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RWJ 01/2020: Neu in Europa – Chronic Wasting Disease

Die chronische Auszehrungskrankheit bei Hirschen

Die chronische Auszehrungskrankheit (engl. Chronic Wasting Disease, CWD) ist eine in Europa noch neue, aber meldepflichtige Tierseuche.

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In Europa wurde die Krankheit erstmals bei Rentieren in Skandinavien nachgewiesen, während sie in Nordamerika… Foto: N. Kollegova / pixabay.com

Es handelt sich um eine Erkrankung des zentralen Nervensystems bei Hirschen, die wie BSE (Rinderwahnsinn) und Creutzfeldt-Jakob zu den schwammartigen Hirnleiden („spongiforme Enzephalopathien“) gehört. In Norwegen wurde die Krankheit 2016 bei einem Rentier („Nordfjella-Population“) nachgewiesen – der erste dokumentierte Fall in Europa und das erste Auftreten bei Rentieren. In den USA und Kanada ist CWD seit Jahrzehnten weit verbreitet. Eingeleitete Vorbeugemaßnahmen erweisen sich bislang als wenig erfolgreich, was hauptsächlich auf die hohe Haltbarkeit und Ansteckungsgefahr des Erregers in der Umwelt zurückzuführen ist.

 

CWD in Nordamerika

Der erste CWD-Fall wurde 1967 in Colorado (USA) bei einem gehaltenen Maultierhirsch dokumentiert, 1981 trat die Erkrankung erstmals bei wilden Maultierhirschen auf, seitdem hat sie sich auf 25 weitere US-Staaten verbreitet und wurde durch den Export lebender Tiere nach Kanada und Südkorea verschleppt. In den endemischen Gebieten der USA wird in den letzten Jahren ein Populationsrückgang der betroffenen Wildhirsche beobachtet. Da sich infizierte Tiere zum Teil immer noch fortpflanzen können, tritt dieser Effekt jedoch verzögert auf. Groß- Prädatoren wie Wölfe können den Populationsrückgang durch selektive Entnahme auffälliger Tiere verzögern bzw. verhindern.

 


CWD in Norwegen

Bislang wurde die Krankheit in Norwegen bei Rotwild, Elchen und Rentieren nachgewiesen. Es ist unbekannt, wie die Krankheit aus den USA nach Europa verschleppt wurde. Forscher gehen davon aus, dass es in Norwegen zwei Varianten der Erkrankung gibt – die „klassische“ CWD, die jener in Nordamerika gleicht (Nachweise bei Rentieren in Nordfjella) und eine „untypische“ CWD, über deren Entstehung man bislang nur wenig weiß. An der „untypischen“ CWD erkrankten in Europa bislang drei Elche und ein Rothirsch. Diese Variante tritt sporadisch bei sehr alten Tieren auf und erfolgt – soweit bekannt – nicht über Ansteckung durch andere Tiere. Bei den in Norwegen eingeleiteten Maßnahmen handelte es sich um großflächige Abzäunungen betroffener Gebiete und Keulung der betroffenen Rentier-Population. Da eine Übertragung der Erreger vor allem auftritt, wo ein frequentierter Kontakt zwischen Tieren stattfindet, wurde die Winterfütterung um die Region Nordfjella eingestellt.


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Der Erreger

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... v. a. bei in Gehegen gehaltenen, aber auch wilden Maultier-Hirschen auftritt.

Der Erreger ist ein infektiöses Proteinpartikel, ein sog. Prion. Solche Erreger verursachen auch Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE/Rinder), Scrapie (Schafe) und Creutzfeldt-Jakob (Mensch). Prionen sind entartete Proteine, die einmal durch einen empfänglichen Organismus aufgenommen, andere Proteine in deren Aufbau stören und sich somit unkontrolliert vermehren. Durch diese Kettenreaktion häufen sich fehlerhafte Proteine im Gehirn an und zerstören so nach und nach die Gehirnzellen.

 


Übertragung und Symptome

Prionen werden durch direkten Kontakt zu infizierten Tieren oder indirekt in infiziertem Gelände über Mund und Nase aufgenommen. Infizierte Tiere verlieren stetig an Gehirnzellen, was zu Gleichgewichtsstörungen und Verhaltensänderungen wie Kopfzittern, unkoordinierten Bewegungen und gesenkter Kopfhaltung führt. Die Tiere verlieren mehr und mehr an Gewicht, da sie sich nicht mehr adäquat ernähren können. Es kann mehrere Jahre dauern, bis sich bei infizierten Tieren Krankheitssymptome zeigen. In der Zwischenzeit wird der Erreger über Speichel, Urin und Kot ausgeschieden. Prionen sind in der Umwelt extrem stabil und können über mehrere Jahre infektiös bleiben. Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass auch Menschen an CWD erkanken können, man geht jedoch davon aus, dass Menschen bei der Übertragung eine wesentliche Rolle spielen.

 


Nachweismethoden

Die bislang sicherste Diagnostikmethode stellt nach wie vor der Nachweis des Erregers in Gewebeproben (v. a. Gehirnstamm und Kehlgangslymphknoten) toter Tiere dar. An lebenden Tieren kann der Erreger über Stanzproben von Lymphgewebe nachgewiesen werden. Aktuell forscht man an einem Bluttest zur Diagnose bei lebenden Hirschen, die noch keine Krankheitsanzeichen zeigen. Diese neue Methode ähnelt im Wesentlichen einer Polymerasekettenreaktion (PCR). Durch eine PCR wird die Erbsubstanz (DNA) über eine von Enzymen (Biokatalysatoren) gesteuerte Reaktion vervielfältigt. Auch bei dem neu entwickelten Test zum Nachweis der Prionen ist es möglich, auch geringste Mengen des Erregers zu detektierten.

 


Infektionsrisiko durch Lockstoffe

Lockstoffe aus naturbelassenen, tierischen Substanzen (Urin oder Sekrete), die aus Infektionsgebieten eingeführt werden, sind ein potenziell infektiöses Material. Auf die Einfuhr solcher Präparate im Hinblick auf eventuell darin enthaltene Krankheitserreger sollte daher gänzlich verzichtet werden. Die Einfuhr von Präparaten aus unbehandeltem Urin aus Drittländern in die EU ist verboten.

 

Luisa Fischer

Fachtierärztin für Wildtierpopulationsgesundheit,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

E-Mail: luisa.fischer@lanuv.nrw.de


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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 01/2020 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

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