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RWJ 03/2020: Vorverlegung der Jagdzeit auf Rehe in den April

Jagd aufs nötige Maß beschränken

Der Gesetzgeber bietet die Möglichkeit, die Jagdzeit auf Rehe in NRW an Aufforstungen in den April zu erweitern, um Wildschäden zu verhindern. Doch Rehe brauchen im April noch Ruhe, jagdliche Eingriffe müssen daher wohlüberlegt sein.

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Für Rehe ist das zeitige Frühjahr durch das eingeschränkte Äsungsangebot, Haarwechsel und Stoffwechsel-Steuerung keine einfache Zeit – eine Bejagung im April zur Vermeidung von Fege- und Verbiss-Schäden sollte daher ausschließlich an Aufforstungsflächen stattfinden. Fotos: K. - H. Volkmar

Jäger sind gefordert, die Voraussetzungen für eine klimastabile Waldverjüngung durch intensive, aber tierschutzgerechte und nachhaltige Bejagung zu unterstützen. Nach Kyrill entwickelte und in zahlreichen Fortbildungen vermittelte Methoden bieten auch nach den Trockenjahren 2018/19 und Borkenkäferschäden eine Grundlage für die aktuelle Wiederbewaldung.

 

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Grafik : A. Klug

In Verbindung mit der Begründung von Waldbeständen wird die Forderung nach einem Beginn der Jagdzeit für Rehe im April erhoben. Da Wildwiederkäuer zu dieser Zeit aber noch nicht aus ihrem Stoffwechseltief heraus sind, kommt dies nur in begründeten Ausnahmefällen infrage. Deutschland hat eine der längsten Jagdzeiten auf Schalenwild, sodass sich bei entsprechendem Willen die notwendigen Abschussquoten erreichen lassen – unzureichende Bejagung in der regulären Jagdzeit wird nicht dadurch ins Gegenteil verkehrt, dass die Jagdzeit einfach früher beginnt. Als Folge des Klimawandels beginnt das Frühjahr heute rund drei Wochen eher als vor 30 Jahren.

 

Dies ist der Hintergrund zur Forderung nach einer Vorverlegung der Jagdzeit, bevor auf verjüngungsnotwendigen Flächen Rehe nicht mehr zu sehen sind. Die Temperatursteuerung im Frühjahr läuft bei Pflanzen in erster Linie über Schwellenwerte, die Jahresperiodik der Wildwiederkäuer wird dagegen in erster Linie über das Hypophysen-System (Hirnanhangdrüse), also die Tageslichtlänge gesteuert. Daher reagieren Tiere ungleich Pflanzen nicht auf die wärmere Temperatur im Frühjahr, sondern auf die sich verändernde Tageslänge.

 


Feistbevorratung als Maß der Kondition

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Fotos: K. - H. Volkmar

Fettgewebe im Organismus haben eine unterschiedliche Bedeutung. Das Bauchfett hat Speicherfunktion. Das Unterhautfettgewebe dient der thermischen Isolation. Nierenfett hat mechanische Stützfunktion, zählt zu den härteren Fetten (Talg) und ist sehr hochwertig. Fette mit mechanischer Stützfunktion dienen bei Energiemangel erst zum Schluss als Reserve, werden also zuletzt abgebaut. Diese Kenntnis ist seit Jahrzehnten Grundlage dafür, dass Stütz- und Funktionsfette in der Wildbiologie als Feldmaß zur Beurteilung der Kondition herangezogen werden. Das exakte Auswiegen des Fettes wäre sehr aufwendig. Für die Praxis genügt zur Konditionsbeurteilung die Anwendung der visuellen Einschätzung des Nierenfettindex, wie es im Forschungsstellen-Umdruck Beobachtung im Revier seit 1989 auch für NRW empfohlen wird. Geringe Nierenfettindex-Werte signalisieren den weitgehenden Abbau körpereigener Reserven, sodass die Tiere (selbstverständlich Lebende!) gerade in dieser Zeit Ruhe brauchen.

 

Speziell bei den Verdauungsorganen gibt es neben der Jahressteuerung über die Tageslänge zusätzliche Anpassungsmechanismen über die Nahrungsqualität. Ob der zeitige Eintritt des Frühjahres auch zu einer rascheren Erholung führt, sollte im Rahmen einer Studie geprüft werden. Dies war der Hintergrund einer Vorverlegung der Jagdzeit in einem Teilgebiet mit einer Untersuchung zu verknüpfen. Für die präzise Erhebung der Daten ist allen Mitwirkenden beim Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft ausdrücklich zu danken.

 


Jagd im April nur an Aufforstungen – und befristet

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Schmalreh mit hohem Nierenfett-Index. Fotos: FoSt / J. Cohnen

Nach den Ergebnissen im Königsforst benötigte man dort im April zur Erlegung eines Rehes 72 Minuten. Der Zeitraum stieg im Mai 2018 auf 202 Minuten an. Dies bedeutet auch eine längere Anwesenheit der Jäger, also einen höheren Jagddruck pro erlegtem Stück. Allerdings ist der NierenfettIndex so gering (bei acht Rehen kein Feist, neun mit wenig, ein Reh mit mäßigem Feist, zwei mit starker Feistanlage), sodass der April eindeutig noch als Notzeit mit hohem Ruhebedürfnis anzusprechen ist. Dies ist auch der Grund dafür, dass die reguläre Jagdzeit im Mai beginnt.

 


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Schmalreh mit Nieren ohne Feist. Fotos: FoSt / J. Cohnen

Die Erfassung und Auswertung belegt, dass offensichtlich die Steuerung des Stoffwechsels über das HypophysenSystem und die Tageslänge eindeutig dominiert, sodass unter Tierschutzaspekten eine Vorverlegung der Jagdzeit in den April erst infrage kommt, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Die Jagd im April bedarf einer sorgfältigen Prüfung und Beschrän kung auf tatsächliche Verjüngungsflächen und einen Zeitraum in der kritischen Phase, also auf nur wenige Jahre. Hier ist v. a. auch die Verantwortung vor Ort gefragt.

 

Dr. Michael Petrak LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde u. Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

Tel. 0228/977550,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 03/2020 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 03/2020: Forschungsstelle


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