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RWJ 08/2018: Streckentafeln in der Praxis

Keine Hexerei

Die Aufnahme von Streckentafeln, auch des weiblichen Wildes, liefert wertvolle Informationen zu Aufbau des Bestandes, Struktur und Abschuss. Wer dazu auch Erlegungsdaten dokumentiert, gewinnt wichtige Einblicke in die Bestandsstruktur.

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Es hat sich bewährt, die Altersschätzung im Team vorzunehmen und die Unterkiefer zu Vergleichszwecken nebeneinander auszulegen.

Vollständige Streckentafeln, also eine Auflistung nach Alter und Geschlecht, erlauben die Beantwortung folgender Fragen:

 

  •  Stimmt die Altersverteilung bei männlichem und weiblichem Wild überein, spricht das für eine der Biologie und dem Wildbestand entsprechende Altersstruktur – wenn nicht, liegt dies in der Regel an Bejagungsmängeln.
  • Das Geschlechterverhältnis bei großen Stichproben sollte in der Größenordnung von 1 : 1 liegen. Überwiegt weibliches Wild, kann dies verschiedene Ursachen haben:
    – Bei überhöhten Beständen gibt es potenziell zu viel weibliche Kälber. Die Bestandshöhe müsste jedoch so hoch sein, dass dies die Balance zum Lebensraum empfindlich stört. In der Kulturlandwirtschaft ist das angesichts menschlicher Ansprüche (Wildschäden !) eher die Ausnahme. Weit häufiger sind Unstimmigkeiten in der Buchung
    – bei Wildbeständen reichen schon kleine Fehlangaben, um die Struktur insgesamt zu verschieben.
  • Sehr aufschlussreich ist die Altersstruktur bei Kälbern – spät gesetzte können ihre erste Wachstumsphase vor dem Winter nicht richtig abschließen. In der Konsequenz erhöht dies den Nahrungsbedarf im Winter und das Risiko, bei strenger Witterung zu kümmern oder einzugehen. Im letzten strengen Winter 2010/11 waren die meisten Kälber im Februar etwa vier Monate alt – also eindeutig sehr spät gesetzt. Kälber im Wollkleid zur Brunft sind eindeutig zu spät dran. In der Regel korrespondiert dies auch mit dem Fehlen reifer Hirschen in Bestand und Strecke.

 

 

Wie man Zeit und Aufwand spart

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Bei dreijährigen Alttieren ist der P 3 in die Zahnreihe eingeordnet, ...

Ein Argument gegen Hegeschauen und Streckentafeln bei weiblichem Wild ist oft der befürchtete Arbeitsaufwand. Bei sachgerechter Vorbereitung und Durchführung im Team liegt dieser jedoch niedriger als man denkt: Häufig steht am Anfang die Frage, ob nicht der Erleger das Alter selbst schätzen sollte. Ähnlich wie bei Nachsuchenhunden und zur Bewertung von Hirschen hat sich auch die Altersschätzung bei weiblichem Wild in kleinen, sachkundigen Gruppen bewährt. Der Grund ist ganz einfach – die Altersschätzung nach Zahnwechsel und Gebissabnutzung ist ein vergleichendes Verfahren. Vergleiche leben angesichts der großen Vielfalt in der Biologie von der Erfahrung und profitieren auch davon, wenn die Ansprache gemeinsam erfolgt.

 

Die zweite Frage ist häufig, in welchem Zustand Kiefer angeliefert werden. Grundsätzlich werden sie bald nach der Erlegung ausgelöst und in einem 6 lBeutel frisch eingefroren. Wildursprungsmarken sollte man mit Kabelbindern am Unterkieferast befestigen. Damit bei Einfrieren und Transport Angaben zu Altersu. Sozialklasse, Erlegungsdatum u. ort nicht verloren gehen, sollte man diese Infos mit Kugelschreiber auf einer Karteikarte beifügen – allerdings im getrennten Gefrierbeutel mit Kieferast und Begleitinfos. Etiketten/Beschriftung mit Folienstift außen auf der Tüte sind in der Gefriertruhe nicht hinreichend sicher haltbar. Mit dieser frischen Methode lassen sich Manipulationsmöglichkeiten reduzieren (in manchen Gebieten spielt dies eine Rolle), der geringere Arbeitsaufwand ist ein großer Vorteil. Allerdings braucht man an Sammelstellen zentrale Gefriertruhen. Wer sich die Mühe macht, Kiefer abzukochen, hat einen höheren Gegenwert, da sich daran noch bestimmte Maße nehmen lassen (Unterkieferlänge) und Feinheiten des Zahnwechsels leichter erkennbar sind. Die Forschungsstelle wendet je nach örtlicher Situation beide Verfahren an.


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Keine Hexerei

Vorbereitung und Durchführung

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... während er bei Zweijährigen noch auf Lücke steht.

Im ersten Schritt druckt man Altersstufen auf DIN A 4 aus („0: Kälber/1: Jährlinge usw.“). Diese Blätter laminiert man am besten im CopyShop. Die Kiefer werden herausgenommen, das Alter angesprochen, eine Liste angelegt und die Kiefer zu den Alterstafeln gruppiert. Schwierige Kiefer legt man gesondert ab, um dies später nachvollziehen zu können. Bei Auslegen aller Kiefer lassen sich auch während der Bearbeitung noch Vergleiche anstellen, zudem ist diese Technik bei gründlicher Vorbereitung sehr effizient und erlaubt ein hohes Arbeitstempo.

 

Ein geübtes Team (zwei bis vier Personen) kann so in sechs Stunden Strecken von 800 Stück sorgfältig aufbereiten ! Eine Person übernimmt die Listenführung und zwei sprechen das Alter an – bis drei Jahre ist die Ansprache hinreichend sicher. Bei älteren Stücken können die Kiefer auch spontan gemeinsam beurteilt werden. Da aus biologischen Gründen junge Altersklassen zahlreich vertreten sind (am einfachsten nach Zahnwechsel anzusprechen), ist ein hohes Arbeitstempo möglich.

 


Altersbeurteilung anhand von Zahnwechsel und -abnutzung

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Auf der Homepage der Forschungsstelle kann man sich die Daten von Streckentafeln automatisch verrechnen lassen.

Bei Rotwildkälbern sind bereits bei der Geburt alle Schneidezähne und der Eckzahn im Milchgebiss vorhanden und die Prämolaren mit den Spitzen bereits durchs Zahnfleisch gebrochen. Mit vier Monaten kommt der erste Molar hinzu – dieser älteste Dauerzahn in jedem Gebiss wird daher auch zur Altersschätzung nach dem Zementverfahren verwendet. Im Laufe des Winters bricht der M 2 allmählich durch, je nach Kondition und Konstitution kann es durchaus Kälber geben, bei denen der Zahnwechsel der Molaren dem eines schwachen Jährlings entspricht. Dann ist der Status der Schneidezähne wichtig, die im Alter von etwa zwei Jahren gewechselt werden.

 

Der dritte Prämolar (P 3) ist im Milchgebiss dreiund Dauergebiss (ab 2 Jahren) zweiteilig, genaues Hinschauen lohnt sich. Gelegentlich werden auch Unterkiefer von Stücken vermeintlich hohen Alters angeliefert, da der P 3 bereits erheblich abgenutzt ist – dann ist dem Erleger nicht aufgefallen, dass darunter noch der Dauerzahn steht. Zweiund dreijährige Stücke lassen sich bei Rotwild noch hinreichend sicher unterscheiden – bei Zweijährigen steht der P 3 noch nicht so richtig in der Flucht – beim Blick von der Seite ist am Übergang von P 3 zu M 1 ein kleiner Absatz zu erkennen und auch von oben zeigt sich, dass er noch nicht so richtig in der Reihe steht. Eine Besonderheit bei Wiederkäuerzähnen sind parallele Schichten von Schmelz und Dentin – beim Mensch umschließt der Schmelz das Dentin vollständig, bei Wiederkäuern haben beide Teile Kontakt zur Nahrung. Der Zahnschmelz bleibt weiß, das Dentin verfärbt sich abhängig von der Äsung. Dadurch geben unterschiedliche Flächen von Dentin und Schmelz sowie die Färbung ausreichend Hinweise zum Alter. Entscheidend ist es, Kiefer immer als Ganzes zu beurteilen, zumindest vom P 2 bis zum M 3. Der erste Prämolar wird praktisch nicht kontinuierlich belastet und erlaubt keine sichere Ansprache. Durch Verletzungen und andere Anomalien (etwa Kieferfehlstellungen) kommt es immer wieder zu ungleichmäßigen Abnutzungserscheinungen. In der Regel macht es Sinn, sich an den am stärksten abgenutzten Zähnen zu orientieren. Aus populationsdynamischen Gründen reicht zur Einschätzung des Bestandes die Ansprache nach Zahnwechsel und Abnutzung aus. Selbstverständlich kann danach mal ein Kiefer zu alt oder zu jung geschätzt werden, doch gerade, wenn dieselbe Personengruppe immer wieder zusammenarbeitet und die Stichprobe über die Jahre steigt, bleiben solche Ansprechfehler beständig.

 

Fazit: Gemessen am Ertrag, lohnt es sich auf jeden Fall, eine Hegeschau aufzunehmen. Streckentafeln gewinnen im Lauf der Zeit an Wert – Zeitreihen erlauben eine zunehmend bessere Einschätzung der Bestandssituation. Damit wird auch die Grundlage für die Bejagung tragfähiger – dies kommt Rotwild, seinem Lebensraum und allen Beteiligten zugute.

 

Alexander Klug, Martin Müller, Dr. Michael Petrak

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 08/2018 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_08/2018: Forschungsstelle


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