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RWJ 09/2019: Klimagerechte Reviergestaltung

Hitze und Trockenheit – Probleme für heimisches Wild?

Auch dieses Jahr erlebte NRW einen Sommer mit lang anhaltenden, heißen Trockenperioden und brach erneut Klima-Rekorde. Welche Konsequenzen hat dies für heimisches Wild und wie können Revierinhaber darauf reagieren?

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Versiegen auch letzte Offenwasserflächen im Revier, wirds für manche Arten eng ... Foto: Bernard Guyot/pixabay.com

Der Juni 2019 war der wärmste seit 139 Jahren. Zwar sind einzelne Wetterextreme kein direkter Beleg für eine langfristige, klimatische Veränderung, doch ein Blick in die Daten der letzten Jahrzehnte zeigt deutlich, dass der Klimawandel auch bei uns angekommen ist. Seit den 50er Jahren steigen die Jahresmitteltemperaturen an, sodass heiße Tage (> 30 °C) mehr, dafür Frost- und Schneetage deutlich weniger werden. Die Auswirkungen sind auch in der Natur messbar – neben dem Anstieg von Boden- und Gewässertemperaturen hat sich die Apfelblüte nach vorn verlagert und die Vegetationsperiode um 15 Tage verlängert. Dies begünstigt wärmeliebende Arten wie Grünspecht und Steinkauz, die ihr Verbreitungsgebiet ausdehnen konnten, während sich kälteliebende Arten wie Tannenhäher oder Weidenmeise auf dem Rückzug befinden.

 

 

 

Trockenheit im Wald

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In der trocknen Feldflur können Blühflächen schattige Ruheplätze bieten und feuchtigkeitsspendende Äsung und Insektennahrung liefern. Foto: Dr. C. Stommel

In diesem Jahr fallen wohl jedem Waldbesucher graubraune bis leuchtend rote Fichten auf. Die Auswirkungen der durch Trockenheit und Niederschlagsdefizite begünstigten Borkenkäfer-Massenvermehrung 2018 setzen sich auch dieses Jahr fort. Durch verminderten Harzfluss fehlt den Fichten ihr wichtigster Abwehrmechanismus gegen den Käfer. Weniger offensichtlich wirken sich die Witterungseinflüsse auf waldbewohnende Wildarten aus. Wer schon im Sommer 2018 beobachten konnte, wie Suhlen und Bäche selbst in kühlen Tälern austrockneten, kann sich gut vorstellen, dass Sauen und Rotwild sonst übliche Einstände verlassen mussten, um geeignete Plätze zum Suhlen und Schöpfen zu finden. Dies ist mit zusätzlichen Wanderbewegungen und einer überdurchschnittlich hohen Frequentierung verbleibender Suhlen verbunden, im Extremfall kann die dort erhöhte Konzentration von Wild zum steigenden Risiko für Krankheitsübertragungen führen. Durch Niederschlagsdefizite leidet auch die Krautschicht im Wald – Kräuter und Gräser verholzen früher und stärker, während Rohnährstoff- und Wassergehalt abnehmen. Dies ist vor allem für Jungwild wie Frischlinge, Kitze und Kälber nachteilig, schwächt ihre Kondition und erhöht mittelbar die Anfälligkeit für Parasiten. Auch der einzige waldbewohnende Watvogel in NRW – die Waldschnepfe – gelangt durch lang anhaltende, extreme Trockenperioden schlechter an seine Hauptnahrung (Regenwürmer), da Bereiche mit frischen bis feuchten Böden zunehmend austrocknen.

 

 


Trockenheit im Offenland

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Äsungsspuren an Mädesüß-Stauden zeigen, dass auch Rotwild gern die saftige Grünäsung feuchter Talwiesen nutzt. Foto: Dr. M. Petrak

Während auch Bekassinen „stocherfähige“, feuchte Böden benötigen, sind die meisten Offenlandarten wie Feldhase und Rebhuhn gut an Hitze und Trockenheit angepasst. Zu ihren ursprünglichen Lebensräumen zählen Steppen, die von extremen Temperaturunterschieden und Trockenheit geprägt sind. Dementsprechend wirken sich warme und trockene Perioden, v. a. im Sommer besonders positiv auf die Überlebenswahrscheinlichkeit der Jungtiere aus. Zudem wird angenommen, dass viele Krankheitserreger wie etwa Kokzidien (Kokzidiose-Auslöser bei Feldhase und Kaninchen) durch eine starke lang anhaltende UV-Strahlung abgetötet werden, sodass in Jahren mit langer Trockenheit weniger Jungtiere versterben. Im Gegensatz zu Hase und Rebhuhn bevorzugen Fasane im Sommer v. a. Habitate mit ständiger Wasserversorgung.

 

Obwohl die drei Arten meist ausreichend Feuchtigkeit über Morgentau und Wasser in der Nahrung aufnehmen, stellen natürliche Wasserstellen besonders während Trocken zeiten eine wichtige und gern genutzte Ressource dar. Besonders zur Kükenaufzucht sind Insek ten eine wichtige Nahrungsquelle, die sich während warmer Trockenperioden besonders gut entwickeln und vermehren. Durch verringertes Graswachstum werden in trockenen Sommern oft weniger Grünlandschnitte als unter normalen Bedingungen durchgeführt. Dies verringert auch das Risiko des Ausmähens und kann eine zusätzliche Überlebenschance für Gelege und Jungtiere darstellen.

 


Vielfalt gegen Hitze und Trockenheit

In strukturreichen Revieren haben Wildtiere die Möglichkeit je nach Witterung und Bedarf die günstigsten Bereiche aufzusuchen, sodass lange Wanderungen zu besseren Habitaten unnötig werden. In Wald- und Feldrevieren ist der Erhalt natürlicher Wasserressourcen und sumpfiger Bereiche eine optimale Möglichkeit, gute Bedingungen während längerer Trockenheit zu schaffen.

 

  • Die Pflege von Tümpeln in mehrjährigem Abstand verhindert vorzeitiges Verlanden und Zuwachsen,
  • alternierende Schnitte an Fließgewässern (jedes Jahr nur eine Böschungsseite) erhalten die Struktur – wichtige Rückzugsräume für Ruhe und Brut,
  • bei Pflege und Neuanlage von Gewässern sollte man immer ausreichend Uferrandbereiche einplanen, um Raum für Äsungsflächen und Deckung zu schaffen. Zusätzlich wird damit im Feld revier der Eintrag von Dünger und Pestiziden verringert. Diese Maßnahmen sind mit Flächen eigentümern wie Behörden abzustimmen.

 

Künstliche Wasserressourcen/Tränken werden in besonders trockenen Bereichen gern angenommen. Dabei ist jedoch besonders darauf zu achten, dass Kleintiere wie Spitzmäuse bei versehentlichem Hineinfallen auch wieder selbst herausklettern können.

 

  • Wasser sollte regelmäßig gewechselt werden, um Verkeimung vorzubeugen,
  • die Position der Tränke sollte man so wählen, dass ausreichend Schutz/Sicht auf mögliche Prädatoren besteht,
  • Wildäcker und Blühstreifen schaffen vielfältige Äsung und können je nach Ausgestaltung und Saatgutwahl nicht nur Schatten spenden,
  • tiefwurzelnde oder knollenbildende Pflanzen werden von Hasen u. a. gern als wasserhaltige Nahrung gefressen. Dort fühlen sich auch zahlreiche Insekten in verschiedenen Entwicklungsstadien (Raupen) wohl, sodass auch für Jungvögel der Tisch reich gedeckt ist.

 

Sind aufgrund von Trockenheit Rüben kulturen gefährdet, kann eine Rotklee-Einsaat im Vorgewende das Risiko von Fraßschäden durch Hase und Kaninchen reduzieren – dieser Klee wurzelt tief und enthält viel Feuchtigkeit. Heimische Wild- und Streuobstwiesen stellen besonders im Spätsommer attraktive, schattige Flächen dar. Belässt man Fallobst auf der Fläche, profitieren Wild tiere von den feuchtigkeit- und energie spendenden Früchten. Ruhe im Revier ist besonders während extremer und somit auch für das Wild belastender Witterungsphasen wichtig. Rückzugsbereiche sollten gemieden und Beunruhigungen so gering wie möglich gehalten werden. Eine strukturreiche und vielfältige Reviergestaltung schafft beste Voraussetzungen, um unseren Wildarten die Möglichkeit zu geben, auf Wetterextreme und Trockenperioden zu reagieren und auch in Zukunft passende Lebensräume im heimischen Revier zu finden.

 

 

Dr. Claudia Stommel

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung, Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW


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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 09/2019 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 09/2019: Forschungsstelle


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