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RWJ 09/2015: Schwere Verstöße beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW

Rotwild-Krieg in Ostwestfalen

Was genau im letzten Jahr bei zwei merkwürdigen Jagden im Bereich des Regionalforstamtes Hochstift (PB/HX) ablief, darum kümmert sich derzeit die Staatsanwaltschaft. Unzweifelhaft ist nur, dass jeweils an wenigstens einer der Jagden sowohl der Leiter des Landesbetriebes Wald und Holz, Andreas Wiebe, und der Leiter der Staatsjagden in NRW, Ltd. Forstdirektor Christian Wagner teilnahmen. Schlaglichter eines Skandals in Ostwestfalen.

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Seit Jahren wird im Bereich des Regional- Forstamtes Hochstift (Kreise PB u. HX) massiv und immer erbarmungsloser gegen das Rotwild vorgegangen. Foto: M. Breuer

Südöstlich von Lichtenau (Kreis PB) liegt das etwa 150 ha große Gelände der Fa. IABG, einem Dienstleister, der dort u. a. im Auftrag der Bundeswehr Spreng- und Schussversuche durchführt. Das Gelände besteht etwa zur Hälfte aus Grünflächen (mehr zur B 68 hin), auf der hinteren Hälfte befindet sich ein Fichten- Altholzbestand (s. Bildergalerie).

 

Zum Schutz vor Spaziergängern und Ausspähen der Versuche war das Gelände bis 2014 im Norden, Westen und Süden mit Knotengeflecht eingezäunt. Nach Osten grenzt ein Sumpfgelände, das sog. „Schwarze Bruch“ an das Gelände, sodass von dort keinerlei „Störung des Geschäftsbetriebes“ zu erwarten war. Jedenfalls nicht von menschlichen Störern. Der Wald auf dem Gelände dient vornehmlich einem einzigen Zweck – dem Lärm- und Sichtschutz für die darin und dahinter stattfindenden Sprengversuche.

 

Jahrelang fand die jagdliche Nutzung des Areals durch den Leiter der Anlage (privat) statt, bevor dann vor einiger Zeit die Bejagung an den Landesbetrieb Wald und Holz übertragen wurde.

 

Zuständig dafür ist seither das Regionalforstamt Hochstift, vertreten durch seinen Jagdleiter Dirk Kreienmeier.

 

Zu Jahresbeginn 2014 stellte sich die Lage wie folgt dar: Das in der Umgebung vorkommende Rotwild erkannte sehr schnell das ungewöhnliche Ruhepotenzial dieses Areals und nutzte es über die freiliegende Ostseite und zahlreiche Löcher im übrigen Zaun als nahezu idealen Rückzugsraum. Diesen Effekt kennt man auchanderswo,etwavonTruppenübungsplätzen, wo sich Wild komplett mit dem Gefechtslärm arrangiert hat und dort ungestört in sonst kaum bekannter Dichte vorkommt. Genauso auf dem IABGGelände – an schönen Tagen konnte man auf den Grünflächen bis zu 100 Stück Rotwild beobachten!

 

Solche Großrudel waren dem stv. Forstamtsleiter offenbar ein Dorn im Auge, zumal der seit geraumer Zeit nicht müde wurde, vor örtlichen Waldbauern und anderswo zu verkünden, die seiner Meinung nach viel zu hohe Rotwilddichte müsse stark abgesenkt werden.

 

Offenbar ist ihm dazu jedes Mittel recht.

 

Bildergalerie: Rotwild-Krieg in Ostwestfalen

Was ist eine Effizienzjagd?

Irgendwann im Jahr 2014 muss der Plan entstanden sein, dass zu diesen Mitteln auch eine ganz besondere Jagdstrategie im Bereich des IABG-Geländes gehören könnte:

 

Zunächst wurde die bis dahin offene Ostseite mit einem „gefakten Forstschutzzaun“ verschlossen – bis auf zwei enge Durchlässe von etwa je 10 m Breite.

 

Da es in dem reinen Fichtenaltholz nichts zu schützen gab, wofür man diesen Zaun gebraucht hätte, setzte man in diesen „Schutzzaun“ unter den dichten Fichtenschirm einige Eichenpflanzen (eine extreme Lichtbaumart) – eine waldbauliche „Sonderlösung“, die bundesweit ihresgleichen suchen dürfte. Für forstliche Laien – das ist nichts anderes, als würde man zur Legalisierung der sommerlichen Taubenjagd auf Stoppelfeldern (hocheffektiv, aber verboten) vor seinem Jagd- Schirm einige Schalen mit Rosenkohl positionieren – denn die müsste man ja vor Schäden durch Ringeltauben beschützen!

 

Der eigentliche Grund für den neuen Zaun im Osten war ein ganz anderer: Dabei ging es nicht um den Schutz in dieser Situation völlig umpassender Eichen, sondern schlicht darum, mit einer ganz neuen „Methode“ dem Rotwild an den Kragen zu gehen.

 

Nur der Vollständigkeit halber: Natürlich hätte man mit einem vernünftigen Treiben sämtliches im Zaun vorhandene Wild über die noch offene Seite (und zahlreiche Löcher im Zaun) leicht aus der Fläche drücken – und diese anschließend wilddicht verschließen können.

 

Dagegen hätte niemand etwas haben können. Der perfide Plan hatte jedoch ein ganz anderes Drehbuch:

 

Einige Wochen im Vorfeld informierte Staatsförster Kreienmeier umliegende Reviernachbarn über eine geplante „Effizienzjagd“ des Forstamtes auf dem IABG-Gelände am 8. November 2014. Da dieses zu diesem Zeitpunkt nach einer Seite noch komplett offen war und zudem der Zaun etliche Schlupflöcher enthielt, ermunterte der Jagdleiter des Regionalforstamtes die Nachbarn, diesen Tag zu nutzen, um rund um das IABG-Gelände auswechselndes Rotwild „mitzubejagen“. Anschließend ließ das Forstamt sämtliche Löcher im Zaun wilddicht verschließen, riegelte die Fläche mit dem gefakten „Jagdschutz-Zaun“ nach Osten quasi komplett ab – und errichtete an beiden Durchlässen (s. Bildergalerie) Drückjagdböcke!

 

Am 8. November ging es dann mit Treibern und Hunden dem Rotwild zum ersten Mal an den Kragen. Wie Zeugen berichteten, seien die Rudel mit heraushängendem Lecker immer wieder panisch die Zäune entlang geflüchtet – ohne jede Chance.

 

Ohne jede Chance waren indes auch die Jäger der umliegenden Reviere, die außerhalb des Gemetzels vergeblich auf auswechselndes Wild hofften.

 

Da konnten sie auch lange warten, nachdem das Forstamt schließlich mit großer Mühe jeden möglichen Durchlass wilddicht verschlossen hatte …

 

Passend zu Weihnachten wurde das Trauerspiel am 20. Dezember 2014 noch einmal wiederholt.

 

Besonders pikant – neben örtlichen Förstern unter Leitung von Dirk Kreienmeier nahmen an wenigstens je einer der Jagden (zur Steigerung der Effizienz?) auch der Leiter des Landesbetriebs Wald und Holz, Andreas Wiebe, und der zuständige Fachbereichsleiter für die Staatsjagd, Ltd. Forstdirektor Christian Wagner teil.

 


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Schwere Verstöße beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW

Anzeige wegen Verstoß gegen Jagd- und Tierschutzrecht

Nachdem der Vorsitzende der zuständigen Rotwildhegegemeinschaft erfuhr, dass das Regionalforstamt das skandalöse Gemetzel von Anfang November noch einmal wiederholen wolle, intervenierte er bei der Forstamtsleitung, um das zu verhindern – mit dem Resultat, dass er abgekanzelt wurde und die zweite Effizienzjagd wie gehabt durchgeführt wurde. Diesmal besonders effizient – Strecke: null Stücke Schalenwild.

 

Daraufhin zeigte Revierpächter Rudolf Meier, Mitglied im erweiterten Vorstand der Rotwildhegegemeinschaft, das Regionalforstamt bei der zuständigen Unteren Jagdbehörde des Kreises Paderborn an. Woraufhin sich die Untere Jagdbehörde ihrerseits an die Staatsanwaltschaft Paderborn wandte. Diese leitete ein Strafermittlungsverfahren gegen Verantwortliche des Regionalforstamtes (Jagdleiter Dirk Kreienmeier und Forstamtsleiter Roland Schockemöhle, der an beiden Jagden nicht teilnahm) wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz ein.

 

Mit Verweis auf das laufende Verfahren lehnte das Regionalforstamt jede Stellungnahme gegenüber dem RWJ ab. Gegenüber dem WDR und anderen Medien ließ der Pressesprecher des Landesbetriebs verlauten, bei den beiden Jagden sei „alles mit rechten Dingen“ zugegangen.

 

Matthias Kruse

 


„Effizienzjagden“

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