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RWJ 01/2021: Sonne bestimmt im Jahreskalender die Natur

Entscheidende Phasen der Jagdzeit nutzen

Im Gegensatz zum Kalender kennt die Natur zehn phänologische Jahreszeiten. Diese beginnen nicht an fixen Terminen, sondern mit der Entwicklung bestimmter Pflanzen, die wiederum für Deckung und Äsung im Revier verantwortlich sind.

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So früh wie möglich – im September – sollte man mit der Bejagung des „Weiblichen“ beginnen. Gerade wenn man reduzieren muss, lässt sich der Rückstand sonst nicht mehr aufholen. Foto: K.-H. Volkmar

Das Pflanzenwachstum zu Beginn der Vegetationsperiode wird im Wesentlichen durch das Überschreiten von Temperatur-Schwellenwerten bestimmt – als Beginn der Wachstumszeit gilt das Überschreiten der 5°C Schwelle an fünf Tagen. Der Stoffwechsel der Wildtiere wird dagegen wesentlich über die Tageslänge gesteuert. Auch Blüten- und Fruchtbildung der Pflanzen werden zusätzlich hormonell über die Tageslänge gesteuert. Dabei ist nicht die Menge des eingestrahlten Lichtes, sondern die tägliche Lichtdauer ausschlaggebend:

 

  • Langtag-Pflanzen (Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Spinat, Rüben) kommen nur zur Blüte, wenn die Tageslänge eine Minimumzeit überschreitet,
  • für tagneutrale Pflanzen (Buchweizen, Mais, Erbsen, Einjähr. Rispengras, Löwenzahn) hat die Tageslänge keine Bedeutung
  • bei Kurztag-Pflanzen (Gartenerdbeere, Topinambur) darf die Tageslänge eine bestimmte Dauer nicht überschreiten.

 

Unabhängig von der Steuerung der Jahresperiodik im Detail ist entscheidend, dass Setz- und Brutzeiten unserer Wildarten in die Vegetationsperiode fallen und damit das Angebot an Nahrung (Pflanzen, Insekten) sowie Deckung optimal ist.

 

Konsequenzen im Jagdbetrieb

Zur Waidgerechtigkeit gehört der Tierschutz, daraus folgt konkret, dass die Jagdzeit für Wildarten außerhalb ihrer artspezifischen Fortpflanzungszeit liegt. Damit fallen aus Sicht von Land- und Forstwirtschaft schadenträchtige Zeiten und Jagdzeiten nicht zusammen. Daher gilt es, in der Jagdzeit Wildbestände auf die Tragbarkeit ihres Lebensraumes einzuregulieren. Die Landesjagdzeitenverordnung bietet dazu ausreichend großen Spielraum.

 

Die Bejagungskalender für Reh- und Rotwild zeigen dies anschaulich und sind nach wie vor gültig. Wo erforderlich, sind Wildbestände in der Jagdzeit abzusenken – ganzjähriges Jagen ist dazu keine Alternative.

 

Beim Rehwild ist es ganz entscheidend, mit der Bejagung des weiblichen so früh wie möglich zu beginnen:

 

Wer den September nicht nutzt, wird später die notwendige Strecke nicht erreichen.

 

Beim territorial lebenden Rehwild ist eine Schwerpunktbejagung auf und an Verjüngungsflächen angezeigt. Die derzeit erstmals mögliche Jagd im April ist zwar eine (befristete) zusätzliche Möglichkeit. Diese zielt jedoch v. a. auf den Schutz der dort entstehenden „Wälder der Zukunft“. Allein schon, weil diese auf Böcke und Schmalrehe begrenzt ist, sollte man keinesfalls den frühzeitigen weiblichen Rehwildabschuss im Vorjahr vernachlässigen – dieser lässt sich im nächsten April nicht „nachholen“!

 

Bei Sauen gibt es keine Alternative zu intensiver Frischlingsbejagung und revierübergreifenden, gemeinsamen Ansitzdrückjagden in der Jagdzeit.

 


Technik kann Kooperation bei Hege und Bejagung nicht ersetzten!

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Offene Maissilagen locken auch im Winterhalbjahr zahlreiche Rabenvögel an, sodass Schäden vorprogrammiert sind – das Abdecken der Silage ist damit Pflicht. Foto: Dr. C. Stommel

Beim Niederwild gilt dasselbe:

 

  • Ringeltauben sind auf die Strecke bezogen nach wie vor die wichtigste Wildart in Nordrhein-Westfalen. Ihre Vorliebe für Feldfrüchte und Gemüse kann zu Schäden in der Landwirtschaft führen. Die großräumige Lebensraumnutzung der Tauben erfordert nicht nur, die Jagdzeit bis in den Februar intensiv zu nutzen, sondern auch großräumig zu jagen. Taubenjagd im Winter bis in den Februar hinein ist eine entscheidende Stellgröße zur Reduktion von Sommer-Schäden. Dies setzt natürlich revierübergreifende Kooperation voraus.

 

Übrigens plädierte bereits Ferdinand v. Raesfeld aus dem westfälischen Dorsten für eine Ringeltauben-Schonzeit ab Beginn der Brut etwa im April. Wenn wir die Folgen des Klimawandels und seine Auswirkungen auf die Tierwelt berücksichtigen, ist die aktuelle Jagdzeit (1.11. bis 20.2.) sachgerecht.

 

Bei sozial lebenden Arten mit hoher Intelligenz und guter Jungenfürsorge ist sowohl aus Tierschutzgründen als auch im Sinne der Effektivität das Setzen der richtigen Phasen entscheidend – ganz egal bei welcher Wildart.

 

Hohe Intelligenz und Lernfähigkeit, eine ausgeprägte Jungenfürsorge und hohes Lernvermögen waren Grundlage für die Rolle der Graugans in der Verhaltensforschung (K. Lorenz).

 

Für Jagd und Wildschadenverhütung hat der Zeitpunkt der Bejagung besondere Bedeutung – wer über Gänseschäden klagt, muss die ersten Wochen der Jagdzeit im Juli intensiv nutzen – dann bejagt man auch Gänse, die im eigenen Revier im Sommer zu Hause sind.

 

Ähnlich gilt dies für Krähen und Elstern – im Unterschied zu Gänsen ist es dabei auch wichtig, das Ende der Jagdzeit intensiv zu nutzen, um den Besatz im Revier zu reduzieren.

 

Bei sozial lebenden Wildarten mit hoher Intelligenz und ausgeprägter Jungenfürsorge ist sowohl aus Tierschutzgründen als auch im Sinne der Effektivität und Effizienz die Berücksichtigung der richtigen Jagdzeiten entscheidend. Dies bedeutet im Klartext, dass zumindest bei Wildschäden die reguläre Jagdzeit auch genutzt wird.

 

Dr. Michael Petrak
LANUV NRW,
Forschungsstelle für Jagdkunde u. Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228,
53229 Bonn,
E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


Literatur: Landesjagdzeitenverordnung NRW (14.3.2019) Petrak, M., 2001: Ferdinand v. Raesfeld – Klassiker der Jagdliteratur. In: Aus jungen Tagen, Erinnerungen an Heimat und Jugend. Stuttgart Petrak, M., 2019: Lebensraum Jagdrevier: Erkennen, erhalten, artgerecht gestalten. Stuttgart


Download

Der vollständige Artikel sowie den Revierkalender von Seite 9 aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 01/2021 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 01/2021: Forschungsstelle


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