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RWJ 06/2019: Moderne Kitzrettung im HR Versmold (GT)

Mit Piloten und Buschmännern

Der Hegering Versmold (GT) setzt bei der Kitzrettung im Grünland auf modernste Technik. Drohnen mit Wärmebildgeräten finden jedes Kitz. Kosten und ein hoher organisatorischer Aufwand lohnen sich. Mitte April stellte der Hegering Konzept und Technik etwa 50 interessierten Jägern und Landwirten vor.

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Moritz Meyer (m.) und Ulrich Bultmann (l.) führten durch die Veranstaltung.

Als an einem einzigen Tag 18 Kitze ausgemäht wurden, stand für den Versmolder Hegeringleiter Tassilo Marowsky fest, dass es so nicht weitergehen konnte. Traditionelle Methoden der Kitzrettung, selbst der Einsatz akustischer Wildretter führten nicht verlässlich zum Erfolg. Gerade frisch gesetzte Kitze, die sich im hohen Gras ducken und nicht flüchten, wurden zu oft nicht gefunden. Der Hegering entschloss sich, zwei Drohnen mit Wärmebildkamera anzuschaffen. Zuvor hatte man sich mit dem HR Halle (GT) ausgetauscht, der mit der neuen Technologie gute Erfahrung gemacht hatte. Dazu kamen pro Drohne fünf Akkus, zwei große Transportkoffer und mehrere Funkgeräte, insgesamt wurden rund 16 000 € für die beiden Systeme investiert. Die Versmolder nutzen die Drohne Phantom 4 des Herstellers DJI – nach eigenen Angaben Marktführer im Bereich der zivilen Drohnen. Für Drohnen bis 2 kg benötigt man übrigens keinen Führerschein.

 

 

Botulismus vermeiden

Ohne finanzielle Unterstützung der Landwirtschaft wäre das nicht möglich gewesen. Denn einige Bauern aus der Umgebung hatten etwa die Hälfte des Betrages aus eigener Tasche gespendet. Mitte April stellten die Versmolder Jäger ihr Projekt der Öffentlichkeit vor. Der stv. KJS-Vorsitzende Ulrich Bultmann moderierte die Veranstaltung. Er wies zur Begrüßung darauf hin, dass es neben der Vermeidung von Tierleid – die im Mittelpunkt steht – auch darum gehe, Botulismus durch verunreinigtes Futter in den Nutztierbeständen zu verhindern. Auch deshalb habe die Landwirtschaft ein Interesse an effizienter Kitzrettung.

 


Gemeinschaft und Koordination

Für den Einsatz braucht man ein Team, das aus einem Piloten, einem Beobachter und mehreren Buschmännern besteht. Der Pilot startet und überwacht den Flug der Drohne. Diese muss nicht von Hand gesteuert werden, sondern fliegt eine vorab über die App Litchi (25 €) programmierte Route ab. Man kann sich die Fläche, die gemäht werden soll, im Vorfeld am Computer (Google Maps) heraussuchen und eine Route digital festlegen. Das dauert mit etwas Übung nur eine Minute und lässt sich zuhause erledigen. Die Drohne fliegt diese Strecke am nächsten Tag automatisch ab. „Die Steuerung der Drohne kann jeder in 30 Minuten erlernen“, ist Pilot Moritz Meyer überzeugt. Während des Fluges werden die Aufnahmen der Wärmebildkamera in Echtzeit auf den Bildschirm der Empfangseinheit übertragen. Dort muss der Beobachter sehr konzentriert nach hellen Punkten (Wärmequellen) Ausschau halten. Ist dies der Fall, stoppt der Pilot die Drohne über dem Fund und lässt sie in der Luft schweben. Dann kommen die Buschmänner. Sie haben sich am Rand des Schlages postiert, folgen der Drohne und treten bei einer Meldung an den Fundort heran. Dabei kann man auch Nicht-Jäger einbinden, die sich engagieren wollen. Da auch der Buschmann als Wärmequelle auf dem Bildschirm des Beobachters erscheint, kann er per Funk exakt eingewiesen werden. Der Buschmann kann dann sehen, ob ein Kitz, ein Gelege oder nur eine noch warme Sasse des Hasen entdeckt wurde. „Kitze reagieren je nach Alter unterschiedlich auf Gefahren. Ältere Kitze fliehen vor dem Menschen, können sich im hohen Gras aber nicht orientieren und müssen dann kontinuierlich aus der Fläche gedrückt werden. Das kann ganz schön schweißtreibend sein. Jüngere Kitze bleiben flach im Gras liegen“, erläuterte Dr. Volker Janssen, Tierarzt und Hegeringleiter in Halle (GT) Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr.

 

 


Bildergalerie Mit Piloten und Buschmännern

Der frühe Vogel findet das Kitz

Um effektiv arbeiten zu können, sollte man frühmorgens bei erstem Tageslicht loslegen, denn dann ist die Umgebung kühl und der Kontrast zu den warmen Wildkörpern am höchsten, so Moritz Meyer. Eine Akkuladung hält in der Praxis ungefähr 25 Minuten. Einen Hektar kann man in etwa zwei Minuten überfliegen. Dann ist man mit etwa 15 km/h unterwegs und der Beobachter kann dem Bild noch folgen. So können etwa 80 ha an einem Vormittag geschafft werden. Das hängt natürlich davon ab, wie groß die einzelnen Flächen sind, wieviel Wild gefunden wird und wie schnell die „Buschmänner“ arbeiten. Seitenwind gleicht die Drohne automatisch aus. Bis zu Windstärken von 5 bis 6 kann man arbeiten. Bei niedrigem Akkustand fliegt die Drohne automatisch zurück.


Ohne Landwirte geht es nicht

Steht der Mahd-Termin fest, muss der Landwirt den Jagdpächter informieren. Der entscheidet, welche Methode bei der jeweiligen Fläche angewendet wird. Manchmal reicht das Aufstellen von Flatter-Tüten am Vorabend oder die klassische Suche mit ein paar Helfern und einem Hund. Bei anderen Flächen kommt die Drohne zum Einsatz. Das weiß der jeweilige Revierinhaber am besten. Die Koordination erfolgt über eine WhatsApp-Gruppe. Pilot, Beobachter und mehrere „Buschmänner“ werden mobilisiert. In Versmold stehen für jede Drohne drei Piloten zur Verfügung.


Vielfältige Einsatzbereiche

Ulrich Bultmann wies darauf hin, dass man Drohnen auch bei der Suche nach Kadavern einsetzen könne. Im hoffentlich nie eintretenden Fall eines ASP-Ausbruchs könnten so Kadaver gefunden und entsorgt werden. Das Auffinden und Beseitigen von Kadavern ist ein maßgeblicher Baustein im Kampf gegen die Seuche. Da verwesende Kadaver durch mikrobakterielle Prozesse immer auch Wärme abgeben, lassen sie sich mit Wärmebild-Technik orten.

 

Dr. Volker Janssen: „Ich bin von der Methode überzeugt und begeistert. Wo wir mit Drohnen arbeiten, haben wir in Halle keine Mähverluste mehr. Es ist ein besseres Gefühl, ein Kitz zu retten, als einen Bock zu erlegen.“

 

Felix Höltmann

 

Weitgehende Erfahrungen zu der Thematik sammelt man seit 2018 auch in Südwestfalen – über das Sauerländer Drohnenkitzrettungs-Forum berichten wir in einer der nächsten Ausgaben.


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