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RWJ 06/2018: Artenreiche Wiesen sind Trumpf

Grünäsungsflächen besser erhalten statt neu anlegen

Wer Äsungsflächen gestalten und pflegen will, kann viel aus ihrer kulturgeschichtlichen Entwicklung lernen.

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Besonders im Frühjahr und Frühsommer sind Wildtiere auf hochwertige Äsung angewiesen – dem Alttier in der Mitte sind die Strapazen deutlich anzusehen …

Das Drängen des Wildes auf das erste Grün im Erstfrühling ist jedem Praktiker geläufig. Die Kombination einer Kältephase im März und dem wärmsten April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen zeigt dies in diesem Jahr besonders anschaulich – von Hase bis Hirsch drängt es alle aufs frische Grün. Wiesen und Weiden werden als Vegetationstypen wesentlich von Gräsern und Kräutern bestimmt: Bodenfeuchte, Säuregrad (pH-Wert), Nährstoffzusammensetzung und Nutzung sind für die Artenzusammensetzung eines Bestandes wichtig. Während Viehweiden in Mitteleuropa schon sehr alt sind, entstanden Wiesen mit dem dazu nötigen Mäh- Werkzeug erst verhältnismäßig spät. Zur Bronze-Zeit kannte man zwar bereits Sicheln, verwendete sie aber nur zur Getreideernte, also noch nicht zum Mähen von Wiesen.

 

Durch folgende Faktoren wirkt Mähen auf Wiesen selektiv:

  • Ausschluss von Gehölzen,
  • Begünstigung von Gräsern, die sich an der Basis verzweigen/gut regenerieren,
  • Auslese unter Kräutern, die Klee oder regenerationsfreudige Arten fördert, die dadurch wenig beschädigt werden, wie Wegerich oder Löwenzahn.

Ähnlich wie Mahd wirkt sich auch Viehverbiss auf Weidepflanzen aus und beeinflusst damit das Artenspektrum. Weiden sind im Unterschied zu Wiesen kurzrasiger. Tiere wählen aus, womit sie auf Weiden Pflanzen begünstigen, die von ihnen vermieden werden – etwa stachelige oder dornige Arten wie Disteln. Damit sich auf Grünäsungsflächen im Lauf der Zeit nicht vom Wild gemiedene Pflanzen auf Kosten bevorzugt Beäster ausbreiten, sollte man auch dort regelmäßige Schnitte vorsehen.

 

Naturwiesen sind artenreiche Pflanzengemeinschaften, die sich in Folge früherer extensiver Nutzung entwickelten. Echte Naturwiesen (ohne menschlichen Einfluss entstanden) findet man heute nur noch auf Sonderstandorten wie Überschwemmungsgebieten.

Erhalten hat Vorrang

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Bei nicht so intensiver Nutzung sind hofnahe Mähweiden für Hasen und Rehe attraktiv.

Aus der Übersicht der Pflanzengemeinschaften lassen sich für die Praxis bereits wichtige Empfehlungen ableiten: Vor allem bei Grünland gilt – erhalten geht über gestalten! An jedem Standort stellt sich die spezifische Zusammensetzung der Arten in Abhängigkeit von den durch die Pflege gesetzten Rahmenbedingungen von selbst ein – unabhängig von der Ausgangsmischung. Natürliche Pflanzengemeinschaften im Revier (v. a. in Mittelgebirgen) gilt es, langfristig zu erhalten und ggf. extensiv zu pflegen, sodass ihre Funktion für Wild auch weiter erhalten bleibt.

 

Wer artenreiche Grünlandgesellschaften im Revier hat, kann deren Attraktivität durch jährliche Düngung mit Thomaskali (2 dt/ha) in Kombination mit einer Kalkung alle fünf Jahre erhöhen. Stickstoffdünger darf man angesichts des hohen Eintrags aus der Luft (30 kg je Jahr und ha !) nicht verwenden, da dieser einseitig zur Verholzung neigende Obergräser fördern würde – dafür jedoch beliebte Kleearten zurückdrängt. Wo ohne Stickstoffzufuhr nichts mehr wächst, ist der Äsungsdruck zu hoch, da Wildbestände deutlich überhöht sind oder Äsungsflächen insgesamt absoluter Mangel sind. Bei schutzwürdigen Pflanzengemeinschaften (§ 30 Bundes- bzw. § 42 Landesnaturschutzgesetz NRW) und selbstverständlich in Naturschutzgebieten sind Pflegeauflagen zu beachten!

 

In solchen Fällen erkundigt man sich am einfachsten bei der Kreisverwaltung. Eine Düngung solcher Flächen ist allgemein nicht zulässig, für bestimmte Flächen und Pflanzengemeinschaften eher förderlich oder zumindest nicht nachteilig, sodass ggf. entsprechende Ausnahmeanträge sinnvoll sein können. Zur extensiven Pflege in solcher Form bieten sich auch Wege-Aufhiebe an. Durch seine stammesgeschichtliche Entwicklung zum Buschrandbewohner geprägte Rehe suchen bevorzugt Grenzlinien auf, für Rotwild bilden sie ideale Zwischenäsungsflächen und zudem ist Wild an Wegrändern gut zu beobachten und ggf. auch zu bejagen. Dies hat den Vorteil, dass dazu nicht eigens angelegte, im Einstand versteckte Äsungsflächen genutzt werden müssen.

 

Gut gepflegtes Grünland ist im Frühjahr auch bei Wild sehr beliebt. In den Mittelgebirgen kann bei intensiver Beäsung durch Rotwild dabei durchaus auch Wildschaden auftreten. Werden waldnahe Flächen von Wild tatsächlich sehr intensiv genutzt, kann dies etwa zu verzögertem Weideauftrieb führen. Bei vollständiger Abäsung beträgt der Wildschadenersatz dafür nach Richtsätzen der Landwirtschaftskammer 4 - 6 Ct/m². Doch zu so einer vollständigen Nutzung kommt es in der Regel nicht – in jedem Fall ist es sinnvoller und zur Wildschadenverhütung günstiger, betroffene Landwirte fair zu entschädigen, als Grünland abzuzäunen – und Wild damit in den Wald zu verbannen. So provozierte Verbiss- und Schälschäden sind deutlich höher und schwerer zu kalkulieren. In der Vegetationszeit ergänzen sich vom Nahrungstyp Rinder und Wildtiere. Feldhasen und Rehe fallen mit ihrem Nahrungsbedarf bei Grünland nicht ins Gewicht. Artenreiches Grünland mit kleineren Gebüschen bietet für Wildtiere Rückzugsräume auch in Siedlungsnähe.


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Artenreiche Wiesen sind Trumpf

Neuanlage

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Strukturreiches Grünland bietet Rückzugsräume für Rehe – auch im siedlungsnahen Bereich.

Die Größe neu angelegter Äsungsflächen im Wald orientiert sich an der Situation des Reviers, den vorkommenden Wildarten und der Möglichkeit der Bearbeitung. Anzustreben ist, dem Wild ein bis zwei Prozent der Holzbodenfläche als Äsungsfläche zur Verfügung zu stellen. Wildwiesen sind auch in intensiv genutzten Agrarlandschaften sinnvoll.

 

Wiesenmischungen sind zur WildÄsung grundsätzlich besser geeignet als Weidemischungen, weil meist nur ein relativ später Mäh-/Mulchschnitt pro Jahr durchgeführt wird und Schalenwild (im Gegensatz zu Kühen auf der Weide) Äsungsflächen weder kontinuierlich noch vollständig abweiden. Eine Grasnarbe aus vorwiegenden Weidegräsern wie etwa Weidelgras hält sich daher auf Äsungsflächen nachweisbar nicht lange. Eine Narbe vorwiegend aus Wiesengräsern (Wiesenschwingel, Glatthafer, Knaulgras, Wiesenrispe, Rotschwingel) ist ausdauernd, stabiler und v. a. dem Lebensraum besser angepasst – Nachsaaten sind kaum erforderlich.


Fachliche Bewertung vor weiteren Maßnahmen

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Artenreiche Wiesenstorchschnabel-Wiesen gilt es, zu erhalten.

Eine besondere Beachtung verdienen brachliegende und extensiv genutzte land- u. forstwirtschaftliche Flächen. Durch ein- bis zweischürige Mahd und Heunutzung erreicht man bereits mit vergleichsweise wenig Aufwand höhere Äsungsattraktivität. Ein Umbrechen (Neueinsaat, Düngung) solcher Lebensräume wäre u. U. nicht nur ein Verstoß gegen Naturschutzgesetze, sondern ignoriert dazu die Möglichkeit, natürlich vorhandene, standorttypische, artenreiche Äsungsflächen wiederherzustellen. Um eine Gefährdung solch ökologisch bedeutsamer Wiesenflächen auszuschließen, sollte man sich vor Instandsetzung brachliegender/nicht mehr gepflegter Äsungsflächen durch eine ökologisch- fachliche Inaugenscheinnahme von Spezialisten beraten lassen. Denn danach sind naturschutzfachlich wertvolle Grünlandgesellschaften auch mit den Anforderungsprofilen einer PEFCbzw. FSC-Zertifizierung vereinbar. Dr. Michael Petrak LANUV NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung, Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn, E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 06/2018 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_06/2018:Forschungsstelle


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