

Schwarzwildschaden – begünstigt durch Trockenheit und Nahrungsmangel. Fotos (2): Dr. M. Petrak

Schwarzwildschaden – begünstigt durch Trockenheit und Nahrungsmangel.

Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass Wildbestände je nach örtlicher Situation in ausreichender Höhe unter Berücksichtigung der Populations-Strukturen (innerhalb der Jagdzeit !) bejagt werden müssen. In der Diskussion um Wildschäden gehts heute meist weniger um die Erstattung als um Schonzeitaufhebungen oder Nachtjagdtechnik.

 

Schonzeitaufhebungen erfordern stets eine Abwägung mit dem Elterntierschutz (§ 22 (4) BJG). Dabei geht es immer um die Vergrämung von gefährdeten Kulturen, also nie um die Regulierung der Bestände. Schonzeitaufhebungen sind also niemals ein Ausgleich für eine Nutzung in der eigentlichen Jagdzeit.

 

Wer ein Revier pachtet, muss sich im Klaren darüber sein, dass er für eine ausreichende Bejagung verantwortlich ist – unabhängig von den Ursachen der Zunahme von Wildbeständen. Folgende Beispiele zeigen dies besonders anschaulich: Der Klimawandel führt zu einer dramatischen Steigerung des Zuwachses – empfand man vor 30 Jahren Sauen als Bereicherung im Revier, die nur gelegentlich zu Problemen führten, sind Wildschäden heute dramatisch angestiegen.

 

Das nun schon dritte Jahr mit ausgesprochen trockenem Frühjahr/Sommer, das Auslaufen bewährter Beizmittel sowie der vermehrte Mais- und Leguminosenanbau verschärfen die Problematik.

 

Ganz unabhängig davon ist jeder verantwortliche Jäger in der Pflicht, die Jagdzeit effektiv zu nutzen – unter Beachtung des Tierschutzes und den mit Blick auf die Populationsstruktur richtigen Eingriffen.

 

 


Wo es hakt

Die aktuelle Situation lässt bestimmte Probleme offenkundig werden:

 

1. Sozial hoch entwickelte Wildarten mit weiten Raumnutzungsmustern (Rotwild, Sauen, Gänse, Tauben) erfordern eine großräumig aufeinander abgestimmte Bejagung in der gesamten Region.

 

2. Beim Schalenwild kommt der Streckenstruktur eine Schlüsselrolle zu. Nicht nachvollziehbar ist, dass unabhängig von der ASP-Situation Nachtzieltechnik beantragt wird, obwohl das Anwachsen der Bestände durch eine zu geringe Entnahme und eine zu geringe Frischlingsquote von nur 50 Prozent produziert wurde. Dass die Vernachlässigung einer fachgerechten, an der Populationsstruktur orientierten Bejagung keine Problemlösung ist, zeigen anschaulich zahlreiche Beispiele:

 

  • So führte der vorübergehende Verzicht auf einen Abschussplan zur mittlerweile beendeten Aufhebung des Sikagebiets Arnsberger Wald nicht zur gewünschten Reduktion, sondern zum Anstieg.
  • Der Bestandsanstieg in bestimmten Rotwildgebieten durch zu geringe Alttierquoten hat ähnliche Ursachen – tierschutzgerechte Kahlwildbejagung ist echte Hegearbeit !

3. Steigende Gänse-Populationen erfordern eine professionelle, effektive Bejagung, wie sie in Seminaren des LJV und der Forschungsstelle vermittelt wird. Der Beginn der Jagdzeit ist entscheidend zur Entschärfung der örtlichen Schadenssituation, wer diesen Zeitraum verpasst, kann ihn später nur schwer nachholen. In puncto Sozialverhalten haben Rotwild und Gänse viel gemeinsam, bei der Zuwachsdynamik ähneln sich Sauen und Gänse – eine intensive Jungwildbejagung (evtl. auch mit darauf abgestimmten Jagdzeiten) könnte Wildschaden- Probleme entschärfen.

 

4. Neuere Erkenntnisse zeigen, wie hoch der Anteil von Elterntauben bei der Jagd im Sommer ist, womit mögliche Schonzeitaufhebungen im besonderen Konflikt zum Elterntierschutz stehen. Allerdings muss man dazu auch die Frage stellen, warum mancherorts die reguläre Jagdzeit nicht ausreichend genutzt wird.

 

Bei allem Verständnis für gegenseitige Einladungen darf man seine Hausaufgaben (wie die intensive Ringeltaubenbejagung) im eigenen Revier nicht vernachlässigen: Unsere Jagdzeiten sind im Vergleich zu Nachbarländern sehr lang – und gerade in NRW mit den letzten Anpassungen sicher nicht zu kurz. Daher gilt es, sie auch zu nutzen und als Verpflichtung zu begreifen. Wer ein Revier übernimmt, muss sich dieser Verantwortung bewusst sein – gerade die Bejagung von Gewinnern der Kulturlandschaft bedeutet viel Arbeit. Natürlich kann man die aufteilen – in großen Revieren ist eine professionelle Betreuung notwendig.

 

Wer die nötige Zeit nicht aufwenden kann, pachtet besser nicht – Reviere, für die sich kein Pächter mehr findet, sind ein warnender Hinweis. Unter dem Gesichtspunkt zeitlicher Verfügbarkeit sind Kommunen und Jagdgenossenschaften besser beraten, nicht an den Höchstbietenden zu verpachten, sondern Pächter zu finden, die auch die entsprechende Zeit mitbringen und so ihren Aufgaben gerecht werden.

 

Jagd war immer schon geprägt von Kooperation und Anpassungsfähigkeit – inwieweit es gelingt, dies auch heute umzusetzen, wird für ihre gesellschaftliche Akzeptanz der Schlüssel bleiben.

 

Dr. Michael Petrak

LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 08/2020 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 08/2020: Forschungsstelle


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