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RWJ 11/2022: Beobachtungen im Revier

Genaue Dokumentation lohnt sich

Viele Jäger führen ein Tagebuch, in dem neben Abschussplänen und Strecken der Jahre oft noch Aufmerksamkeit erweckende Beobachtungen aus dem Revier festgehalten werden. Häufig lassen sich aber interessante Beobachtungen später nicht mehr deuten, weil man wichtige Begleit-

umstände nicht notierte.

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Besonders das sog. „spontane Sichern“ erlaubt wertvolle Rückschlüsse auf Störungen.

Gerade in einer Zeit rascher Lebensraumänderungen und wachsender Beun-ruhigungen sind genaue Beobachtungen zur Erhaltung unserer vielfältigen Tierwelt notwendig, um drohende Gefahren frühzeitig erkennen und abwehren

zu können. Die Beachtung einiger Hinweise erleichtert die spätere Auswertung – sowohl für Fragen des praktischen Jagdbetriebes (wie die Ermittlung der aktuellen Zuwachsrate) wie Ansätze zu wissenschaftlichen Untersuchungen.

Revierbeobachtungen sind umso aufschlussreicher (und daraus gezogene Schlüsse umso sicherer), je länger man sie durchführt. Wichtig bei allen Aufzeichnungen ist Vollständigkeit, nicht so sehr ihr Umfang. Man sollte sich keinesfalls darauf beschränken, nur momentan interessant erscheinende Beobachtungen festzuhalten. Die folgende Übersicht zum planmäßigen Beobachten im Revier und eine sinnvolle Präzisierung von Aufzeichnungen macht deutlich, dass man mit geringer Mühe bereits exakte Aussagen mit objektivem Wert festhalten kann.

So entsteht eine systematische Sammlung zeitlich geordneter Einzel-beobachtungen, auf die man jederzeit für praktische Auswertungen in

einem bestimmten Gebiet oder Revier zurückgreifen kann.

Das vorgestellte Konzept orientiert sich im Wesentlichen am Schalenwild,

bietet aber vielfältige Ansätze zur Anwendung auch auf übrige Wildarten.

Die Methoden haben sich sowohl im Rahmen der Berufsjägerausbildung wie bei der Durchführung von Untersuchungsprojekten in Zusammenarbeit mit Jägern und Forstleuten bewährt.

Systematische Aufzeichnungen zum Geschehen im Revier über längere Zeit werden zum wertvollen Dokument. Wenn sie darüber hinaus nicht nur zur intensiveren Auseinandersetzung mit Wild verhelfen, sondern zudem Freude bereiten, erfüllen sie ihren Zweck voll und ganz.

 

Grundlagen zur Beobachtungsmethodik

Beobachtungen im Revier dienen dazu, mehr über das Verhalten des Wildes zu erfahren, Belastungen zu erkennen, die Qualität des Revieres aus der Sicht des Wildes zu beurteilen sowie einen Einblick in den Wildbestand zu erhalten.

Der Pirschbogen (s. PDF „Pirschbogen") dient dazu, wichtige Angaben zur Lebensraumnutzung und Bestandsstruktur (des Schalenwildes) systematisch festzuhalten.

Das Notizbuch zählt neben dem Fernglas zu den wichtigsten Begleitern zur Beobachtung im Revier. Besonders bewährt haben sich kleine Ringbücher im Brieftaschenformat mit wechselbaren Seiten. Die Beobachtungen werden erst nach Rückkehr aus dem Revier in den Pirschbogen übertragen. Im Gelände-wagen auf holprigem Waldweg, beim Ansitz in der Dämmerung oder auf der Pirsch ist man meist nicht in der Lage, so deutlich zu schreiben, dass man Aufzeichnungen auch noch nach Jahren sicher lesen kann.

Ob man im Revier Bleistift oder Kugelschreiber verwendet, ist Ansichtssache, gute Minen schreiben bei Hitze, Kälte und Nässe.

Mit Vierfarben-Schreibern lassen sich gerade eilige Skizzen häufig leichter strukturieren.

Eine möglichst objektive Beschreibung ist notwendig, um Wildbeobachtungen aus verschiedenen Revieren vergleichen zu können. So ist etwa eine Ricke nicht scheu, sondern hält einen mittleren Abstand von 60m zu Spaziergängern ein. Der eine Jäger nennt Rehe vielleicht scheu, wenn sie beim Unterschreiten einer Distanz von 200 m flüchten, seine Kollegin in einem stadtnahen Revier hält sie dagegen erst für scheu, wenn sie beim Unterschreiten von 50m Abstand flüchten.

 

Auswertungen von Beobachtungen vermitteln Einsichten zur Biologie und Lebensraumnutzung einzelner Wildarten wie zu ganz praktischen Fragen der Wildbestandsbewirtschaftung (Ermittlung von Zuwachs und Geschlechter-verhältnis, Beurteilung von Äsungsflächen).

 

Auswertungstechniken für die Praxis werden am Beispiel der Zuwachsrate erläutert. Grundsätzlich gilt, dass Beobachtungen umso wertvoller und aus ihnen gezogene Schlüsse umso sicherer werden, je länger man sie durchführt. Eine kontinuierliche Protokollierung aller Beobachtungen kann wesentlich wichtiger sein als das vielleicht noch so ausführliche Festhalten weniger, besonders interessant erscheinender Begebenheiten.

Pirschbogen


Anwendung des Pirschbogens

Die Eintragung des Datums ist eine Selbstverständlichkeit, als Beobachtungszeit trägt man die gesamte Dauer des Revieraufenthaltes ein. Die Jahreszeit charakterisiert man mit dem sog. phänologischen Revierkalender, unter Gebiet/Revier/Hochsitz wird der eigene Aufenthaltsbereich festgehalten. Angaben zur Zeit (Sommerzeit/MEZ) erleichtern die spätere Auswertung. Angaben zum Wetter dienen dazu, dieses eindeutig zu kennzeichnen.

Wolkendichte
0: schwach (heller Wolkenschleier),
1: mäßig, 2: dicht (schwere Gewitterwolken, schwere Schneewolken)


Bewölkungsgrad (10-stufige Skala)
1: 1/10 bis 10: Himmel vollständig von Wolken bedeckt

Sonnensichtbarkeit
S0: Sonne am Himmel nicht erkennbar
S1: Sonne am Himmel nur als heller Schein erkennbar
S2: Sonne sichtbar, aber noch keinen Schatten werfend
S3: Sonne durch leichten Schleier verdeckt, aber Schatten werfend
S4: Sonne völlig frei scheinend


Windstärke
0: Windstille, 1: leiser Zug: Rauch steigt fast gerade empor, 2: leichte Brise: hebt leichten Wimpel, bewegt zeitweilig Blätter an Bäumen, 3: schwache Brise: streckt einen Wimpel, bewegt Blätter und dünne Zweige an Bäumen,
4: mäßige Brise: bewegt unbelaubte schwächere Äste, 5: frische Brise: bewegt größere Äste, wirft auf stehenden Gewässern Wellen, 6: starker Wind: wird an Häusern u. festen Gegenständen hörbar, bewegt schwächere Bäume, Schaumköpfe auf stehenden Gewässern,
7: steifer Wind: bewegt Bäume mittlerer Stärke, Gewässer m. vielen Schaumköpfen 8: stürmischer Wind: bewegt stärkere Bäume, bricht Zweige ab, ein gegen den Wind schreitender Mensch wird merklich aufgehalten, 9: Sturm: größere Äste werden abgebrochen, Dächer beschädigt 10: schwerer Sturm: Bäume werden umgebrochen, 11: orkanartiger Sturm: zerstörende Wirkungen schwerer Art, 12: Orkan: verwüstende Wirkungen

Die Temperatur liest man einfach vom Thermometer ab, das man vor Sonneneinstrahlung geschützt aufhängt. Nebel kann durch die Angabe der Sichtweite charakterisiert werden, Besonderheiten (Tal-/Hochnebel) werden u. Bemerkungen notiert. Beobachtete Rudel nummeriert man fortlaufend (Rudel Nr.), in dieselbe Spalte wird die Uhrzeit (von – bis), in der das Rudel gesehen wurde, eingetragen. Sprünge, Rotten und übrige Sozialverbände werden ebenso vermerkt.

Die Orte, an denen die Rudel gesehen wurden, werden möglichst genau angegeben (z. B. Abteilungs-/UnterabteilungsNr. und ggf. Teilfläche o. Angabe nach UTM-Gitter o. a. Koordinaten-Systemen).

In die Spalte Rudelgröße/Wildart wird die Zahl der zum Rudel gehörenden Individuen eingetragen. Wildarten kürzt man zweckmäßig ab: Rotwild: ROW, Sikawild: SIW, Damwild: DAW, Rehwild: REW, Schwarzwild: SW

Darauf folgt die genaue Ansprache zum Rudel gehörender Stücke – beim Kahlwild trägt man entsprechende Zahlen AT (Alttiere) u. ST (Schmaltiere) ein, Kälber K werden möglichst genau angesprochen.

Unter Verhalten trägt man die jeweilige Ziffer ein, gemeint ist das im Rudel überwiegende Verhalten. Treten mehrere Verhaltensweisen gleichzeitig auf, wird dies durch entsprechende Ziffernkombination ausgedrückt. Zieht das Rudel etwa äsend durch den Bestand zu einer Wiese, trägt man 2 + 5 ein.

Trifft man dagegen das Rudel auf einer Wiese an, auf der es sich während des Äsens zwar langsam fortbewegt, sie dabei aber nicht verlässt, trägt man lediglich eine 2 ein.

Aufeinanderfolgende Verhaltens weisen werden durch Pfeile miteinander verbunden. 2 ➞ 7 ➞ 6 heißt: Das Rudel hat geäst, dann zu mir gesichert und ist anschließend geflüchtet.

Verhaltensweisen, für die keine Ziffer vorgesehen ist, werden durch einen Begriff wie Brunftverhalten charakterisiert.

Ergänzungen und Skizzen zu einzelnen Beobachtungen können auf der Rückseite eingetragen werden.

 

Wichtig ist auch, den Zeitaufwand für spontanes Sichern (also ohne spezielle Störung) während der Aktivitätsphase zu ermitteln, da sich damit Belastungen etwa durch Erholungsbetrieb oder die Art der Jagdausübung frühzeitig erkennen lassen. Gleiches gilt bei Anwesenheit witternder Hunde oder das Erscheinen von Luchs oder Wolf.


Auswertungstechniken für den Jagdbetrieb am Beispiel der Zuwachsrate

Der Zuwachs eines Bestandes bezieht sich auf die Zahl des am 1. April vorhandenen weiblichen Wildes, er wird prozentual angegeben. Ausgewertet werden Beobachtungen aus der Zeit, in der Kälber bereits in Kahlwildrudeln stehen, weibliche Stücke jedoch noch nicht erlegt werden.

Der zweckmäßige Zeitraum zur Zuwachsermittlung hängt von der Wildart und den Revierverhältnissen ab.

Zur Auswertung werden nur Rudel berücksichtigt, die man nach Zahl der Kälber und weiblichen Stücke vollständig ansprechen kann – ein Beispiel:

Vom 1. August bis 1. September wurden in einem DAW­Revier 150 Stück Kahlwild beobachtet, die man nach Zahl der Kälber, Alt­ u. Schmaltiere vollständig ansprechen konnte. Bei den 150 Stück handelte es sich um 93 Alt­/Schmaltiere u. 57 Kälber, daraus errechnet sich der Zuwachs: 57/93 × 100 = 61,3 Prozent.


Ermittlung des Geschlechterverhältnisses (GV)

Berücksichtigt werden alle Beobachtungen, bei denen die Geschlechter vollständig angesprochen werden konnten. (GV: Zahl des männl. u. weibl. Wildes):

Aufschlussreich ist ein Vergleich des beobachteten GV mit dem der Strecke.

Beobachtungen und Aussagen zum GV erfordern Zusammenarbeit in einem größeren zusammenhängenden Gebiet (Hochwildring). Erhebungen zu Zuwachs und GV liefern wertvolle Grundlagen zur Abschussplanung, ähnlich lassen sich Beobachtungen auch unter den Gesichtspunkten Feindvermeidung, Auswirkung von Störungen oder Jagdbetrieb auswerten.

Dr. Michael Petrak


LANUV NRW
Forschungsstelle für Jagdkunde u. Wildschadenverhütung, Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn,
E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

Die ausführliche Info-Schrift wird auf schriftliche Anfrage gerne zugesandt: PETRAK, M., 2022: Beobachtungen im Revier: Hinweise u. Empfehlungen für die Praxis, 10. Ausg., Download: www.lanuv.nrw.de/fileadmin/lanuv/natur/ fjw/Beobachtungen_im_Revier_20_05_2022.pdf

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