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RWJ 05/2019: Zum Aufgang der Rehjagd

Viele jagen – aber die Richtigen ...

Mit Beginn des Wonnemonats endet die Schonzeit der Rehe, jetzt geht das Jahr des Jägers für die meisten erst „richtig los“. Im Mittelpunkt stehen dabei seit jeher die Böcke – nicht ganz zu Unrecht. Aber oft auch nicht ganz zu Ende gedacht ...

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Impressionen erfolgreicher Bockjäger: Während die Mai-Doublette davon kündet, dass man offensichtlich seinen Nachbarn misstraut (und sich selbst um Blattjagd-Freuden bringt !), ...

Sicher kennen Sie die Standard-Pressemitteilung der Jagdverbände zur Umstellung der Sommerzeit, wonach Autofahrer im Frühjahr besonders aufpassen sollten, weil Rehe ja keine Sommerzeit kennen und vom ersten Grün angelockt in der Dämmerung verstärkt in den Berufsverkehr geraten. Alles richtig, aber wie wir Jäger wissen (sollten), auch nur ein Teil der Wahrheit. Sicher kommen deshalb im Frühjahr viele Rehe unter die Räder, doch der Hauptgrund dafür ist ganz ein anderer. Den allerdings kann man einer wildbiologisch weitgehend „unbeleckten“ Öffentlichkeit kaum in einem komprimierten 8-Zeiler vermitteln: Rehe (v. a. Böcke) leben besonders in diesen Wochen extrem „territorial“. Mit diesem Begriff beschreibt die Verhaltenskunde den ausgeprägten Antrieb, das eigene Revier gegen andere Böcke zu verteidigen und gegen deren Territorien abzugrenzen. Diese nüchternwissenschaftliche Beschreibung ist in „echt“ deutlich dramatischer – und in diesen Wochen überall auch zwischen Rhein und Weser zu beobachten:

 

Territoriale, mehrjährige Böcke dulden in ihrem „Zuhause“ keine heranwachsenden Geschlechtsgenossen – und gehen mit unglaublicher Energie und Aggression gegen sie vor. Im besten Fall führt das zum KümmererDasein von Jährlingen, die lediglich im Übergangsbereich guter (= „nahrungsreicher, ruhiger, sicherer“) Einstände sehen müssen, wie sie zurechtkommen. Im ungünstigsten Fall enden solch wilde Vertreibungen aber leider oft auf der Straße – so war 2017/18 allein in NRW deutlich mehr als ein Viertel der Jahresstrecke von rund 100 000 Rehen Fallwild ! Diese wildbiologischen Zusammenhänge zu kennen nutzt allein noch gar nichts – wir Jäger sind aufgefordert, daraus auch die richtigen Schlüsse zu ziehen: Wenn wir uns verantwortlich fühlen für das „Wohlbefinden“ des uns anvertrauten Wildes („was anderes kann Hege bedeuten?“), dann müssen wir dafür sorgen, dass nicht zu viele Individuen einer Art sich gegenseitig das Leben ungemütlich machen.

 

Wie Rehe ihr Wohlbefinden definieren – und uns das auch zeigen – wissen wir nicht erst seit den Zeiten und Zeilen eines Ferdinand von Raesfeld: Wenn’s zu viele sind, kümmern sie – eine passende Dichte danken sie uns dagegen mit deutlich steigendem Wildbretgewicht. Und auch besseren Trophäen. Bei aller Kritik am „ökologischen“ Jagdgesetz sollte eine wirklich segensreiche Verbesserung nicht in Vergessenheit geraten, die bis heute gilt – die Abschaffung des RehwildAbschussplans verschafft uns gerade in diesen Wochen eine Flexibilität, von der Generationen von RehwildJägern nur träumen konnten. Versuchen Sie daher Anfang Mai jeden schwachen Jährling zu erlegen, den Sie vorhaben. Ganz egal, ob der noch im Haarwechsel sein mag. Bei älteren Böcken spielt dieser Faktor komischerweise ja auch eine eher untergeordnete Rolle. Bevor die noch der „Zuckerkrankheit“ zum Opfer fallen – der im Zeigefinger des Nachbarn ...

 

Genau darin liegt der Hauptgrund, warum resignierende RehwildPäpste bei Hegeschauen landauf, landab bejammern, dass viel zu viele Böcke wieder mal viel zu jung zu Tode kamen. Genau jetzt, Anfang Mai.

 

Schmalrehe nicht vergessen

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... hat der dieser Erleger alles richtig gemacht – die beiden werden nicht mehr überfahren!

Auch die Standard-Begrüßung unter Jägern in der zweiten Maihälfte kennen Sie sicher: „Und – schon Bock tot ?“ Nicht von ungefähr geht in unseren Köpfen Anfang Mai „die Bockjagd auf“. Und nicht die Rehjagd. Dabei ist es aus Gründen des Reh-Wohlbefindens genauso nötig, im Mai auch den Schmalrehen intensiv nachzustellen – jetzt, wo man sie noch gut von beschlagenen und führenden Stücken unterscheiden kann. Sage bloß keiner, das sei zu gefährlich. Wer sich „das“ nicht zutraut, soll den Finger gerade lassen – keine Frage. Aber diesen Unterschied zu erkennen, kann man erlernen. Nicht am falsch erlegten Stück, sondern an der Seite erfahrener Rehjäger. Wir können doch nicht unser „grünes Abitur“ wie eine Monstranz vor uns hertragen und aus falsch verstandenen Hege-Gedanken auf die Bejagung von Schmalrehen im Mai verzichten. Eine solche Bejagung ist nicht gefährlich, sondern verantwortungsvoll. Vor allem mit Blick auf die Ruhe, die alles Wild – auch jedes Reh – ab Ende Dezember verdient hat. Das neue NRWJagdgesetz lässt uns viele Freiheiten – endlich wieder. Nutzen wir sie, zum Wohle des Wildes!

 

Matthias Kruse


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