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RWJ 01/2022: Rücksichtnahme auf Wild muss man organisieren

Ein dritter Winter im Zeichen der Pandemie

Rücksichtnahme auf Wild, Lebensräume und Menschen erfordert gemeinsame Vorsorge – im Pilotprojekt MonschauElsenborn entwickelte man dazu Lösungen für die Praxis

Forschungsstelle

Winter-Wanderwege wie breite Forst- oder Landstraßen entlasten vor Ort.

Anfang 2021 kam es zum Massenansturm auf Wintersportregionen, Covid-bedingte Sperrungen für den Tourismus waren vielfach Auslöser für Konflikte vor Ort. Zum Teil tumultartige Szenen in NRW stießen auf große Aufmerksamkeit in ganz Europa, wie Diskussionen am Rande des 35. Internationalen Kongresses der Wildbiologen in Budapest zeigten.

NRW mit seiner hohen Bevölkerungsdichte ist ein Bevölkerungsschwerpunkt in Westeuropa. Der Klimawandel hat dazu geführt, dass Winter mit Schnee in weiten Teilen des Landes selten geworden sind. Von daher ist es nur zu verständlich, dass die Menschen (besonders Familien mit Kindern) aus Ballungsräumen weite Anfahrtstrecken in Kauf nehmen, um einmal Winter mit Schnee zu erleben. Dieses Bedürfnis wurde offensichtlich unterschätzt. Unabhängig von rechtlichen Grundlagen und angeführten Argumenten für eine Sperrung der Wintersportregionen im Rahmen der CovidProphylaxe, birgt eine alleinige Sperrung, die wesentliche Bedürfnisse der Bevölkerung ignoriert, ohne aufgezeigte Alternativen ein vermeidbares Konfliktpotenzial.

 

Erfolgreiches KrisenManagement in der Eifel

Die Vielfachzuständigkeit für den Aufenthalt von Menschen in der Natur unter Pandemiebedingungen (Wirtschaftsministerium zuständig für Tourismus, Schulministerium für Wintersport, Umweltministerium für Natur-Rücksichtnahme, Gesundheitsministerium für CoronaMaßnahmen, Innenministerium für Ordnungsrecht) erfordert vor Ort bei Kreisen und Kommunen eine sinnvolle Bündelung zur Umsetzung der Maßnahmen, v. a. beim Aufzeigen von Alternativen. Ein Abtauchen der Verantwortlichen in einzelnen Bereichen und fehlende Alternativen verschärfen die Situation.

Auch in der Eifel gabs viele Probleme. Die Stadt Monschau und der Nationalpark Eifel konnten aber zeigen, wie sich die Bedürfnisse der Menschen zum Aufenthalt in der Natur, das Einhalten der Corona-Schutzbestimmungen und die Besucherlenkung in der freien Natur miteinander vereinbaren lassen. Zu Beginn 2021 hatten wegen des Lockdowns sowohl die Stadt Monschau als auch der Nationalpark Eifel vom Besuch der Region eindringlich abgeraten, das Gebiet jedoch nicht gesperrt, sondern durch eine proaktive Besucherlenkung über geräumte Forststraßen und Winterwanderwege im Unterschied zu anderen Regionen die Situation wesentlich entschärft.


Solide fachliche Grundlagen

Wesentliche Basis für diesen Erfolg sind im Pilotprojekt Monschau-Elsenborn von der Forschungsstelle mit anderen Beteiligten entwickelte Lösungen, die die Rücksichtnahme auf die Natur mit Ansprüchen der erholungssuchenden Bevölkerung im Winter optimal miteinander verbinden.

1970 fand der Skilanglauf Eingang in den Breitensport in den Mittelgebirgen, damit nahm die Anzahl der Skiläufer kontinuierlich zu. In der Anfangszeit machte sich niemand Gedanken über Auswirkungen auf die Natur. Im Winter 1980/81 erreichte die Belastung durch den Langlaufbetrieb auch im Raum Monschau-Elsenborn einen absoluten Höhepunkt – die flächendeckende Frequentierung der Wälder durch Skiläufer, die an Wochenenden ihren Höhepunkt erreichte, führte dazu, dass teilweise noch am Dienstag der Folgewoche Reste der Samstags-Beschickung in Winterfütterungen lagen.

Die Konflikte zwischen verschiedenen Interessengruppen (Wald, Forst, Naturschutz, Jagd, Tourismus, Sport) waren überall zu greifen. Zur Lösung war es wichtig, alle Beteiligten und Betroffenen einzubeziehen und die Grundlagen durch eine von ihnen unabhängige Datenerfassung zu schaffen:

Studien zeigten, dass jeder Skilangläufer abhängig von Relief und Vegetation 200- 300m rechts und links seiner Spur (!) von Rotwild als Störfaktor registriert wird.

Unserem größten Wildwiederkäuer standen in der Eifel 1980/81 gerade mal noch vier Prozent seines ursprünglichen Lebensraums als ungestörte Zone zur Verfügung. Diese Erfahrungen führten zur Einsicht, dass sich eine als notwendig erkannte Minderung der Auswirkungen des Skibetriebes auf Rotwild nur durch die umfassende Abstimmung aller menschlichen Aktivitäten erreichen lässt. Durch geschickte Loipenplanung und die Sperrung der Einstandsbereiche gelang es, dem Rotwild wieder die Hälfte seines Lebensraums zur Verfügung zu stellen, die Situation so wesentlich zu entspannen und gleichzeitig Skiläufern und Winterwanderern ein attraktives Angebot zu machen.

Rotwild ist wegen seines gut dokumentierbaren Verhaltens eine Leitart zur Besucherlenkung, die zahlreichen anderen Arten zugute kommt.

 

Objektive Dokumentation durch die Forschungsstelle

Forschungsstelle

Loipen, die auf eigene Faust belaufen werden dürfen, aber nicht gespurt werden, sind unter Covid- Bedingungen unproblematisch.

Die Schneedecke im Winter erlaubt es, die Raumnutzung von Mensch und Tier nach denselben Methoden zu erfassen. Das Störpotenzial lässt sich über eine Kartierung aller Ski- und Fußspuren im Gebiet, kombiniert mit der Anzahl der Personen, die die Spuren nutzen, objektiv dokumentieren. Um die Maximalbelastung zu erfassen, erfolgte die Kartierung im Wesentlichen um die Wochenenden herum (Freitag bis Dienstag).

Spuren wurden unmittelbar in eine Karte (1:10000) eingetragen und in einer Auswertungskarte 1:25000 verdichtet – im Unterschied zu Befragung/Dokumentation an bestimmten Orten wird so die tatsächliche Raumnutzung erfasst. Diese seit 1988 durchgeführte Kartierung wurde auch zu Beginn 2021 mit derselben Methodik durchgeführt.

Beim Monitoring ist Unabhängigkeit gefragt – die flächendeckende Schneekartierung muss rückwirkungsfrei erfolgen, also zu Fuß und mit Skiern auf Loipen, jedenfalls nie von einem Fahrzeug aus. Gelegentlich treten Konflikte auf, wenn etwa Loipen durch die Holzabfuhr partiell zerstört werden.

Wildschadenminderung setzt Rücksichtnahme auf die Lebensansprüche des Wildes voraus, dies funktioniert aber nur, wenn Waldbesucher auf Loipen und Wegen bleiben! Wird dies nicht gewährleistet (Verlassen von Wegen, Querfeldeingehen), provozieren dadurch ausgelöste Störungen Wildschäden geradezu.

Wesentliche Grundlage des Erfolgs in Monschau ist ein System von Reservewegen – bereits in der ersten Projektphase wurde eingehend dafür geworben, große Forststraßen auch außerhalb der Loipen nur so weit zu räumen, dass sie zu Fuß, mit Skiern und zum Schlittenfahren nutzbar bleiben. Die Idee dahinter war einmal eine entspanntere Situation für die Waldbesucher, aber auch, so zu gespurten Loipen ein Reservesystem zur Verfügung zu haben.

Zu Beginn gings eher darum, bei Sturm und Schneebruchlagen ein Mindestmaß an Besucherlenkung zu gewährleisten. Dieses ursprünglich im Pilotprojekt Monschau-Elsenborn entwickelte System ist heute Bestandteil der Winterwanderwege im Nationalpark Eifel und der Stadt Monschau.

Weil solche Wege auch Anfang 2021 zur Verfügung standen (zur Überprüfung auf Schneebruch und der Beseitigung von Gefahrenquellen genügten wenige Ranger), war die Situation deutlich entspannt:

Die Waldbesucher genossen den Winterwald, hielten freiwillig alle nötigen Abstände ein und es gab keinen Vandalismus. Der Nationalpark Eifel erläuterte Hintergründe der Lebensraumberuhigung noch einmal zusätzlich: „Wer abseits ausgewiesener Wege unterwegs ist und etwa Hunde frei laufen lässt, kann folgenschwere Störungen in der winterlichen Natur verursachen: Das Aufschrecken von Wildtieren ist bei winterlichen Verhältnissen unbedingt zu vermeiden, weil die Tiere in dieser Jahreszeit ihren Stoffwechsel herunterfahren und jede Flucht wertvolle Energiereserven verbraucht. Gleichzeitig finden Wildtiere bei Schnee wenig Nahrung“ (aktuelle Info der Nationalparkverwaltung Nationalpark Eifel 6/2/2021).

Dieses erfolgreiche Beispiel belegt, dass der Tourismus proaktiv Strategien für Krisensituationen entwickeln und auch Angebote bereitstellen muss, die unter Pandemiebedingungen vertretbar sind. So wurden Loipen im Pilotprojekt Monschau-Elsenborn nicht gespurt, um keinen Besucherandrang auszulösen, standen jedoch zum Skilaufen auf eigene Faust zur Verfügung.

Die bereits zu Beginn des Pilotprojekts durchaus gegen anfängliche Widerstände entwickelte Strategie, große Forststraßen nur so weit zu räumen, dass sie zum Wandern, Schlittenfahren und Skilaufen gleichermaßen geeignet sind, wurde konsequent umgesetzt. Das Angebot wurde von den Besuchern dankbar angenommen und akzeptiert.

Wesentliche Leitlinien für den Erfolg:

  • Appell an die gemeinsame Verantwortung: Daseinsvorsorge für Menschen in der Region, Gäste und Natur,
  • zuverlässige Kommunikation v. a. in öffentlichen Medien und Tourismusinformation,
  • Verständnis für die Situation in den Ballungsräumen,
  • besondere Anforderungen sind an die Kommunikation in Krisensituationen zu stellen.
  • Es gibt keine Null-Kommunikation: Auch keine Information zu geben, ist Kommunikation.
  • Wenn Tourismuseinrichtungen normalerweise Schneehöhen mitteilen, hilft es nicht, auf einmal diese Basisinformationen zu sperren – fehlende Wetter- und Schneedaten sind über Wetterdienste leicht abzurufen.
  • Institutionen, die sonst für Tourismus werben, müssen auch in Krisensituationen seriös informieren, das Abtauchen im Austausch gegen Ordnungsamt und Polizei erhöht die Akzeptanz nicht.
  • Behelfsangebote und Selbstorganisation können schwierige Situationen entschärfen: Dies kann auch mal ein Parkplatz auf einer teilgeräumten kleinen Landstraße sein, die für die Ortsverbindungen nicht zwingend nötig ist.
  • Lösungsorientierung im konstruktiven Sinne ist effektiver und effizienter als Verbote und repressive Maßnahmen: Forststraßen, die Ausweichräume bieten o. kleinere Landstraßen, die sich durch geschickte Schneeräumung entsprechend gestalten lassen, gibts überall.


Fazit: Städte und Gemeinden, Forstleute, Jäger und Naturschützer sind gut beraten, nach den Erfahrungen des Winters Anfang 2021 sich frühzeitig Gedanken um eine proaktive Besucherlenkung zu Beginn 2022 zu machen. Revierinhaber und Hegegemeinschaften sollten ihre Kommunen ansprechen, die Forschungsstelle steht für Rückfragen gern zur Verfügung.

Dr. Michael Petrak
LANUV NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und
Wildschadenverhütung, Pützchens Chaussee 228,
53229 Bonn, Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

Literatur: Simon, O., Lang, J., Petrak, M., 2008:
Rotwild in der Eifel: Lösungen für die Praxis aus dem Pilotprojekt Monschau-Elsenborn, Klitten, Lutra (enthält die Grundlagen) Petrak, M., 2021: Recreational activities under
Covid-19 conditions: solutions for wildlife,
habitats andman. Vadbiológia 21,
Abstracts of the 35 IUGB Congress: 53-54
Petrak, M., 2021: Wintersport und Naturschutz:
Der erfolgreiche Monschauer Weg hat sich auch in der Pandemie bewährt,
Das Monschauer Land 50 (Jg. 2022), 23-28

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