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RWJ 06/2019: Niederwildsymposium in Rheinland-Pfalz

Biodiversität in Feld & Wiese

In Mainz trafen sich rund 400 interessierte Teilnehmer, um über gemeinsame Ansätze für Jagd, Landwirtschaft, Naturschutz und Politik zu diskutieren.

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Eine Exkursion verdeutlichte die beispielhafte Zusammenarbeit von Jagd und Naturschutz vor Ort. Neben der Biotop-Aufwertung hilft Fallenjagd Kiebitz und Rebhuhn.

Der dramatische Rückgang vieler Offenlandarten wie Feldhase, Rebhuhn und Fasan wurde besonders in den vergangenen Jahren immer offensichtlicher. Wo vor einigen Jahrzehnten noch kleinbäuerliche Strukturen zur vielfältigen Kulturlandschaft beitrugen, findet man heute oft nur noch ausgeräumte Landschaften mit großflächigen Kulturen, die den Feldbewohnern kaum noch Raum zum Überleben bieten. Um gemeinsame Wege aus der Misere aufzuzeigen, lud der Landesjagdverband Rheinland-Pfalz am 11. April zu einem Symposium mit Podiumsdiskussion ein. Gundolf Bartmann, Initiator des Wildschutzprogrammes, betonte einleitend die Notwendigkeit, übergeordnete Rahmenbedingungen der EU-Agrarpolitik im Sinne des Artenschutzes anzupassen. LJV-Präsident Dieter Mahr verwies auf Erfolge des Schutzprogramms „Feld und Wiesen“, so konnten 2019 bereits 460 ha niederwildfreundlich gestaltet und Jäger mit 100 Fanggeräten zum Prädatorenmanagement unterstützt werden.

 

Umweltministerin Ulrike Höfken formulierte in ihrer Ansprache deutlich, dass der Schutz des Wildes und der Biodiversität als Aufgabe der Umweltpolitik erkannt wurde. Projekte wie das Wildschutzprogramm sind Teil des Aktionsbündnisses „Grün“ zum Schutz der biologischen Vielfalt in Rheinland-Pfalz. Außerdem werde das Monitoring als Grundlage des Wildtiermanagements und damit einer nachhaltigen Jagd unterstützt, z.B. durch die finanzielle Förderung der Rebhuhnerfassung. Die Beteiligung an bundesweiten Monitoring Programmen wie „WILD“ sei jedoch noch steigerungsfähig. Im Hinblick auf die Landwirtschaft erinnerte die Ministerin daran, dass Deutschland im weltweiten Vergleich ein Land mit extrem niedrigen Lebensmittelkosten sei und nachhaltig produzierte Lebensmittel auch das Überleben der Landwirte sichern müssen. Prof. Dr. Klaus Hackländer (Uni Wien) beschäftigt sich seit 1990 intensiv mit der Hasenforschung und leitet das Department für Integrative Biologie und Biodiversitätsforschung.

 

Durch Veränderungen in der Agrarlandschaft und dem damit verbundenen Verlust von Deckung und Nahrung werden ungünstige Einflüsse durch Witterung und Prädatoren verstärkt, sodass Lebensraum als „Superfaktor“ anzusehen ist. Lebensraumverbesserung ist damit eine essenzielle Grundlage zur Förderung des Feldhasen. Ist diese Grundlage nicht vorhanden, sind alle anderen Maßnahmen als Symptombekämpfung einzustufen. Aus Forschungsprojekten der vergangenen Jahre lässt sich die Bedeutung von Brachen belegen, die nicht nur Deckung bereitstellen, sondern durch fettreiche Nahrung die Milchproduktion der Muttertiere fördern und so die Überlebensrate der Junghasen erhöht. Zudem wird der sog. „Ernteschock“ verhindert. Nutzbare Hasenbesätze erfordern neben der Lebensraumgestaltung, welche auch vielen weiteren Arten dient, eine intensive Prädatorenbejagung und nachhaltige Bejagung der Hasen.

 

Dr. Francis Buner („Game & Wildlife Conservation Trust“) verdeutlichte, dass Jäger in der Verantwortung gegenüber Arten wie dem Rebhuhn stehen, das unter dem Verlust von Bruthabitat, Deckung und Insekten zu leiden hat. Wesentliche Komponenten zur Verbesserung der Situation sei die Lebensraumverbesserung und Räuberkontrolle. Er betonte, dass „ein bisschen“ Einsatz für Niederwild heute nicht mehr ausreiche. Dr. Hubertus Wolfgarten (Bundeslandwirtschaftsministerium) stellte die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020 vor. Besonders die „Grüne Architektur“ biete Möglichkeiten zur Lebensraumverbesserung in der intensiv genutzten Agrarlandschaft. Öko-Regelungen seien für Mitgliedsstaaten obligatorisch, wobei diese jedoch selbst ausgestaltet werden könnten. Aus seiner Sicht eignen sich zur Erreichung von Biodiversitätszielen besonders Verpflichtungen zum erhöhten Anteil unproduktiver Elemente wie Landschaftselementen und Brachflächen.

 

Cosima Lindemann (NABU R-Pf) zeigte gemeinsame Ziele von Naturschutz und Jagd auf und verdeutlichte das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher und effizienter Nahrungsmittelproduktion und naturverträglicher Landnutzung. Rund 58 Mrd. € Subventionen (40 Prozent des EU-Haushaltes) seien ineffizient verteilt. Anstelle eines Gießkannenprinzips müssten Landwirte gezielt gefördert und für die Produktion naturverträglich produzierter Lebensmitteln mit fairen Preisen entlohnt werden. Dass Prädatorenbejagung ein wichtiges Instrument im Artenschutz sein kann, vertiefte Dr. Astrid Sutor (DJV). Heimische Prädatoren und Neozoen wie Waschbär, Mink und Marderhund, sind anpassungsfähig und kommen mit Veränderungen in der Kulturlandschaft gut zurecht. Dadurch sind Offenlandarten stetig zunehmendem Prädationsdruck ausgesetzt.

 

Lock-, Bau- und Fangjagd bieten Optionen zur Reduktion nachtaktiver Prädatoren, Fallen (mit entsprechender Meldetechnik) können einen wichtigen Beitrag zur intensiven Prädatorenbejagung leisten. Eine Verwertung der Bälge kann etwa über „Fellwechsel“ erfolgen. Prof. Dr. Michael Rademacher (TH Bingen) stellte Zahlen und Fakten zum Rückgang der Feldvögel und Insekten vor. Bestandseinbrüche der Offenlandarten seien dramatisch und würden sich ungebrochen fortsetzen. In der EU sei die Brutvogelpopulation von 1980 bis 90 um 300 Mio. Brutpaare zurückgegangen. Auch an der TH Bingen werden Untersuchungen zur Effizienz insektenfördernder Maßnahmen durchgeführt, darunter auch die wissenschaftliche Begleitung des Wildschutzprogramms „Feld & Wiese“. Projektleiterin Sahra Wirtz stellte Lebensraumverbesserung und Prädatorenmanagement vor. Bedeutendste Grundlage zur erfolgreichen Umsetzung ist die enge Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Jagd.

 

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass alle Beteiligten bestrebt waren, Lösungs- und Verbesserungsmöglichkeiten zu finden. Es herrschte Einigkeit darüber, dass für eine Zukunft der Offenlandarten praxisorientierte und zielgerichtete Maßnahmen und Bewirtschaftungsmethoden in der Agrarlandschaft notwendig sind. Diese Ziele können jedoch langfristig nur durch eine enge Zusammenarbeit von Wissenschaft, Naturschutz, Landwirtschaft, Jagd und Politik erreicht werden.

 

Dr. Claudia Stommel

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung, Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW

 

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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 06/2019 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 06/2019: Forschungsstelle


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