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RWJ 11/2019: 34. internationaler Kongress der Wildbiologen in Kaunas (LT)

Klimawandel und Wildtiere

Der 34. Kongress der International Union of Game Biologists (IUGB) fand Ende August 2019 in Kaunas (Litauen) statt, der Internationale Ring der Jagdwissenschaftler wurde 1954 in Düsseldorf gegründet.

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Biber-Lebensraum im Plateliai-Nationalpark – die Großnager schaffen in geschlossenen Wäldern offene Talwiesen und Gewässer-Lebensräume, die vielen anderen Arten zugutekommen. Foto: M. Petrak

Zentrales Thema der Tagung war der Umgang des Menschen mit Wildtieren, dazu wurden aktuelle Themen aus Forst- u. Landwirtschaft, Jagd, Tourismus, Stadtplanung und Wildgesundheit aufgegriffen. Zu Leitmotiven zählten der Klimawandel und seine Bedeutung sowie die Entwicklung von Ökosystemen und dessen wirtschaftliche Bedeutung. Sowohl in der Forschung als auch bei der Lösung praktischer Aufgaben ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit notwendig. Deutlich wurde auch, dass das Ziel, Kenntnisse über die Wildbiologie und alle mit Wild in Zusammenhang stehenden Fragen zu vermehren, unvermindert aktuell ist. Schutz durch nachhaltige Nutzung und Erhalt der Lebensräume sind eine Daueraufgabe in zunehmend naturferneren Gesellschaften, der dazu notwendige Freiraum ist längst nicht überall gewährleistet.

 

Zentrale Probleme sind die Zerstörung von Lebensräumen, die Verinselung und die Ausbreitung von Krankheiten. Zu klassischen Managementmaßnahmen für Wildtiere zählen die Regulierung von Beständen, Jagd als nachhaltige Nutzung und die gezielte Förderung von Arten. Die Förderung der Biodiversität erfordert ein Grundverständnis bei komplexen Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Wildtier. Wichtige Ergebnisse der Konferenz werden nachfolgend skizziert.

 

Wildtierbestandserfassung

Historisch begründete unterschiedliche Verfahren zur Erfassung von Wildbestandsdaten und der Streckenregistrierung lassen eine vergleichbare Dokumentation in Europa zur Daueraufgabe werden. Vor dem Hintergrund der ASPSituation wurde das Projekt ENETWILD vorgestellt, das für die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit Daten zusammenführt, harmonisiert und dazu Verfahren der Bürgerbeteiligung integriert. Objektive Erhebungen und eine sachgerechte Interpretation (unabhängig von Interessenlagen) sind der Schlüssel zum Erfolg.

 


Wildkrankheiten

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An Leishmaniose erkrankte Hunde magern stark ab. Eine Hündin kann den Erreger auch an ihre Welpen weitergeben. Foto: S. Matveev/ Bundesverband für Tiergesundheit

Der Mensch mit seinen Aktivitäten ist heute der Hauptvektor zur Verbreitung von Krankheiten bei Wildtieren. Wildgesundheit liegt im Interesse des Menschen, seiner Haustiere und der Wildtiere in vom Menschen dominierten Lebensräumen. Prophylaxe und Behandlung von Wildkrankheiten dürfen jedoch ökologische Wechselbeziehungen nicht aus dem Blick verlieren: So führte etwa in Südafrika die Behandlung von Rindern mit Wurmmitteln dazu, dass auch Tiere überlebten, die zusätzlich Tuberkulose hatten – ohne Medikamente wären sie eingegangen. Die Wurmbehandlung führte damit unbeabsichtigt zur Tuberkulose-Ausbreitung ! Unter naturnahen Bedingungen sind Wildkrankheiten notwendige Regulatoren im Lebensraum. Sie wirken auf die Dichte von Beständen und die Verteilung im Lebensraum und haben eine wichtige Funktion zur Balance zwischen Pflanzengemeinschaften und Wildtieren. Diese Wechselbeziehungen stört der Mensch oft, ein sachgerechtes Krankheits- und Vorsorge-Management muss stets folgende Aspekte berücksichtigen:

 

  • Definition über die Ziele einer Behandlung/Bekämpfung von Krankheiten in freier Wildbahn
  • Auswahl geeigneter Behandlungsmethoden
  • Die einfache Übertragung von Behandlungen aus dem Haustierbereich in komplexe Lebensräume ist in der Regel nicht zielführend.
  • Nötig ist stets gezieltes Monitoring.
  • Blinder Aktionismus schadet nur.
  • Eine kontinuierliche Evaluierung zu Behandlung und Wildgesundheit ist notwendig.
  • Entscheidend ist die Auswahl der richtigen Behandlungsmethoden: Jäger kennen diese bereits von der Bekämpfung der ESP über Impfköder.
  • Lernen aus Erfahrung gehört zu jedem guten Management-System.

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Afrikanische Schweinepest

In der Diskussion zur Wildgesundheit zählte die ASP zu den zentralen Themen. Die Situation ist in manchen Ländern weit kritischer als offiziell mitgeteilt, ausgehend von östlichen EU-Staaten ist die Seuche über Russland bis China in Hausschweinbeständen flächendeckend verbreitet. Für Schwarzwild liegen Nachweise aus einzelnen Gebieten vor. Die Beprobungsdichte zur sicheren Abklärung in einzelnen Gebieten scheint nicht hinreichend zu sein. Offizielle Mitteilungen verschleiern das Ausmaß der wohl weitgehend flächendeckenden Verbreitung. Absolutes Ziel muss es sein, eine Einschleppung Richtung Westen in jedem Fall zu verhindern.

 

Dazu sind Vorsichtsmaßnahmen wie strikte Hygiene (Reinigung/ Desinfektion von Kleidung und Ausrüstung) unbedingt und absolut einzuhalten. Bei Jagdreisen und Outdoor- Aktivitäten in diesen Regionen sollte man sich verhalten, als sei man im ASP-Gebiet. Gäste aus diesen Regionen sollten unbedingt entsprechende Desinfektionsregeln einhalten, schon bei Erteilung von Jagdscheinen ist auf Prophylaxe hinzuweisen.

 


ASP-Erfolge in Belgien

In Belgien konnte die Ausbreitung nach Einschleppung sicher gestoppt werden. Zur Bekämpfung wurden besonders sachkundige Jäger und Forstleute aus dem Norden Belgiens auch im ASP-Gebiet im Süden eingesetzt. Das strikte Einhalten der Hygiene-Regeln (Reinigung von Kleidung und Ausrüstung, Desinfektion, Einhalten einer Quarantänezeit bei Rückkehr) hat sich bewährt! Die ASP wurde nicht in den Norden verschleppt, das Beispiel Belgien belegt, dass strikte Hygiene wirkt.

 

www.lanuv.nrw.de/natur/jagd/forschungsstelle-fuer-jagdkunde-und-wildschadenverhuetung/schwarzwildafrikanische-schweinepest

 

www.lanuv.nrw.de/afrikanische-schweinepest

 

www.umwelt.nrw.de/landwirtschaft/tierhaltung-und-tierschutz/tiergesundheit/tierseuchen/afrikanische-schweinepest/

 

 


Klimawandel und Krankheiten

Ein Beispiel zur Bedeutung des Klimawandels bei der Ausbreitung von Krankheiten ist die Leishmaniose – eine weltweit bei Mensch und Tier vorkommende Infektion, die durch intrazelluläre (in den Zellen lebende) einzellige Parasiten der Gattung Leishmania hervorgerufen wird. Verbreitungsgebiete sind die Tropen, besonders Peru, Kolumbien und das östliche Afrika, aber auch der Mittelmeerraum und Asien. Je nach Krankheitsbild unterscheidet man eine innere Form, bei der Organe befallen werden, eine Haut- und Schleimhaut-Leishmaniose. Leishmanien benötigen zur Entwicklung Sandmücken und Säugetiere. Die zunehmende Ausbreitung der Sandmücke in Richtung Norden wird auf die globale Erwärmung und die zunehmende Globalisierung zurückgeführt. Im Sommer 2014 wurde in Gießen der bisher nördlichste Nachweis einer Sandmücke geführt. Im Raum Madrid kam es in den letzten 10 Jahren zu über 1 200 Fällen bei Menschen.

 

Ursprünglich wurde die Erkrankung wahrscheinlich über Hunde importiert – bestimmte Individuen tragen den Erreger in sich, ohne zu erkranken, sodass die Krankheit leicht unbemerkt eingeschleppt wird. Nagetiere und Hunde gelten als Hauptreservoir, im Umfeld urbaner Lebensräume wie im Fall Madrid aber auch Kaninchen und Hasen. Menschen fördern Krankheiten unmittelbar über den Klimawandel – und den Einfluss auf Lebensräume: Kaninchen finden auch in Städten passende Lebensräume, dazu ist dort die Hundedichte trotz knappen Raums in der Regel höher als auf dem Land. Lebensraumgestaltung wirkt sich nicht nur auf Wildtiere, sondern auch auf die Verbreitung von Krankheiten aus. Das Beispiel zeigt anschaulich, wie hoch das Risiko ist, wenn man Hunde in südliche Regionen mitnimmt oder von dort fremde Hunde mit in den Norden bringt.

 


Lebensraumgestaltung durch Wildtiere

Biber sind Meister der Biodiversitätsförderung – die in seinem Fall jedoch leicht menschlichen Interessen entgegensteht. Vorträge und Diskussionen zu Wild und Vegetation, Verkehrswegen und Lebensraumverbund, der Weiterentwicklung in der Agrarlandschaft (Lebensraumansprüche von Feldarten), Prädatorenmanagement unter Einbeziehung Betroffener und Beteiligter und Exkursionen in ausgewählte Naturräume und Forschungsgebiete boten einen ausgezeichneten Rahmen zum Erfahrungsaustausch der wildbiologischen Forschungsgemeinde.

 

Dr. Michael Petrak LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

Tel. 0228/977550,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 11/2019 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 11/2019: Forschungsstelle


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