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RWJ 02/2020: Neue Regeln zur Ringeltauben-Bejagung in NRW

Schonzeit-Aufhebungen nur noch unter strengen Vorgaben

Die bisherige Annahme, „Schwarmtauben“ seien nicht an der Brut und Aufzucht von Jungvögeln beteiligt, wird durch neuere Untersuchungen widerlegt. Dadurch ergeben sich Konsequenzen für Abschüsse außerhalb der eigentlichen Jagdzeit.

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Stoppelfelder sind keine potenziellen Schadflächen – dort darf nur innerhalb der regulären Jagdzeit gejagt werden !

Die Ringeltauben-Strecke nahm in den 1960er-Jahren erheblich zu. Mögliche Ursachen dafür werden in der Zunahme des Anbaus von Mais, Raps und Gemüse vermutet. Entstandene Schäden in Gemüsegebieten am Niederrhein waren ursprünglich die Ursache für Schonzeitaufhebungen. Neben Fraßverlusten kann auch die Verkotung zu Ertragsminderungen führen. Die Strecke von 601 818 Ringeltauben im Jagdjahr 2007/08 nahm in den folgenden 10 Jahren (287 063/Jagdjahr 17/18), um mehr als 52 Prozent ab, was sich auch danach kontinuierlich fortsetzte. In Verbindung mit aktuell in der Landwirtschaft üblichen Anbautechniken sind gravierende Ringeltaubenschäden heute die Ausnahme, auch von landwirtschaftlicher Seite wird festgestellt, dass ihre Bedeutung in den vergangenen Jahren abnahm. Diese Einschätzung wird auch auf oberster Behördenebene bestätigt. Ein regional erhöhtes Schadpotenzial in Gebieten mit Leguminosen- und Gemüseanbau lässt sich jedoch nicht ausschließen.

 

Zuviel Schonzeit-Erlegungen

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Der Anteil der in der Schonzeit erlegten Tauben war in den letzten Jahren objektiv zu hoch.

Die NRW-Jagdzeit vom 1. November bis 20. Februar ist mit Bedacht gewählt. Von einer generellen Verlängerung muss abgeraten werden, denn Jagdzeiten entsprechend früherer Allgemeinverfügungen (21. Februar – 31. Oktober) sind mit dem hohen Risiko verbunden, auch Tauben zu erlegen, die an der Aufzucht der Jungen beteiligt sind. Nach neuen Erkenntnissen („Spittler/Feemers 2018“) ist die Vorgabe, ausschließlich nicht am Brutgeschäft beteiligte Schwarmtauben zu bejagen, in der Praxis nicht umsetzbar. Bei den auf gefährdeten Kulturen in größerer Anzahl angetroffenen Tauben handelt es sich um Ansammlungen, die durch das attraktive Nahrungsangebot angelockt werden. An der Aufzucht beteiligte Altvögel, die Felder einzeln oder paarweise nacheinander anfliegen, erwecken bei entsprechender Anzahl auf dem Feld leicht den Eindruck eines Schwarms. Auf das daraus resultierende Problem der versehentlichen Erlegung von Elterntieren hat die Forschungsstelle in den einschlägigen Beratungen wiederholt hingewiesen. Die Streckenanalyse der Jahre mit Allgemeinverfügung zeigt deutlich, dass sich die Bejagung in eine falsche Richtung entwickelte – die Zahl der in der Schonzeit erlegten Tauben überstieg häufig die der in der Jagdzeit geschossenen Tiere. Schonzeitaufhebungen sollen nur in Ausnahmefällen örtlich und zeitlich begrenzt für Entlastung von Schadflächen sorgen, dienen aber nicht primär der Bestandsregulierung.

 


Biologie und Brutpflege

Der Rückgang der Strecke war Anlass für den Stifterverband für Jagdwissenschaften in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle, Bejagung und Auswirkungen von Schonzeitaufhebungen näher zu untersuchen. Im Rahmen der Studie von „Spittler & Feemers“ wurden 917 erlegte Ringeltauben aus 11 Regionen/Revieren untersucht. 63 Prozent erlegter Tauben mit Kropfmilch und ein Alttaubenanteil von 80 Prozent unterstreichen das sehr hohe Risiko, an der Aufzucht beteiligte Altvögel zu erlegen. Kropfmilch ist ein Sekret, mit dem Jungvögel innerhalb der ersten zwei Wochen gefüttert werden. Da Junge etwa vier bis sechs Wochen von den Altvögeln versorgt werden, ist zudem davon auszugehen, dass auch Tauben ohne Kropfmilch zur Jungenaufzucht benötigt werden.

 


Fehler erkannt

Die Praxis der Allgemeinverfügungen beinhaltete unbeabsichtigte Risiken für an der Brut und Aufzucht beteiligte Tauben und damit auch für ihre Sozialstruktur. Dies entspricht grundsätzlich Befunden aus Untersuchungen der Forschungsstelle zur Altersverteilung in der Strecke, die seit Jahrzehnten durch einen ausgesprochen geringen Anteil an Jungtauben gekennzeichnet ist („z. B. Spittler 2003“). Grundlage der bisherigen Allgemeinverfügung war die Annahme, dass es sich bei den zur Bejagung freigegebenen Schwarmtauben um Tiere handelt, die „nicht“ am Brutgeschäft beteiligt sind oder Jungvögel versorgen. Diese Annahme ist durch die neuen Erkenntnisse eindeutig widerlegt.

 

Eine Bejagung außerhalb der regulären Jagdzeit stellt ein erhebliches Risiko dar, auch zur Aufzucht von Jungtauben benötigte Altvögel zu erlegen. Sollten Vergrämungsabschüsse auf landwirtschaftlichen Kulturen in der Schonzeit unvermeidbar sein, sollte darüber nur per Einzelantrag entschieden werden (wie bereits von zahlreichen Unteren Jagdbehörden umgesetzt). Letale Vergrämung (Abschuss einzelner Vögel) sollte maximal vom 16. September bis 30. April erlaubt werden, um die Gefährdung in der Hauptbrutzeit zu minimieren. Dabei ist außerdem nur innerhalb der Schadzeiträume der jeweils gefährdeten Kultur und auf pozentiell gefährdeten Flächen zu jagen. Innerhalb der Jagdzeit (1. November bis 20. Februar) darf regulär und bestandsreduzierend gejagt werden. Übermäßige Schäden, zu deren Vermeidung Allgemeinverfügungen bzw. Schonzeitaufhebungen erlassen wurden,

kommen dank heute verbessertem Schutz durch Folien und Netze nur noch in Einzelfällen vor. Positiv ist der Rückgang der Allgemeinverfügungen 2019. Die den Unteren Jagdbehörden zur „Jagd & Hund“ vorgestellten Ergebnisse wurden rasch umgesetzt. Bei Betroffenheit mehrerer zusammenhängender Jagdbezirke kann in begründeten Ausnahmefällen vom 16. September bis 30. April eine Bündelung in Form einer Allgemeinverfügung erfolgen. Vergrämungsabschüsse dürfen auch damit ausschließlich auf Schadflächen und nur während entsprechender Schadzeiträume der einzelnen Kulturen erfolgen. Beim Antrag auf Schonzeitaufhebungen sind Schadflächen flächenscharf anzugeben oder auf einer Karte einzuzeichnen. Eine Bejagung kommt nur auf gefährdeten Flächen infrage. Dies sollte auch in die Verfügung aufgenommen werden. Damit ist eine Bejagung in der Schonzeit auf Stoppelfeldern (auf denen in der Regel kein Schaden entstehen kann) unzulässig.

 


Derzeitige Schad-Zeiträume

Gefährdete Kulturen Zeitraum
Gemüse, Bohnen, Erbsen, Obst 21.02. - 31.10.
Getreide 21.02. - 31.03. und 15.06. - 31.10.
Zuckerrüben 15.03. - 31.05.
Mais 15.04. - 15.07.
Raps 21.02. - 31.03. und 15.06. - 31.10.

 

Diese Gefährdungszeiträume wurden zwischen Landwirtschaftskammer und Forschungsstelle abgestimmt und gelten für durchschnittliche Wetterbedingungen. Die neu gewonnenen Erkenntnisse helfen uns, Rahmenbedingungen anzupassen und damit auch in der Praxis eine wildgerechte und nachhaltige Bejagung zu ermöglichen.

 

Dr. Claudia Stommel, Dr. Michael Petrak

LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn

 


Schonzeit-Aufhebungen für Ringeltauben 2019

Stand September 2019 (Oberste Jagdbehörde)

Verfügungsart ohne Änderung einzeln mit Änderung keine
RB Arnsberg 2 6 3 1
RB Detmold 4 3 - -
RB Düsseldorf 5 5 2 3
RB Köln - 10 1 -
RB Münster 5 2 - 1
ganz NRW 16 26 6 5

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 02/2020 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 02/2020: Forschungsstelle


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