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RWJ 08/2019: Rotwild und Biodiversität

Auch Losung hat einen Wert

Rotwild nimmt durch Losung und die Strukturierung der Vegetation eine zentrale Schlüsselrolle zur Verbreitung bestimmter Käferarten ein – und leistet damit auch einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität.

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Rotwild ist die einzige große Säugetierart, deren Vorfahren gemeinsam mit Arten der Kältesteppe (Mammuts) und Warmzeiten (Waldelefanten) lebten. Säugetiere können pflanzliche Zellwände nicht aufschließen, erst Wiederkäuer mit ihrem mehrkammerigen Magen fanden einen Weg, über den natürlichen „Bio-Reaktor“ darin lebender Mikroorganismen Zellwände aufzuschließen und Nährstoffe verfügbar zu machen. Der Energiegehalt abgegebener Stoffe darf bei Wiederkäuern nicht unterschätzt werden – in der von einer Kuh pro Jahr abgegebenen Dungmenge heranwachsende Insekten erreichen rund ein Fünftel des Gewichtes der Kuh!

 

In Ökosystemen bauen „Produzenten“ (grüne Pflanzen) über die Photosynthese (Bindung von Sonnenenergie, Assimilation aus Bodenmineralstoffen, Kohlendioxyd der Luft und Wasser) organische Substanz auf. Von diesem Prozess leben alle „Konsumenten“ wie die Tiere. Der Abbau erfolgt durch „Destruenten“ (Zersetzer). Rotwild-Losung ist nicht nur Teil eines Nährstoffkreislaufs, sondern gleichzeitig auch Lebensraum für verschiedene abbauende Organismen. Rotwild ist darüber hinaus für viele Pflanzen- und Tierarten ein Vektor, der ihre Ausbreitung fördert.

Neues Leben aus dem Kot

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Die Beschaffenheit von Rotwild-Losung hängt auch von der Jahreszeit ab – im Bild am Ende des Winters (Äsungsumstellung).

Neues Leben aus dem Kot Der Abbau von Kot spielt eine wichtige Funktion im Ökosystem. Käfer, die von Losung leben, sind wichtige Nahrungsgrundlage für Vögel- und Fledermäuse. Untersuchungen zu dieser Thematik in Deutschland behandeln fast ausschließlich Haustiere. Dies erstaunt zunächst, da große Dungkäfer in erster Linie an größere Wildarten gebunden sind. Haustiere kamen historisch erst später hinzu. Die Industrialisierung der landwirtschaftlichen Tierhaltung hat bei Dungkäfern zu einem deutlichen Rückgang geführt. In einer Studie im Nationalpark Harz wurden 134 Arten an Rotwild- Losung gefunden. Fast alle in Mitteleuropa an Kot von Hauswiederkäuern festgestellten Käferarten können auch an ihrer ursprünglichen Nahrungsquelle leben– der Losung wildlebender Wiederkäuer.


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Rotwild-Losung im Vollherbst.

Unter optimalen Bedingungen finden sich in einem Kilo Rinder- oder Rotwilddung (Trockenmasse) mehrere Tausend Käfer. Rotwild-Losung ist gewissermaßen ein eigener Mikrokosmos im Lebensraum. Das Artenspektrum der Käfer hängt von verschiedenen Faktoren wie Standort, Substratqualität, Jahreszeit, Makro-/Mikroklima, Vegetationsstruktur und Boden ab. Der Wert der Extremente für einzelne Arten hängt von Größe, Format, Alter, Feuchtigkeit und Zersetzungsgrad ab. Rotwild ist in naturnahen Tiergesellschaften mit Rindern vergesellschaftet – früher in Mitteleuropa Auerochse oder Wisent, in Nordamerika bis heute Bisons. Trift und Waldweide endeten in Deutschland in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Heute sind etwa 300 000 Rinder im Naturschutz eingesetzt, hinzu kommen 1,6 Mio. Schafe. Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten findet Beweidung nur noch auf wenigen Flächen statt. Dabei gelingt die Balance zwischen Haustierbeweidung und Beäsung durch Wild nicht immer.


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Rotwild-Losung mit ersten Nutzungsspuren durch die Käferfauna.

Rotwild und andere Wildwiederkäuer nehmen eine wichtige Schlüsselrolle für auf Losung spezialisierte oder von ihr lebende Insekten ein. Eine erste Stichprobenuntersuchung im Harz weist auf den Beitrag von Rotwild zur Biodiversität hin. Im Nationalpark Harz wurden zwei Laufkäfer-, 14 Wasserkäfer-, 13 Zwergkäfer-, 76 Kurzflügler-, zwei Schnellkäfer-, eine Moorweichkäfer-, eine Pillenkäfer-, eine Glanzkäfer-, eine Rindenglanzkäfer-, eine Schimmelkäfer-, eine Faulholzkäfer-, drei Schwammkäfer-, eine Mistkäfer-, 15 Blatthornkäfer-, eine Wattkäfer- und zwei Rüsselkäfer-Arten nachgewiesen. Die Funktion der Beäsung geht über den Stoff- und Energiekreislauf im Lebensraum weit hinaus. Wechselbeziehungen zwischen Rotwild und Lebensraum sind nicht auf Pflanzen beschränkt, sondern schließen Tiere ein– von Vogelarten bis zu Fledermäusen. Die Ergebnisse aus dem Harz lassen spannende Befunde etwa auch aus Eifel und Rothaargebirge erwarten.

 

Dr. Michael Petrak

LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 

Quelle: T. MEINEKE et al. 2017: Käfer (Coleoptera) am Kot des Rothirsches im Hochharz – eine Stichprobenaufsammlung, Entomolog. Nachrichten u. Berichte, 61,2, 137 – 47


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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 08/2018 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 08/2019: Forschungsstelle


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