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RWJ 05/2020: Sozialverhalten von Rehen als Vorbild in der Corona-Krise

Nähe trotz Distanz

Rehe sind die ursprünglichste Hirschart in Mitteleuropa. Im Hochgebirge besiedeln sie Lebensräume bis in die Steinbockregion. Ihr Leben in Kleingruppen, die Kommunikation über ein Briefkasten-System und ihr Territorialverhalten eignen sich als Vorbild für die menschliche Gesellschaft in der Corona-Krise.

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Dieser Verhaltenstyp hat unter epidemiologischen Gesichtspunkten deutliche Vorteile gegenüber dem Rudelleben des Rotwildes. So sollten auch wir Menschen in diesen Zeiten direkte Kontakte meiden und eher auf Kommunikationswege wie Briefe schreiben, Telefonieren, E-Mails und Messaging-Dienste zurückgreifen.

 

Territorialverhalten sichert die Verteilung im Raum

Erwachsene Böcke besetzen ab April ihre Reviere, je höher die Dichte, desto mehr überlappen sich die Territorien. Deren Kerngebiete werden stets von einem Bock genutzt, markiert und verteidigt. Je nach Dichte und Lebensraumqualität kann diese engere Zone zwischen 5 und 200 ha groß sein. Für die Jagdpraxis in Verbindung mit der Wiederbewaldung hat dies eine wichtige Bedeutung – Schwerpunktbejagung und eine ausreichende Absenkung der Dichte in der Jagdzeit sind Trumpf. Wer erst anfängt zu jagen, wenn territoriale Böcke ihre Reviere markieren, reduziert die Schäden nicht zwangsläufig – für jeden Territorialen rücken weitere, in der Regel schwächere Böcke nach. Je kleiner die Territorien, desto länger wird die Grenzlinienlänge insgesamt und die Anzahl der markierten Stämmchen.

 

Doch nicht nur Böcke sind territorial, sondern auch Ricken – sie und ihre Kitze besetzen in der Regel eigene Streifgebiete, in denen keine anderen weiblichen Rehe geduldet werden. Allerdings überlappen sich Territorien von Böcken und Ricken. Auch bei Ricken werden die Teile ihres Wohnraumes, die nicht im Zentrum liegen, von mehreren Familien gemeinsam genutzt. Während Rehe im Winter gern in gemischten Sprüngen (Ricken, Kitze, Böcke) zusammenstehen, erfolgt die Lebensraumnutzung in der Vegetationsperiode eher nacheinander: Dies kann dazu führen, dass Jäger, die meinen, „die Ricke mit den beiden Kitzen“ genau zu kennen und sich sicher sind, dass diese morgens wie abends auf derselben Stelle stehen ... tatsächlich zwei verschiedene Familien beobachten. Während der Blattzeit macht manche Ricke Abstecher in benachbarte oder weit entfernte Territorien und sucht dort aktiv nach bestimmten Böcken.

 

Ein Bock in der Nachbarschaft ist daher nicht zwangsläufig der Vater der zugehörigen Kitze. Während Rehe praktisch nur im Winter oder als Feldrehe (Ökotyp) in Lebensraumgruppen zusammenstehen, lebt Rotwild in Rudeln: Vor diesem Hintergrund wurde immer wieder die spannende Frage gestellt, welche Wildart eigentlich sozialer ist.

 


Kommunikationsformen bei Rehen und Rotwild

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Gut erkennbare Laufbürste – optimal hoch zur Markierung der Vegetation. Fotos (2) : M. Breuer

Dass sich soziale Nähe und räumliche Distanz nicht ausschließen, erkannte bereits der Wildbiologe Fred Kurt bei seinen Untersuchungen zum Rehwild: Bewohner eines Bergbauernhofs, die mit ihren Mitmenschen über moderne Technik in Kontakt stehen, sind nur weil sie allein wohnen, nicht weniger sozial als Gäste einer großen Festveranstaltung. Zur innerartlichen Kommunikation spielen Duftdrüsen in der Haut (Signalorgane der Wildtiere) eine Schlüsselrolle. Beim Rotwild verfügen beide Geschlechter über Voraugendrüsen, Wedelorgane und Laufbürsten – Duft hat hier eine Kommunikationsfunktion im Rudelverband:

 

Voraugendrüsen von Kälbern sind relativ groß und stark beweglich. Wölfel erkannte diese Hautfalte, in deren Wand Talg- neben wenigen Duftdrüsen sitzen, als „Sättigungssignal“.

 

Am Wedelorgan befindet sich das wichtigste Drüsengewebe beim Rotwild. Es besteht aus einer Schicht dicht gelagerter Knollendrüsen beiderseits der Wirbel und ist rund 15 cm lang, Talgdrüsen fehlen völlig. Das für den Menschen geruchlose, flüchtige Sekret wird offenbar auf der Wedeloberfläche verdampft und erzeugt so eine hohe Duftfährte, die das häufig in Gruppen ziehende Rotwild im Rudel zusammenhält bzw. wieder zusammenführt – ein Vorteil in dichten Waldbeständen.

 

Die Laufbürste (s. Foto/bei beiden Geschlechtern gleich entwickelt) sitzt seitlich am Hinterlauf dicht unter dem Sprunggelenk. Das Sekret wird beim Ziehen an hochstehenden Pflanzenteilen abgestreift, an denen sich der mit gesenktem Haupt suchende Brunfthirsch orientiert. Diese Drüse kommt auch bei Rehen vor – mit gleicher Funktion. Die bei Böcken wie Ricken gleich entwickelte Laufbürste ist unter dem Sprunggelenk durch dichte, dunkle Haare schon von Weitem erkennbar und hat eine ähnliche Funktion wie beim Rotwild.

 

Den drei Duftdrüsen-Organen beim Rotwild, von denen nur die Laufbürste eine Briefkasten-Funktion hat, stehen vier beim Rehwild gegenüber, die alle diese Funktion haben: Rehe weisen ein besonderes Drüsenorgan zur Warnung von Artgenossen auf – sog. Zwischenklauensäckchen an den Hinterläufen, die sich nach vorn öffnen. Das Sekret ihrer Drüsen hat eine besondere Funktion:

 


Zwischenklauensäckchen entleeren sich beim Spreizen der Schalen – etwa beim Abspringen, ihr Sekret hat somit eine Warnfunktion. Fred Kurt konnte experimentell zeigen, dass dieses Sekret Rehe, die später am selben Ort vorbeikommen, zum Abspringen veranlasst. Dazu kommen schlauchförmige Duftdrüsen an der Zehenhaut zwischen den Schalen unter dem Geäfter an allen Läufen, die wie die Laufbürsten der Fährtenmarkierung dienen.

 

Wenn Böcke im Frühjahr verfegen und damit Bäume und Sträucher markieren, werden dadurch nicht nur optische, sondern auch geruchliche Marken gesetzt. Unter der Locke in der Haut vor und zwischen den Rosenstöcken sitzt beim Bock das Stirnorgan, das ein Sekret erzeugt. Die Talgdrüsen der Stirnlocke und die Duftdrüsen des Sinnesorgans vergrößern und vermehren sich im Frühjahr – je mehr Testosteron ins Blut ausgeschüttet wird, also je näher die Blattzeit rückt, umso deutlicher markieren territoriale Böcke ihren Einstand durch Markieren junger Bäume und Abstreifen von Stirnsekret mit Talg zur besseren Haftung. Nach der Blattzeit bildet sich das Stirnorgan zurück, mit dem Abwerfen verliert sich die Territorialität bis zum Frühjahr. Beim Schlagen an Bäumchen und Sträuchern werden die Vorderläufe steif gegrätscht, die Lichter gerollt und die Lauscher zurückgelegt. Dies erinnert an Kampfverhalten an einem Ersatzobjekt. Steifgehaltene Vorderläufe sind auch beim Stechschritt typisch, bei dem der Träger senkrecht und das Haupt mit seitwärts gerichteten Lauschern und halb geschlossenen Augen seitlich weggedreht wird. Böcke, die man in Zäunen gefangen hält, warnen mit diesem Stechschritt vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff – ein Signal, das von Menschen jedoch häufig nicht erkannt wird, was entsprechende Unfallfolgen mit sich bringt.

 

 


Stay Home Message

Gegenüber Rotwild sind Rehe in der aktuellen Situation eindeutig das bessere Vorbild – ihre zumindest zeitweilig territoriale Lebensweise in kleinen Gruppen und ein etabliertes Briefkasten-System mit eindeutigen Signalen, die Artgenossen noch nach Stunden lesen können, wenn die Absender längst nicht mehr vor Ort sind, bieten deutliche Vorteile.

 

Dr. Michael Petrak
LANUV NRW,
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228,
53229 Bonn,
E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 

 


Quellen

  • Carranza, J., Mateos-Quesada, P., 200 Habitat modification when scent marking: shrub clearance by roe deer bucks. Oecologia 126, 231 - 238
  • Hofmann, R.R., 1983: Die Duftdrüsen der Haut in Signalorganen der Wildtiere, Jagdfluss-Hegeausbildungsbuch II, 2. Aufl., 19 - 52
  • Hofmann, R.R., 2007: Wildtiere in Bildern zur vergleichenden Anatomie, M. & H., Schaper Verlag, Hannover, 134 - 135
  • Kurt, F., 1968: Das Sozialverhalten des Rehes (Capreolus capreolus L., Mammalia depicta)
  • Kurt, F., 2002: Das Reh in der Kulturlandschaft: Ökologie, Sozialverhalten, Hege und Jagd
  • Petrak, M., 2013: Biolog. Grundlagen zur Bejagung des Rehwildes – Anwendungen in der Praxis, Schriftenreihe Bayerischer Jagdverband 20 (Schriftleitung Dr. J. Reddemann), 53 - 70
  • v. Marienfried, S.S., 1939: Jagd und Biologie: Die Duft- oder Hautdrüsenorgane

 


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