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RWJ 03/2018: Notzeit beim Schalenwild

Fachliche Grundlagen der Winterfütterung

Die Forschungsstelle erläutert Gründe der Fütterung von Schalenwild im Sinne einer Notzeitfütterung – und was Heger dabei in der Praxis beachten müssen.

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Ursprünglich zog Rotwild im Winter in tiefere Lagen, um auch bei andauernden Schneelagen ausreichend Äsung zu finden. Heute sind diese Lebensräume in der Regel von Menschen besiedelt und stehen dem Wild nicht mehr zur Verfügung. Dort kann Winterfütterung auch Schälschäden vermeiden. Die Ausbringung von Futtermitteln am Boden ist nur bei Frost und Schnee – wenn mehr Wild als üblich an der Fütterung steht – vertretbar. Foto: M. Breuer

Zur Beurteilung der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit einer Winterfütterung von Schalenwild sind wesentliche Kriterien Tierschutz und ökologische Passung. Wiederkäuer konnten in Mitteleuropa vor der massiven landschaftlichen Änderung durch Menschen die Wintersituation auch durch Lebensraumwechsel bewältigen. Ursprüngliche Überwinterungsgebiete in Tälern werden heute überwiegend von Menschen genutzt. Damit stehen sie als Ausweichräume nicht mehr zur Verfügung und es entsteht ökologisch die Sondersituation, dass größere Wildtiere (Leitart: Rotwild) das ganze Jahr im selben Lebensraum verbleiben.

 

Hinzu kommt, dass Änderungen der Landnutzung auf großer Fläche Nahrungspflanzen verfügbar machen, an die Rotwild im Winter gar nicht optimal angepasst ist. Dadurch sind etwa bei der Aufnahme von Raps nicht nur potentielle Schäden in der Landwirtschaft zu befürchten, sondern die aus Stoffwechsel- Gründen erforderliche Aufnahme von Baumrinde zieht zudem Schäden in der Forstwirtschaft nach sich. Ein Angebot an gutem Grasheu mindert dies zumindest. Sachgerechte Winterfütterung in der Kulturlandschaft ist gewissermaßen eine „Krücke“ für das Unterlaufen der natürlichen Anpassungsstrategien im Winter durch die menschliche Nutzung.

 

Daraus lässt sich auch ableiten, dass dort, wo Lebensräume noch vollständig sind, Winterfütterung nicht erforderlich ist, andererseits jedoch dort, wo der Lebensraum Mängel aufweist, sachgerechte Winterfütterung geboten ist und im Vergleich zur Landschaftsgestaltung ökosystemar der wesentlich kleinere Eingriff ist. Die Tatsache, dass sich die Verkehrsregelung in zentralen Wintersportgebieten des Sauerlandes zum Beispiel mit einer Einweisung von Security-Diensten bei großen Fußballspielen orientiert, belegt, dass ursprüngliche „Natursportarten“ einen für unsere Gesellschaften typischen Event-Charakter erreicht haben. Das bedeutet in Verbindung mit der künstlichen Beschneidung zahlreicher Pisten und der weiter zunehmenden Intensität der Lebensraumnutzung durch den Menschen auch eine erhebliche Einschränkung für natürliche Überwinterungsstrategien.

 

Mindeststandards

Charakteristisch für Wiederkäuer ist eine ausgeprägte Jahresperiodik, die u. a. die Verhaltensperiodik, das Verdauungssystem und den Stoffwechsel umfasst. Das Verdauungssystem passt sich im Winter an die nährstoffarme Situation an. Futtermittel und Fütterungszeiten müssen den stammesgeschichtlich gewachsenen Anpassungen Rechnung tragen.

 

1. Futtermittel: Heu- und Anwelksilage

2. Fütterungszeit: Die Fütterungszeit beginnt am 1. Dezember und dauert bis zum 1. April (Buschwindröschenblüte). Heu darf ab Dezember gereicht werden, Heu, dass im Revier oder reviernah geworben wird, darf auch unmittelbar nach Mahd und Trocknung im Revier verbleiben.

3. Das Angebot an Anwelksilage wird in der Hegegemeinschaft abgestimmt.

 


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Überlebensstrategien im Winter am Beispiel des Rotwildes

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Zur Fütterung von Heu und Anwelksilage haben sich Tristen bewährt. Folie und Netz müssen abgewickelt werden. Foto: M. Petrak

Zur Voranpassung an den winterlichen Nahrungsengpass zählen beim Rotwild die Feistbevorratung, Umbauvorgänge im Verdauungssystem, so u. a. die Anpassung des Pansens an faserreichere aber nährstoffärmere Äsung im Winter und die Absenkung der Stoffwechselrate. Die Überwinterungsstrategie umfasst die Energieeinsparung durch Reduzierung des Aktionsraumes, die gute Isolierung durch die Winterdecke und das Heraussuchen besonders geeigneter Überwinterungsbereiche. In der heutigen Kulturlandschaft sind die Täler vom Menschen besiedelt und intensiv genutzt und stehen damit als Überwinterungsgebiete für die Wildtiere nicht mehr zur Verfügung. Die natürliche Überwinterungsstrategie durch Lebensraumwechsel ist damit für Rotwild unterbunden.

 

Rotwild ist so einer tierökologischen Sondersituation ausgesetzt, da es das ganze Jahr über im selben Lebensraum verbleiben muss. In seinen aktuellen Überwinterungsräumen kommt es zu zusätzlichen Problemen durch Änderungen auch in der Landwirtschaft. Rotwild ist im Winter aufgrund seiner morphologischen, anatomischen und physiologischen Anpassung des Verdauungstraktes auf höhere Faseranteile angewiesen. Wo auf großer Fläche Kreuzblütler wie Raps angebaut werden, werden diese intensiv beäst, der notwendige Faserausgleich wird dann vielfach aus Baumrinde gedeckt. Charakteristisch nach Aufnahme größerer Rapsmengen sind Schälschäden an Fichte – auch in Altersklassen, die normalerweise nicht mehr geschält werden. Winterfütterung in der Kulturlandschaft ist letzten Endes eine Krücke als Ersatz für den durch menschliche Einflüsse genommenen Winterlebensraum.

 

Alle Untersuchungen zur Jahresperiodik kommen zu inhaltlich gleichen Aussagen und Schlussfolgerungen. Durch vergleichende funktionelle Anatomie belegte Anpassungen in Verdauungssystem und -physiologie („Hofmann 1985/1989 zu Umbauvorgängen im Pansen mit kleineren und weniger Zotten im Winter“), Stoffwechselphysiologie („Arnold et al. 2004“) – Pulsrate, Unterhauttemperatur und Aktivität erreichen im Winter ihre Tiefstwerte im Jahresverlauf. Gleiches gilt für die Etho-Ökologie („Petrak 1993, Simon 2008“) – kleinster Aktionsraum und höchste Nischenbreite im Jahresverlauf – als Maß für das Höchstmaß genutzter Pflanzengemeinschaften. Die Steuerung erfolgt durch die Tageslänge und als Reaktion auf pflanzenphänologische Phasen und das davon bestimme Nährstoffangebot.

 

Erfolgreiche Überwinterung erfordert v. a. Ruhe ab der Jahreswende. Mit längerwerdenden Tagen ab dem Spätwinter steigt die Stoffwechselrate des Wildes wieder an. Zu dieser Zeit wird die Vegetationsentwicklung durch das Überschreiten von Temperaturschwellenwerten bestimmt. Kalte klare Tage mit viel Sonnenschein führen zur Erhöhung des Stoffwechsels von Wild. Gleichzeitig bleibt die Vegetation jedoch zurück, sodass die Schere zwischen Bedarf des Wildes und dem Angebot der Vegetation auseinanderklafft. Geschlossen wird diese Schere erst in der Mitte des Erstfrühlings (phänologische Phase: Buschwindröschenblüte). In der Begründung zum ökologischen Jagdgesetz, das die Fütterungszeit bis zum 31.3. begrenzte, war ausdrücklich darauf verwiesen worden, dass man etwa bei verzögerter Vegetationsentwicklung über den 31.3. hinaus bis zur Buschwindröschenblüte füttern dürfe. Je nach Situation vor Ort führte dies jedoch auch durchaus zu Unsicherheiten. Die endgültige Einstellung jeder Fütterung Ende April hat den Vorteil, dass ein solches Vorgehen bis auf wenige Ausnahmejahre die Buschwindröschenblüte abdeckt. Da frisches Grün das Wild magisch anzieht, besteht auch zum Ende er Winterfütterungsperiode (im Unterschied zur mit Recht verbotenen Sommerfütterung !) nicht die Gefahr, Wild damit künstlich zu lenken.

 


Was festzuhalten bleibt

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Wenn Rotwild überdurchschnittlich viel Raps aufgenommen hat, nimmt es zudem Baumrinde für den Faserausgleich auf. Das führt zu vermehrten Schälschäden. Foto: M. Breuer

Unter bestimmten Umständen ist eine Winterfütterung notwendig, eine Abstimmung in den Hegegemeinschaften ist Bestandteil jedes Konzeptes. Gutes Heu und gute Anwelksilage genügen als Futtermittel. Die Abstimmung der etwas attraktiveren Grassilage innerhalb der Hegegemeinschaft ist notwendig, damit durch ein Nebeneinander von Heu und etwas attraktiverer Silage nicht unbeabsichtigte Wild-Konzentrationen ausgelöst werden. Das Argument „künstlich“ ist angesichts der massiven Landschaftsänderungen kein Argument gegen sachgerechte Notzeitfütterung.

 

Dr. Michael Petrak

Leiter der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung NRW


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 03/2018 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_03/2018: Forschungsstelle


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