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RWJ 05/2018: Rot- und Schwarzwild-Bestände

Grundlagen zur Bestandsentwicklung

Auch wenn mathematische Grundlagen die Einschätzung von Wildbeständen nie ersetzen können, sollten Jäger Basis-Daten dazu schon mal gehört haben.

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Wie viele Stücke einer bestimmten Wildart in einem Revier vorhanden sind, wie viele jedes Jahr hinzukommen – und wie viele man jedes Jahr entnimmt, sind elementare Grundlagen der Bestandsplanung. Zwischen Rot- und Schwarzwild gibt es dabei erhebliche Unterschiede … Foto: M. Breuer

Die wildtiergerechte und lebensraumorientierte Bejagung von Wildbeständen im Sinne einer nachhaltigen Nutzung zählt bei allen großen Schalenwildarten zu den Daueraufgaben. Jagd bedeutet immer einen Eingriff in ein Sozialgefüge. Dabei ist in der konkreten Situation der Tierschutz zu beachten – führende Stücke dürfen nicht erlegt werden. Eingriffe in den Wildbestand müssen nicht nur in der Größenordnung richtig gewählt werden, sondern auch in der Struktur – so führt etwa ein zu geringer Frischlingsanteil an der Strecke zu anwachsenden Sauenbeständen.

 

Bei Rotwild führt ein zu geringer Alttieranteil zur Zunahme der Bestände. Die „klassische“ Folge von Bejagungsfehlern beim Rotwild zeigt sich auch am Fehlen reifer Hirsche. Diese Phänomene sind in der Praxis durchaus vertraut. Zählungen an Fütterungen bei strenger Winterwitterung, Scheinwerfertaxationen im Frühling (Buschwindröschenblüte) und Zuwachs-Beobachtungen im Sommer liefern zusätzliche Grundlagen zur Einschätzung von Wildbeständen, allerdings ist keine dieser Methoden ganz genau. Ein Einblick in rechnerische Grundlagen hilft, Entwicklungsrichtungen richtig zu beurteilen – im Zweifel ist es wichtiger, in kleinen Schritten richtige Bejagungsstrategien zu verfolgen, als mit hohem Tempo falsche Maßnahmen zu ergreifen. Eine fundierte Streckenauswertung bietet einen ersten Einstieg. Ähnlich wie Sterbetafeln (Mensch) erlauben Streckentafeln und Wildstrecken eine Einschätzung der Populationshöhe, besonders wenn man mehrere Jahre berücksichtigt.

 

Grundformen des Bestandswachstums

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Foto: K. - H. Volkmar

Wildbestände entwickeln sich nach mathematisch fassbaren Gesetzmäßigkeiten – dem exponentiellen (Abb. 1) und logistischen Wachstum (Abb. 2). Bei logistischem Wachstum wächst kein Bestand ständig weiter, weil die Umweltkapazität Grenzen setzt. Exponentielles Wachstum (theoretisch unbegrenzt/analog der Zinseszinsrechnung) kommt in der Natur nicht vor.

 

Nt = No x (1 + r )t

 

No = Ausgangsbestand

Nt = Bestand nach der Zeit t

r = Zuwachs (bezogen auf Bestand in %)

 

Erläuterung: Zuwachs bedeutet hier „effektiven“ Zuwachs: In der Praxis gelingt es in der Regel nie, exakt so viele Stücke zu erlegen, wie durch jährlichen Zuwachs hinzukommen – die Strecke ist entweder etwas größer oder etwas kleiner. Die Differenz aus Zuwachs und Strecke ist die Zuwachsrate r, mit der ein Wildbestand wächst.

 

Beispiele: Nehmen wir an, dass nach einem sehr strengen Winter und schlechten Fraßbedingungen der Zuwachs beim Schwarzwild nur 100 Prozent erreicht. Dies ist eher niedrig ! Von diesem Zuwachs werden nur 65 Prozent erlegt. Die Zuwachsrate r beträgt in diesem Fall 100 – 65 = 35 Prozent. Dies hat deutliche Auswirkungen auf die Vermehrungsrate. Ein Ausgangsbestand von 100 Sauen vermehrt sich, wenn die Bejagung unter dem Zuwachs bleibt und er jedes Jahr um 35 Prozent wächst, nach 2 Jahren auf

 

100 x (1 + 0,35)2 = 182 Sauen

 

hat sich also praktisch verdoppelt.

 

 

Bei Rotwild ist die Zuwachsrate, bezogen auf den Bestand insgesamt geringer. Bei einem Geschlechterverhältnis von 1 : 1 und einem Zuwachs von 70 Prozent (bezogen auf weibliches Wild), beträgt der Zuwachs des Gesamtbestandes 35 Prozent. Werden davon auch nur ein paar Stücke zu wenig erlegt (Strecke nur 25 Prozent) wächst der Bestand mit einer Rate von 10 Prozent (35–25). Damit würde sich ein so bejagter Rotwildbestand nach sieben Jahren verdoppeln!

 

Diese einfachen Rechenbeispiele verdeutlichen, warum uns die Zunahme von Wildbeständen gelegentlich explosionsartig vorkommt. Gleiches gilt natürlich auch für die Absenkung von Beständen!

 

Das Zählen von Tieren und Wildbeständen beschäftigt uns von Anfang an. Bis heute existiert „keine einzige“ Methode, die ein generelles und objektives Erfassen von Wildtierpopulationen ermöglicht. Dieses Problem, und daraus resultierende Schwierigkeiten beim Management vieler Tierarten, ist keinesfalls auf jagdbare Arten beschränkt, sondern in der terrestrischen (Festlands-)Ökologie weit verbreitet. Da der absolute Zuwachs mit steigendem Bestand zunimmt, erscheint uns dies explosionsartig.

 

 


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Grundlagen zur Bestandsentwicklung

Beschreibung von Wildbeständen und Populationen

Zum Glück ist es nicht immer nötig, alle Populationseigenschaften unmittelbar zu erfassen; häufig kann eine charakteristische Eigenschaft aus besser zu erfassenden erschlossen werden. In der Praxis ist es wichtiger, wenige Größen genau zu erfassen, als eine Fülle mit nur wenigen Beobachtungen zu belegen. Wildbestände lassen sich nach der Struktur beschreiben, formale Elemente umfassen dabei: Anzahl/Wilddichte, Geschlechteranteil, Alters- und Sozialklassen, Krankheitszustand. Funktionelle Strukturelemente beziehen sich auf die Zuwachs- und Sterberate einer Strecke.

 

Die Sterberate von Schalenwild in unserer Kulturlandschaft wird hauptsächlich durch die Jagd beeinflusst. Damit kommt einer exakten Streckenerfassung eine Schlüsselrolle zu. Zur Streckenerfassung: Wesentliche Alters- und Sozialklassen lassen sich am Zahnwechsel leicht erfassen.


Einschätzung von Wildbeständen anhand der Strecken

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Aus Strecken lassen sich Wildbestände näherungsweise einschätzen. Dabei werden folgende Grundannahmen zugrunde gelegt (Beispiel Rotwild):

 

- Die Streckenentwicklung ist weitgehend stetig oder kontinuierlich.

 

- Die jährliche Strecke liegt in der Größenordnung des Zuwachses.

 

1. Im ersten Schritt wird der prozentuale Zuwachs ermittelt. Liegt der beim weiblichen Wild bei 70 Prozent und beträgt das Geschlechterverhältnis in der Strecke 1 (m) zu 1,5 (w), beträgt der Zuwachs des Gesamtbestandes:

 

1,5 x 70
----------- = 42 Prozent
1 + 1,5 

 

Je mehr das Geschlechterverhältnis zum weiblichen Wild verschoben ist, desto stärker wächst der Bestand.

 

2. Der Bestand anhand der Strecke wird ermittelt wie folgt:

 

100
------------------------------------  x Strecke
Bestandeszuwachs (in %)

 

3. Beispiel: Beträgt die Strecke 80 Stück Rotwild, errechnet sich der Grundbestand wie folgt:

 

100
---------- = 190 St. Frühjahrsbestand
42 x 80 

 

Der Rechengang lässt sich einfach überprüfen: Ein Gesamtbestand von 190 Stück bringt beim effektiven Zuwachs von 42 Prozent jedes Jahr einen Zuwachs von 79,8 = 80 Stück.

 


Strecke und Bestand

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Berechnungen anhand von Strecken „hinken naturgemäß hinterher“, entscheidend ist der Vergleich über mehrere Jahre. Die Einschätzung der Größenordnung und das Erkennen der Entwicklungsrichtung ist die Hauptaufgabe der Berechnung. Das gilt auch für andere Verfahren wie die Frühjahrszählung von Rotwild durch Scheinwerfertaxation. Will man auf den Bestand zurückschließen und sind entscheidende Voraussetzungen gegeben (Strecke über ein bis drei Jahre in derselben Größenordnung, keine deutlichen Zu- oder Abnahmen), wird tatsächlich jedes Jahr annähernd so viel Wild erlegt wie zuwächst.

 

Bei Rotwild beträgt der Zuwachs etwa 35 Prozent – damit ist in der Praxis ein Bestand etwa dreimal so hoch wie die nachhaltig erzielbare Jahresstrecke. Können also über etwa sieben Jahre jährlich 100 Stück erlegt werden und ändern sich auch sonst die Verhältnisse nicht dramatisch, lässt sich daraus schließen, dass ein Grundbestand von etwa 300 Stück vorhanden ist. Bei Wiederkäuern ist der Bestand also immer höher als die Strecke.

 


Bei Sauen alles anders

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Anders sieht’s bei Schwarzwild aus, wo Zuwächse zwischen 200 und 300 Prozent deutlich höher liegen. Der Grundbestand bei Sauen muss also immer kleiner sein als die Strecke! Eine Strecke von 40 000 Sauen bedeutet, dass der Grundbestand zwischen 15 000 und 20 000 liegt, was man leicht überprüfen kann: Beim Grundbestand von 20 000 und einem Zuwachs von 200 Prozent kommen 40 000 hinzu. Genauso viele Sauen müssten erlegt werden, wenn der Bestand nicht wachsen soll. Bei höherem Zuwachs genügt ein noch kleinerer Grundbestand.

 

Fazit: Wegen Unschärfen der Bestandsermittlung und dem Fehlen einfach sicherer Methoden sollte man immer verschiedene Verfahren kombinieren. So sollte man Scheinwerfertaxationen im Frühjahr mit der Ermittlung des Zuwachsprozentes im Sommer (wenn Kälber im Kahlwildrudel mitziehen) und einer Streckenauswertung kombinieren. Der Umdruck Hegegemeinschaften – Aufgaben u. Perspektiven (s. Homepage) bietet dazu eine Grundlage.

 

Dr. Michael Petrak LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 05/2018 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_05/2018: Forschungsstelle


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