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RWJ 10/2020: Zecken und ihre unliebsamen Mitbringsel

Gefahr aus dem Unterholz

Jedes Jahr aufs Neue kommen sie aus ihren Verstecken und rücken Menschen und Wild zu Leibe – Zecken. Gerade Jäger, Förster, Waldarbeiter, Wanderer und Naturliebhaber haben häufig mit diesen hartnäckigen Ektoparasiten zu tun und sollten deshalb über mögliche Gefahren informiert sein.

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Größer und gefährlicher – die invasive Schildzecke (r.) im Vergleich zum in ganz Deutschland verbreiteten Gemeinen Holzbock. Foto: Uni Hohenheim, M. Drehmann

Zu den in Europa am häufigsten vorkommenden Zeckenarten zählen Schildzecken der Gattung Ixodes und Buntzecken der Gattung Dermacentor. Der Gemeine Holzbock (Ixodes rhicinus) ist dabei die hierzulande weitverbreitetste Art. Sechsbeinige Larven stellen das erste Stadium dar. Alle weiteren Stadien (Nymphen und ausgewachsene Zecken) besitzen bereits acht Beine, wodurch auch deutlich wird, dass Zecken nicht zu Insekten (typischerweise mit sechs Beinen), sondern zu den Spinnen zählen.

 

Zur Weiterentwicklung ins jeweils nächste Stadium muss eine Zecke mindestens einmal Blut saugen. Dazu befallen frühe Stadien wie Larven und Nymphen meist kleine Nager und Vögel, während Ausgewachsene in der Regel größere Säugetiere wie Feldhasen und Rehe zur Blutmahlzeit aufsuchen.

 

Um sich an einem Wirt anzuheften, lauern Zecken vor allem in Gräsern und kleineren Büschen auf vorbeistreifende passende Wirte. Einmal zugebissen, können sie während der Mahlzeit Krankheiten übertragen, denn bevor sie Blut aufnehmen, geben sie zunächst einen ausgeklügelten Cocktail verschiedener Stoffe ab, der auch Krankheitserreger enthalten kann.

 

Inhaltsstoffe ihres Speichels helfen der Zecke bei der Verankerung in der Haut, beeinflussen Abwehrreaktionen des Wirts, hemmen dessen Wundheilung, unterdrücken den Juckreiz und hemmen die Blutgerinnung. So kann die Zecke ausreichend lange und leicht Blut saugen, ohne vom Wirt bemerkt und entfernt zu werden.

 

Der Biss an sich ist für den Wirt meist unproblematisch, sofern es nicht zu seltenen lokalen Wundinfektionen kommt. Jedoch können Zecken zahlreiche Erreger übertragen, die bei Tier und Mensch Erkrankungen (sogenannte Zoonosen) hervorrufen können.

 

Borreliose

Die wohl bekannteste bakterielle Zoonose, die durch Ixodes-Zecken auf Mensch und Tier übertragen wird, ist die Borreliose (Lyme-Borreliose). Eine Übertragung kann unter Umständen an einer nach mehreren Stunden auftretenden, kreisrunden Rötung um die Bissstelle erkannt werden. Diese breitet sich mit dem in den Wirtskörper vordringenden Bakterium immer weiter aus und wird deshalb als Wanderröte (Erythema migrans) bezeichnet. Einmal entdeckt kann der Erreger durch gezielte antibiotische Behandlung bekämpft und die Erkrankung geheilt werden. Wichtig ist, beim Arztbesuch auf den Verdacht eines Zeckenbisses hinzuweisen, um eine rechtzeitige Anti biotikagabe zu gewährleisten. Bei unerkannten Infektionen, Menschen mit Vorerkrankungen oder einem geschwächten Immunsystem kann es jedoch auch zu schweren Verläufen mit Gelenkentzündungen, Muskelschmerzen, Lähmungen und Herzproblemen kommen.

 


Hirnhautentzündung

Während der Erreger der Borreliose in ganz Deutschland verbreitet ist, treten Fälle der gefährlichen Hirnhautentzündung (Frühsommer-Meningoenzephalitis/ FSME) auf. Neben Süddeutschland wurden in den letzten Jahren auch zunehmend Regionen im Osten Sachsens sowie im westlichen Niedersachsen zum Risikogebiet erklärt. Informationen zur aktuellen Situation sowie eine aktualisierte Karte der FSME-Risikogebiete findet man auf der Homepage des Robert Koch-Instituts (www.rki.de).

 

FSME wird durch Viren hervorgerufen, die hauptsächlich Ixodes-Zecken übertragen. Kommt es zur Ansteckung nach einem Biss, treten erste Symptome wie Kopfschmerzen und Fieber meist sieben bis 14 Tage danach auf. Nach etwa einer weiteren Woche kann es in fünf bis 30 Prozent der Fälle zur namensgebenden Hirnhautentzündung mit entsprechenden neurologischen Symptomen (Nackensteifigkeit, Sinnesausfälle, Bewusstlosigkeit) kommen.

 

Eine direkte medikamentöse Behandlung ist nicht möglich, daher wird eine Impfung zum Schutz vor FSME besonders beim Aufenthalt in Risikogebieten empfohlen.

 


Schutz vor Zecken

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Füchse wehren sich effektiv gegen Zecken, hier haben sie sich im Innenschenkel eingenistet.

Entgegen aller Erwartungen sind Zecken gegenüber bestimmten Umweltfaktoren sehr empfindlich. So benötigen zur erfolgreichen Vermehrung und Entwicklung stets eine gewisse Feuchtigkeit und warme Temperaturen.

 

Daher verstecken sie sich während schneereicher Winter und in trockenen Sommermonaten gern unter einer schützenden Laubschicht.

 

Um ihre Wirte zu erreichen, benötigen sie eine etwa kniehohe Vegetation aus Gräsern und Sträuchern. Eine Kürzung durch Bewirtschaftung, grasendes Wild oder Nutztiere sorgt also für eine Verringerung des Zeckenrisikos.

 

Weiter belegen Studien, dass Wiederkäuer wie Rinder und Ziegen, aber auch Rehe und Hirsche für den Erreger der Lyme-Borreliose unempfänglich zu sein scheinen. Saugt eine Zecke demnach an einem Reh Blut, gibt sie die Borrelien zwar in dessen Blutkreislauf ab, der Erreger kann sich jedoch nicht vermehren und das Reh erkrankt nicht.

 

Füchse scheinen ebenfalls eine eigene Methode gefunden zu haben, sich gegen Zecken zu wehren. Eine Forschungsgruppe der VMF Leipzig untersuchte Bälge, die von Fellwechsel zur Verfügung gestellt wurden, auf Zecken. Dabei konnte beobachtet werden, dass bei 88 Prozent Zecken v. a. in der Unterhaut am Bauch, den Achseln und in der Leiste zu finden waren. Füchse reagieren auf Zecken mit überschießenden Entzündungsreaktionen in der Nähe, die zum regelrechten Einwachsen in die Haut führen, sodass die Zecken von der Luftzufuhr abgeschnitten wurden und abstarben.

 

Als Mensch schützt man sich mit langer Kleidung (noch besser: Hosenbeine in die Strümpfe stecken, Stiefel tragen) und das gründliche Absuchen nach jedem Aufenthalt im Freien.

 

 


Im Fall der Fälle

Angesaugte Zecken sollte man möglichst zeitnah und vollständig mit einer Pinzette oder einem Haken entfernen. Bleibt der Kopf in der Haut zurück, ist das meist kein Problem. Anschließend wird die Wunde desinfiziert, auf den Einsatz von Klebern u. Ä. zum Ersticken sollte gänzlich verzichtet werden.

 

 


Neue Arten in Deutschland

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FSME-Risikogebiete sind dunkel- bzw. hellblau (seit 2020) markiert. NRW ist bislang nicht betroffen, doch der Erreger wandert nach Norden, was die Einstufung im Emsland (Niedersachsen) als Risikogebiet zeigt. Karte: Robert-Koch-Institut

Seit dem Rekordsommer 2018 werden immer häufiger exotische Arten wie Schildzecken der Gattung Hyalomma in Deutschland gefunden. Sie sind an braungelb gestreiften Beinen und ihrem deutlich größeren Körper einfach zu erkennen (s. Foto oben). Doch auch in ihrem Verhalten unterscheiden sie sich – während heimische Zecken Lauerjäger sind, sucht die Hyalomma aktiv nach großen Wirten wie Pferden und verfolgt diese aktiv.

 

Problematisch an dieser exotischen Art ist die Übertragung neuer Krankheiten wie dem hämorrhagischen Krim-Kongo- Fieber. Ob sich diese Zecke dauerhaft in Deutschland ansiedelt, wird sich in den nächsten Jahren herausstellen, jedoch lässt die voranschreitende Klimaerwärmung eine Zunahme exotischer Parasiten und Krankheiten befürchten.

 

Luisa Fischer

EU-Fachtierärztin für Wildtierpopulationsgesundheit,

Fachtierärztin f. Wirtschafts-, Wild- u. Ziergeflügel

LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

E-Mail: luisa.fischer@lanuv.nrw.de

 

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 10/2020 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 10/2020: Forschungsstelle


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