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RWJ 03/2019: Was das Jagdgesetz für Rotwild in NRW bedeutet

Neue Spielregeln

Die Novelle des Jagdgesetzes bringt eine einheitliche Bewirtschaftung für alle Rotwildgebiete.

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Rotwild in NRW.

Eine sachgerechte, den Ansprüchen des Rotwilds, der Balance zwischen Wild und Lebensraum, der Wildschadenminimierung und den Ansprüchen von Schutz und nachhaltiger Nutzung gerecht werdende Hege und Bejagung muss in Rotwildgebieten nach einheitlichen Kriterien erfolgen. Die Hege gemeinschaften haben dabei eine zentrale Aufgabe. Rotwildsachverständige bewer ten die Gesamtsituation und die Abschuss pläne unabhängig von der Zugehörigkeit der Reviere zu einer Hegegemeinschaft, sie werden von der Forschungsstelle berufen. Mit der Novellierung des Jagdgesetzes ist dies verbindlich geregelt. Die Auswertung für das Jagdjahr 2017/18 ist die 12. nach Einführung des Zielalters von 12 Jahren (früher 10), wie bisher orientiert sich die Klasseneinteilung allein am Alter. Grundlage sind die Geschäftsberichte der Rotwildsachverständigen mit Angaben zum Frühjahrsbestand zum 1.4.2017, festgesetzten Abschüssen und Strecken.

 

Sturm Friederike (18.1.2018)

Neue Aspekte ergaben sich nicht, sodass auf entsprechende Auswirkungen von Kyrill verwiesen wird. Friederike hatte allerdings zur Folge, dass die in bestimmten Gebieten beantragte Verlängerung der Jagdzeit nicht mehr zum Tragen kam.


Winterfütterung

Die Winterfütterung spielte im betrachteten Zeitraum keine besondere Rolle. In den Eifel-Hochlagen führte der verzögerte Erstfrühlingsbeginn regional dazu, dass körpereigene Reserven aufgebraucht wurden und der Wildhandel zu Beginn der Jagdzeit geringe Gewichte beklagte.


Streckenentwicklung und -struktur

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In einigen Gebieten tauchte immer wieder die Frage der Eingruppierung der Spießer auf, weshalb sie hier nach der DVO noch einmal erläutert wird – ein Jährlingsspießer der Klasse 3 lebt, ein Spießer der Klasse 4 ist tot! Bei der Freigabe zählen Spießer zur Klasse der jungen, d.h. ein- bis dreijährigen Hirsche. Nach seiner Erlegung zählt ein Spießer zur eigenständigen Klasse 4. Die eigene Angabe der Jährlinge (Schmaltiere und Spießer) ist Voraussetzung zur Berechnung des Mindest-Alttierbestandes. Dies ist auch der Grund, weshalb Spießer in der Strecke in einer eigenen Klasse angegeben werden. Relativ geringe Verkehrsverluste resultieren überwiegend aus Unfällen in ballungsnahen Räumen. Aus einer geringen Unfallbeteiligung kann jedoch keinesfalls abgeleitet werden, dass der Verkehrswegebau für Rotwild keine Relevanz besitzt. Im Vordergrund muss die Verknüpfung von Lebensräumen stehen, etwa über Grünbrücken.

 


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Die Gesamtauswertung zeigt, dass der Schlüssel zur Begrenzung der Bestände in einer Streckenstruktur mit einem angemessen hohen Alttieranteil ist. Die Populationsstatistik erfordert einen Anteil von 40 Prozent Alttieren an der Strecke. Obwohl gerade beim Rotwild die tierschutzgerechte Erreichung der Alttierquote objektiv schwierig ist, wurde in der DVO die Linie beibehalten, die Quote von 45 Prozent anzugeben, gewissermaßen vorzuhalten.


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Erfüllungsgrad ges. (landesweit): 92,8 %

Erfüllungsgr. weibl. (landesweit): 95,2 %

(Siebengebirge nicht berücksichtigt, da keine Abschussplanung vorliegt)

 

Bei einem Vergleich ist die unterschiedliche Größe der Gebiete zu berücksichtigen, sodass der Erfüllungsgrad zwischen kleinen Gebieten wie in Minden nicht mit Gebieten wie dem Sauerland verglichen werden kann. Die tierschutzgerechte Erreichung der Alttierquote ist und bleibt eine Daueraufgabe.


Hirsch-Streckengliederung als Spiegel der Rotwildsituation

Ziel einer integrierten Rotwildhege und Jagd ist eine den biologischen Bedürfnissen entsprechende Gliederung des Wildbestandes, die den sozialen Bedürfnissen des Rotwildes Rechnung trägt und im Kielwasser den Interessen einer nachhaltigen Hege und Bejagung entspricht. Dies spiegelt sich auch in der Streckengliederung und letztlich in der Ausbeute reifer Trophäenträger wider. Freigaben und Strecken für Hirsche der Klasse 1 sind nachfolgend wiedergegeben – die absoluten Zahlen für Freigabe und Erlegung fasst Tab. 4 (u.) zusammen:

 


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Die Tatsache, dass die Strecke an Hirschen der Klasse 1 deutlich unter derjenigen liegt, die angesichts der aktuellen Populationshöhe möglich wäre, unterstreicht, dass es nach wie vor notwendig ist, sich für eine sachgerechte Freigabe einzusetzen. Die bedeutet vor allem Zurückhaltung bei der Freigabe bei Hirschen der Klasse 1 und auf großer Fläche eine Anpassung der Streckenstruktur. Änderungen in der Landwirtschaft und eine zunehmende Monotonisierung bedeuten nicht nur physiologische Engpässe für das Rotwild, sondern erhöhen besonders auch das Wildschadenrisiko. Ein sachgerechter und richtig strukturierter Kahlwildabschuss und Zurückhaltung beim Hirschabschuss stehen gleichwertig nebeneinander. Öffentliche Wald eigentümer sind besonders gefordert:

  • zu kleine Reviere,
  • örtlich hohe Pachtpreise,
  • Interesse aus einem hohen Erlös aus der Jagd,
  • Missbräuche bei der Winterfütterung,
  • fehlende Zusammenarbeit vor Ort und - die Forderung nach waldverträglichen Wildbeständen bei gleichzeitiger Pachtpreismaximierung

erschweren den sachgerechten Umgang mit Rotwild. Sorge bereiten auch die Anzeichen einer immer vorkommenden illegalen Entnahme von Hirschen.

 


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Wirklich reife Hirsche der Klasse 1 (12 Jahre u. älter) könnte es leider auch in NRW deutlich mehr geben ... Fotos (2): M. Breuer

Gerade bei der Rotwildbejagung sind auch die Verpächter in der Pflicht – Pachtpreismaximierung, die Berücksichtigung der Lebensansprüche des Wildes und ein für den Wald tragbarer Bestand sind nicht miteinander kombinierbar. Wenn dieselben Gebietskörperschaften einerseits zu hohe Bestände beklagen, andererseits in Pachtausschreibungen Erwartungen an den Anteil reifer Hirsche provozieren, die einen Bestand von 20 Stück je 100 ha voraussetzen, darf dies als mangelnde Verantwortung für Lebensraum, Wildbestand und nachhaltige Nutzung gedeutet werden. Der Einsatz für Rotwild gelingt nur gemeinsam mit Ehrlichkeit, Realismus und Vereinbarkeit bei den Zielen.

 

Dr. Michael Petrak

LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de,

Auswertung Tabellen/Grafiken: FOI Martin Müller


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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 03/2019 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 03/2019: Forschungsstelle


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