Seite 1

RWJ 12/2019: Europäisches Wildkatzen-Symposium

Wildkatzen in Deutschland

Ende September lud die Deutsche Wildtierstiftung in Neuwied zum Europäischen Wildkatzen-Symposium. Unter den rund 100 Besuchern waren Teilnehmer aus neun Ländern Europas.

wildkatze hebi b. auf pixabay id129193

Foto: Hedi B./pixabay.com

Europäische Wildkatzen sind echte Europäer – älteste Funde aus eiszeitlichen Höhlen sind mindestens 300 000 Jahre alt. Aktuelle Forschungen aus Deutschland, Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, der Schweiz, Österreich und Schottland verdeutlichen die Nutzung der in Europa zum Teil sehr verschiedenen Lebensräume, die die Wildkatze besiedelt. Anhand aktueller Karten wurde die in allen Ländern nur lückenhafte, und zum Teil rückläufige Verbreitung deutlich. Gefahrenursachen wie Verkehrstod, Infektionskrankheiten (Hauskatzen als Überträger) und Hybridisierung mit Hauskatzen wurden diskutiert. Die Population in Deutschland weist erfreulicherweise im europäischen Vergleich einen auffallend geringen Vermischungsgrad mit Hauskatzen auf. Beide Arten sind mit neuen genetischen Methoden gut voneinander zu trennen. Der Tod auf der Straße ist bei uns die bedeutendste und eine weiter ernst zu nehmende Gefährdungsursache.

 

 

Vorkommen in NRW

wildkatze lebensraum 2 id129195

Reich strukturierte Grünland-Gesell schaften im Tal mit Gebüsch-Sukzession und angrenzenden Wäldernbieten Wildkatzen Nahrung, Deckung und Schutz. Foto: Dr. M. Petrak

In NRW hat sich die Wildkatze v. a. in Rotwildgebieten wie der Eifel immer gehalten. Sie fühlt sich v. a. in zusammenhängenden, naturnahen und strukturreichen Wäldern von Eifel, Kottenforst, Siebengebirge und Siegerland wohl. Weiter wurden Vorkommen im Sauerland, Rothaargebirge, Briloner und Arnsberger Wald wie dem Eggegebirge nachgewiesen. Als Lebensraum benötigt sie Totholz, Dickicht am Waldboden und höhlenartige Rückzugsmöglichkeiten (z. B. Westwall-Bunkeranlagen oder zurückgekippte Wurzelteller) sowie Lichtungen im Wald oder Heckenriegel als Jagdrevier. Potenziell kann in ganz NRW mit Wildkatzen gerechnet werden, da sich v. a. umherstreifende Kuder von klassischen Verbreitungsgebieten ausbreiten können. Mit Totfund-Monitoring lässt sich mit einfachen Mitteln und vergleichsweise wenig Aufwand die Entwicklung in NRW überwachen. Dabei ist die Mitarbeit aller gefragt – in NRW haben Jäger eine besondere Verantwortung!

 

 


Windräder stören, Freiflächen helfen

Ein Schwerpunkt der Vorträge lag auf menschgemachten Störungen in Waldlebensräumen hiesiger Wildkatzen. Verschiedene Studien der Deutschen Wildtierstiftung zeigten dabei v. a., dass Windkraftanlagen (WEA) im Wald auf Wildkatzen individuell unterschiedlich stark einwirken. So reagieren besonders Weibchen in der Fortpflanzungsphase auf Windräder und meiden deren direktes Umfeld – während der Aufzucht lagen nächstgelegene Verstecke mind. 200 m von WEA entfernt. Deutlich wurde auch, dass neu geschaffene Freiflächen um WEA nicht besonders attraktiv für Wildkatzen sind, ebenso sensibel reagieren sie auf ein dichtes Waldwegenetz. An einem Fallbeispiel wurde das Verhalten von drei besenderten Wildkatzen während einer großräumigen Drückjagd auf Rotwild und Sauen (1 Hund/10 ha) gezeigt.

 

Alle drei Katzen blieben den Jagdtag über im Unterschlupf versteckt, waren aber bereits in der Nacht wieder im üblichen Rhythmus unterwegs und zeigten auch in den Folgetagen kein anderes Verhalten als in den Tagen vor der Jagd. Durch Trockenheit und Borkenkäfer verursachte Waldschäden und damit entstandene Waldlücken kommen Wildkatzen sehr entgegen. Sie jagen nämlich bevorzugt auf Waldlichtungen und nutzen entstandenes Totholz als Unterschlupf und Versteck zur Jungenaufzucht im Frühjahr und Frühsommer. Wissenschaftler warnen daher vor zu radikaler Räumung und zu schneller, dichter Aufforstung und empfehlen, Strukturvielfalt in Bestandsbegründungen zu integrieren – ganz nach dem Motto „Mut zur (Wald-)Lücke“ !


Gefahren

wildkatze lebensraum 1 id129194

Lücken durch Borkenkäfer und Sturmwurf im Wald kommen Wildkatzen zugute – Erhalt und Schaffung von Strukturvielfalt fördert ihre Population. Foto: Dr. M. Petrak

Absterbende Fichtenwälder sind also eine Chance, bieten aber auch neue Gefahren: Harvester-Räumungen von Windwürfen von März bis Juli können komplette Würfe töten, da Jungkatzen in den ersten Lebenswochen wenig mobil sind. Holzpolter sollte man daher in dieser Zeit vor dem Verladen mit dem Hund kontrollieren – dazu hilft eine frühzeitige Absprache mit lokalen Jägern. Knotengeflecht-Zäune zum Schutz von Kulturen können für Wildkatzen zur tödlichen Gefahr werden, wenn sich beim Übersteigen des Zaunes eine Kralle im Gitterknoten verfängt. Holzhorden-Zäune sind zwar aufwendiger, dafür aber für Wildkatzen gefahrlos zu überqueren – und eindeutig mit besserer Öko-Bilanz. Weiter wurde gezeigt, dass bereits gering befahrene Waldstraßen (weniger als 1000 Autos/Tag) Grenzen der Raumnutzung sein können. Gleichzeitig passieren Wildkatzen zwar auch stark befahrene Verkehrswege regelmäßig, was aber früher oder später tödlich endet.

 

Wildunfälle lassen sich durch die gezielte Errichtung von Grünbrücken oder Wildunterquerungen verhindern. Das Erkennen einer toten Wildkatze am Straßenrand gestaltet sich für Laien oft schwierig, dabei sind v. a. sachkundige Jäger, Förster und weitere Wildkatzenkenner gefragt! Die Meldung von Totfunden ist sowohl für Rückschlüsse auf den Zustand wie die Entwicklung und Ausbreitung einer Population sehr wichtig! Da Wildkatzen in NRW seit 2019 wieder unters Jagdrecht fallen („selbstverständlich weiter mit ganzjähriger Schonzeit“), sollten sich Jäger bei uns mit Totfundmeldungen aktiv an der Wildkatzenforschung beteiligen! Bringen Sie tot gefundene Wildkatzen dafür zu einer der rechts oben im Kasten aufgeführten Untersuchungsstellen, geben Sie dabei Funddatum und ort an! Fazit des Europäischen Symposiums in Neuwied:

 

Zumindest in Deutschland geht es der Europäischen Wildkatze aktuell zunehmend besser, die Population breitet sich sogar weiter nach Norden und Osten aus.

 

Luisa Ziegler

Fachtierärztin für Wildtierpopulationsgesundheit,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

E-Mail: luisa.ziegler@lanuv.nrw.de

Ein Tagungsband zum Symposium erscheint voraussichtlich Ende 2019.

 

 


Totfunde bitte melden

Wer eine tote Wildkatze findet, sollte sie zur kostenlosen Untersuchung an folgende Einrichtungen senden:

 

Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Westfalen

Zur Taubeneiche 1012, 59821 Arnsberg

 

CVUA Münsterland-Emscher-Lippe

Joseph-König-Str. 40, 48147 Münster

 

CVUA Ostwestfalen-Lippe

Westerfeldstr. 1, 32758 Detmold

 

CVUA Rheinland

Winterstr. 19, 50354 Hürth

 

CVUA Rhein-Ruhr-Wupper

Alte Gladbacher Str. 2, 47798 Krefeld

 

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 12/2019 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 12/2019: Forschungsstelle


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.