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RWJ 01/2019: Zum Start ins neue Jahr

Revier als Wildlebensraum erleben

Pflanzen bestimmen das jahreszeitlich wechselnde Angebot an Äsung und Deckung im Revier, wachsen fast überall, sind nicht mobil und zeigen uns mit ihrer Entwicklung den Jahreskalender der Natur, auch wenn wir nicht ständig im Revier sein können. Von daher lohnt es sich, sie aufmerksam zu beobachten.

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Foto: K.-H. Volkmar

Das vergangene Jahr hat jedem, der mit wachen Augen unterwegs war, die Bedeutung von Witterung und Vegetationsentwicklung für das Wild gezeigt. Der lang nachschleppende Winter führte dazu, dass in höheren Regionen erlegtes Wild zum Teil deutlich schwächer war als in den Vorjahren. Umgekehrt führte die Trockenheit im Sommer dazu, dass zu Beginn der Jagdzeit gerade Jungwild leichter war. Der Borkenkäfer wurde durch die Trockenheit gefördert und hat zu hohen Ausfällen bei der Fichte geführt. In den langen Trockenphasen war Schalenwild kaum zu beobachten – von solchem Wetter profitierte das Niederwild, allerdings nur, wenn noch Restwasser im Revier verfügbar war.

 

Anstelle der vier Jahreszeiten im Kalender unterscheidet man in der Natur 10 phänologische Jahreszeiten, deren Beginn durch bestimmte Entwicklungsphasen der Pflanzen bestimmt wird. Dadurch lassen sich regionale Unterschiede erkennen, aber auch die Unterschiede zwischen den Jahren. Bei phänologischen Phasen, die auf große Entfernung erkennbar sind, wie der Apfelblüte (Zeiger für den Vollfrühling), lassen sich der Jahreszeitenwandel und die unterschiedliche Entwicklung zwischen den Landschaften bereits bei der Anreise ins Revier beobachten. Das Gleiche gilt für den Laubaustrieb bei der Rotbuche (Ende des Erstfrühlings) oder der Blüte des Löwenzahns. Mit einem einfachen Arbeitsblatt lässt sich für jedes Revier anhand der Pflanzenentwicklung ein phänologischer Jahreskalender aufstellen. Daran lassen sich sowohl Engpässe im Lebensraum jahreszeitlich sicherer einstufen (so endet die Notzeit mit der Buschwindröschenblüte Mitte Erstfrühling) als auch der Zeitpunkt für eigene Revierarbeiten und Hegemaßnahmen besser einschätzen.

 

Sieben einfache Regeln

Bei der phänologischen Entwicklung sind sieben Regeln zu beachten:

 

  • Für einzelne phänologische Ereignisse sollte stets ein genaues Datum angegeben werden, z. B. Hasel-Blüte: 11.3 (nicht auswertbar sind Angaben wie Hasel 10. – 15.3.)
  • Um standörtliche Unterschiede etwa zwischen Nord- und Südhang auszuschließen, müssen Beobachtungen nach Möglichkeit während des ganzen Jahres am selben Ort durchgeführt werden. Vor allem im Mittel- und Hochgebirge ist auf das Einhalten einer bestimmten Höhenstufe zu achten. Die Abweichung zwischen verschiedenen Beobachtungspunkten sollte möglichst nicht mehr als 50 Höhenmeter betragen. Wenn v. a. in Gebirgsrevieren zwischen verschiedenen Standorten Unterschiede in der phänologischen Entwicklung von bis zu vier Wochen auftreten, sind mehrere Beobachtungsorte (Hoch- und Tal-Lage) sinnvoll.
  • Alle Beobachtungen werden an typischen Exemplaren durchgeführt, auffällige Abweichungen sind nicht zu beachten.
  • Zur Charakterisierung der Jahreszeiten wichtige Termine (in der Tabelle orange umrandet) sind unbedingt zu beachten.
  • Um keinen dieser Termine zu verpassen, ist ständige Beobachtung erforderlich. Am besten trägt man eine Kopie der Tabelle in der Brieftasche bei sich. Wer nur unregelmäßig ins Revier kommt, überlässt die phänologische Beobachtung am besten einem Jagdaufseher oder einem in Reviernähe wohnenden zuverlässigen Bekannten.
  • Unter Bemerkungen werden wichtige landwirtschaftliche Arbeiten (Heuernte, Aussaat, Ernte der Feldfrüchte) notiert. Dazu werden besondere Vorkommnisse wie Hagelstürme, Schnee- und Windbruch festgehalten.
  • Phänologische Beobachtungen an weiteren Pflanzenarten, besonders an den jeweils typischen Äsungspflanzen, können aufschlussreiche Hinweise geben.

Phänologische Jahreszeiten im Revier in Stichworten

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Die phänologischen Phasen im Herbst (Ende der Vegetationsperiode) haben sich in den letzten 100 Jahren praktisch nicht geändert, der Zeitpunkt der Grummet-Ernte fällt auch heute noch in den Vollherbst. Die Erinnerung an diesen Unfall am 22. September 1950 ist daher ein wich­tiges phänologisches Zeitdokument.

Vor- und Erstfrühling: Phase der größten Entwicklungsunterschiede hinsichtlich Äsung und Deckung im Revier, die in Mittelgebirgen 3 bis 4 Wochen zwischen Nord- und Südhang betragen können und von Jahr zu Jahr erheblich schwanken.

 

Vorfrühling: äsungsknappe Phase, Beginn des Gräserwachstums auf Wirtschaftsgrünland, für das Rebhuhn ist die Brutpaardeckung entscheidend, erste Junghasen.

 

Erstfrühling: auf den Feldern liefern Winterroggen und Raps wichtige Äsung, verstärktes Graswachstum, Ende der Notzeit und ggf. der Winterfütterungsperiode bei Buschwindröschen-Vollblüte

 

Vollfrühling: Beurteilung der Äsungssituation im Revier, Beginn der Setzzeit

 

Frühsommer: Beginn der ersten Wiesenschnitte (Heuernte), Kitzsuche planen

Hochsommer: Hafer in der Milchreife, Ernte Winterraps, Rispenschieben beim Mais, Schalenwild sucht Felder auf, Ausweichäsung in der Feldflur wichtig

 

Spätsommer: Haferernte, Mais in der Milchreife, Ausfallgetreide liefert wertvolle Äsung

 

Frühherbst: gegen Ende der Phase Fruchtreife der Rosskastanie

 

Vollherbst: Eichen- und Buchenmast bestimmen Äsungskapazität der Folgezeit, Rübenernte

 

Spätherbst: Einlagerung von Futtermitteln zur Winterfütterung bis zum Kranichzug

 

Winteranfang: landwirtschaftliche Bodenbearbeitung nicht mehr möglich, Abschluss des Laubfalls, erste Ansitzdrückjagden im Laubwaldrevier, Wintergerste liefert im Feld wichtige Äsung bis in den Vorfrühling, natürliches Äsungsangebot wird durch Mast und Bodenvegetation bestimmt, bei Bedarf Winterfütterung.

 

Dr. Michael Petrak

LANUV NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn.

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de, ein Literaturverzeichnis kann angefordert werden.

Literaturhinweis: PETRAK, M., 2019: Lebensraum Jagdrevier, erkennen, erhalten, artgerecht gestalten, Kosmos


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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 01/2019 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

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