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RWJ 04/2019: Grundlagen der Reviergestaltung

10 Gebote für die Praxis

Eingriffe des Menschen bestimmen in Mitteleuropa die Qualität des Wildtierlebensraumes. Dies unterstreicht zugleich die Notwendigkeit von Hege und Reviergestaltung als Ausgleich zur intensiven Nutzung der Landschaft. Diese Einsicht führt zu Regeln der Reviergestaltung:

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Auch auf "normalen Wegen“ lohnen sich Reviergänge. Fotos: Dr. M. Petrak

Bestmögliche Jagdnutzung (Jagderleben, Jagdertrag) setzt die Erhaltung des Wildes unter möglichst wenig gestörten, naturgemäßen Lebensbedingungen in möglichst naturnahen Lebensräumen voraus. Diese Zielsetzung der Jagd stimmt sicher mit den Zielen des Naturschutzes überein. Deutlich wird auch, dass man vor diesem Hintergrund alle Tiere und Pflanzen gemeinsam betrachten muss. Die Rio-Konvention 1992 zur biologischen Vielfalt und die Folgevereinbarungen verpflichten die Staaten zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und stellen ausdrücklich fest, dass die nachhaltige Nutzung dem Erhalt der Vielfalt dient.

 

Die erfolgreiche Gewährleistung der Lebensansprüche des Wildes setzt hinreichende Kenntnisse zur Biologie und v. a. auch genaue Kenntnis vor Ort voraus – darin liegt eine Stärke des Reviersystems.

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Begegnungen wie mit dieser jungen Drossel an einer Böschungskante ergeben sich nur, wenn man regelmäßig zu Fuß im Revier unterwegs ist.

  • Am Anfang jeder Einflussnahme auf Wildlebensräume steht das genaue Kennenlernen von Revier und Wild. Allgemeingültige Ratschläge können das Gesetz des Örtlichen nicht ersetzen. Lebensräume wandeln sich – auch Jagdreviere. Vor dem Hintergrund gilt es auch, die Kultur des Revierganges zu pflegen – d. h. sich aufmerksam mit offenen Sinnen durch das Revier zu Fuß zu bewegen.
  • Reviergestaltung muss sich am Leitbild der Natur neu orientieren – Erhalten hat Vorrang vor Gestalten! Dies gilt v. a. auch für artenreiche Grünlandgesellschaften. Produktionszwänge in der Landwirtschaft, die dazu führen, dass selbst bei formalem Erhalt ursprünglich standortangepasste, artenreiche Gesellschaften anderen Einsaatmischungen weichen, sind zur Pflege von Äsungsflächen im Jagdrevier ungeeignet. Stattdessen ist eine sorgfältige Pflege vorhandenen Grünlandes angezeigt, d. h. in der Regel Mahd, Abtransport des Mähgutes, ggf. Kalkung und Düngung mit Thomas-Kali.
  • Es gilt, Vielfalt zu schaffen und natürliche Prozesse zu unterstützen – etwa Bachverbauungen und Querungshilfen, die in Gewässer eingreifen, zu beseitigen, aber auch ganze Lebensräume wie Wälder in ihrer natürlichen Dynamik zu fördern. Bei vielen Lebensraum-Typen hilft kein ungerichteter Aktionismus, sondern nach einem Anstoß die Entwicklung sich selbst zu überlassen – Beispiel dafür sind Gewässer-Lebensräume.
  • Auch die bäuerliche Kulturlandschaft liefert Leitbilder zur Reviergestaltung. Deren Ziel darf keine Museumslandschaft sein, sondern muss sich auf Schaffung wesentlicher Lebensraumstrukturen konzentrieren – für Niederwild in der Agrarlandschaft entscheidend.

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Exkursion mit einer Hegegemeinschaft zur Gewässer-Renaturierung: Beseitigung einer Verbauung im Rahmen eines Life-Projektes.

  • Den Teufelskreis negativer Entwicklungen gilt es zu durchbrechen – die Vergrößerung der Felder und der Verlust von Grenzlinien ist betrieblichen Vorgaben der Landwirtschaft geschuldet. Reviergestaltung zielt also nicht auf kleinere Felder, aber nutzt Verfahren zur Erhöhung der Grenzlinien-Dichte wie den Einbau von Stilllegungsstreifen – zur Verminderung des Prädationsdruckes mit mindestens 20, besser 30 m Breite. Agrarumwelt- und Vertragsnaturschutzmaßnahmen können dabei helfen.
  • Reviergestaltung verlangt klare Zielvorstellungen: So sind Feldgehölze und hohe Bäume für Rebhühner keine Aufwertung, sondern als Ansitzwarten für den Habicht eher eine Verschlechterung des Lebensraums. In reinen Reh-Revieren tragen sie dagegen wesentlich zur Entlastung des Waldes bei. Zur Lebensraumsituation sind allerdings auch die Verpächter gefragt – eine Maximierung von verschiedenen Zielen auf einer Fläche (Erholungsgebiet + Eventpark + produktive Landwirtschaft + attraktives Jagdrevier) kann nicht gelingen.
  • Zeitaufwand, Kosten und Ergebnis müssen im richtigen Verhältnis stehen – so kann das Anpachten kleiner Felder, die unbeerntet bleiben, die Anlage eigener Wildäcker ersetzen, Wildschäden mindern und den Arbeitsaufwand reduzieren.
  • Äsungsflächen machen nur Sinn, wenn Wild darauf auch äsen kann – als Dauerjagdflächen erhöhen sie nur Wildschäden im wichtigen Nachbar-Einstand.
  • Lebensraumberuhigung im Ballungsraum ist eine schwierige Daueraufgabe, die voraussetzt, dass sich jeder im Revier selbst an die Regeln hält. Nur wer positiv für Verständnis für die Natur wirbt, kann auch etwas erreichen. Die Aufgeschlossenheit der Bevölkerung ist größer, als man meint – also nicht resignieren, sondern sich der Aufgabe stellen.
  • Verantwortung wahrnehmen: Revierinhaber selbst bestimmen, was dort jagdlich „läuft“ – nicht nur in puncto Jagd und Hege, sondern auch in Sachen Hygiene, gerade angesichts der aktuellen ASP-Situation in Belgien. Jeder Revierinhaber ist gut beraten, in seinem Revier Hygienestandards in puncto Fahrzeug und Ausrüstung vorzugeben, v. a. für große Jagdflächen und Reviere. Dazu ist natürlich auch ein Augenmerk auf die illegale Abfallentsorgung zu werfen.

 

Dr. Michael Petrak

LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de,

 

Weitere Anregungen:

M. PETRAK, 2019: Lebensraum Jagdrevier – erkennen, erhalten, artgerecht gestalten, Stuttgart Kosmos

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 04/2019 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

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