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RWJ 06/2014: Aktuelle Studie zum Einfluss verwilderter Hauskatzen auf die Fauna

Schluss mit fatalen Fehleinschätzungen

Weltweit belegen Studien den Einfluss von Hauskatzen auf die heimische Tierwelt. In einem neuen Gutachten der Universität für Bodenkultur Wien wurden jetzt annähernd 90 wissenschaftliche Studien ausgewertet. Prof. Dr. Klaus Hackländer leitete das Gutachten Einfluss von Hauskatzen auf die heimische Fauna und mögliche Managementmaßnahmen. Der DJV befragt den Uni-Professor für Wildbiologie zu seinen Ergebnissen.

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Dr. Klaus Hackländer ist Universitätsprofessor für Wildtierbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien. Zu seinem aktuellen Gutachten Einfluss von Hauskatzen auf die heimische Fauna und mögliche Managementmaßnahmen führte der DJV ein Interview mit ihm.

DJV: Das Interesse am Einfluss von Hauskatzen auf die Fauna scheint nicht nur in Deutschland groß zu sein – welchen Einfluss haben Hauskatzen tatsächlich auf die heimische Tierwelt – sowohl durch das Beutemachen als auch durch Beunruhigung?

 

Prof. Dr. Hackländer: Tatsächlich ist das Thema Hauskatze für den Artenschutz und die Jagd auf der ganzen Welt ein wichtiges Thema. Dementsprechend gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die den Einfluss von streunenden oder verwilderten Hauskatzen auf wild lebende Tiere untersuchten, darunter zahlreiche Studien, die lokal einen Rückgang von Arten belegten, z.T. sogar zum Aussterben einer Art geführt haben. Neben diesen direkten Effekten sollten aber auch die indirekten Wirkungen streunender Katzen nicht außer Acht gelassen werden. Die Anwesenheit des Beutegreifers Hauskatze kann zu Verhaltensänderungen bei der potenziellen Beute führen, die mit erhöhtem Stress reagiert, weniger Zeit für die Nahrungsaufnahme hat oder eine geringere Jungenfürsorge zeigt. All dies kann damit auch ohne einen direkten Einfluss der Hauskatze (Tötung der Beute) zum Rückgang einer Art führen.

 

DJV: Tierschützer und Katzenfreunde argumentieren oft pauschal, dass Freigängerkatzen nicht für das Aussterben einer Art verantwortlich sind – wie sieht die Realität aus?

 

Hackländer: Diese Pauschalbehauptung ist haltlos. Stellen Sie sich eine kleine Insel vor, auf der sich in Abwesenheit von Landbeutegreifern eine flugunfähige Vogelart entwickelte. Was glauben Sie, was passiert, wenn dort Hauskatzen streunen oder ausgewildert werden? Neben diesen exotischen Beispielen kennen wir aber auch den Einfluss von Hauskatzen bei uns in Europa. Unsere „Samtpfoten“ sind ein Hauptbeutegreifer für heimische Vögel und Säuger und entnehmen einen Großteil der Jung- und Altvögel pro Jahr. Im Zusammenspiel mit anderen negativen Faktoren in unserer zersiedelten Kulturlandschaft trägt die Hauskatze damit wesentlich dazu bei, dass heimische Arten gefährdet sind.

 

DJV: Können Sie quantifizieren, welche Tiergruppen und -arten hauptsächlich zur Beute von Katzen werden, sind Ihre Ergebnisse auf Mitteleuropa, insbesondere Deutschland übertragbar?

 

Hackländer: Die Quantifizierung ist ein schwieriges Thema, da nicht alle getöteten Beutetiere auch vom Menschen registriert werden. Nicht alle Katzen legen ihre gesamte Beute ihren Besitzern vor. Die vorhandenen Schätzungen sind also nur Mindestwerte. Betroffen sind vor allem Vögel und Säuger, weniger Reptilien, Amphibien, Fische oder Insekten. Eine Übertragung der Ergebnisse anderer Ländern auf Deutschland ist nicht pauschal möglich, aber wir müssen davon ausgehen, dass geschätzte 10 Mio. Hauskatzen mit und 2 Mio. ohne festes Zuhause eine Gefahr für die Biodiversität in Deutschland darstellen.

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Etwa sechs Millionen Singvögel erbeuten verwilderte Hauskatzen in Deutschland, das ergaben Hochrechnungen des DJV. Das Foto zeigt eine Katze mit Fasanenhenne, einer am Boden brütenden Art.

DJV: Welche Maßnahmen, besonders in Schutzgebieten, sind erfolgversprechend?

 

Hackländer: Die mögliche Bandbreite reicht von Extrempositionen wie dem sicheren Einsperren in Häuser bis zum berühmten Halsbandglöckchen. Auch hier gilt es, das eigentliche Ziel zu definieren und gleichzeitig pragmatisch zu bleiben. Langfristig muss die Anzahl der Freigänger reduziert werden. Gerade in Schutzgebieten sollten Fang und Abschuss verwilderter Hauskatzen durchgeführt werden. Um das Schutzgebiet sollten Kastrations- und Sterilisationsprogramme für Streuner forciert werden.

 

DJV: Auf der Wattenmeer-Insel Borkum sollten Jäger im vergangenen Jahr verwilderte Katzen außerhalb von Ortschaften schießen. Nach Protesten ging man dazu über, Katzen zu fangen und auf dem Festland wieder auszusetzen – eine praktikable Managementlösung?

 

Hackländer: Damit wird das Problem ja nur verlagert. Außerdem ist aus der Sicht des Tierschutzes zu hinterfragen, ob Fang, Transport und Aussetzen in einem für das Individuum unbekannten Terrain ethisch zu verantworten sind.

 

DJV: Das Paderborner Modell, das einige Kreise praktizieren, sieht eine Registrierungs- und Kastrationspflicht für Hauskatzen vor – wie werten Sie diesen Lösungsansatz?

 

Hackländer: Aus unserer Sicht wäre eine Kennzeichnungsund Registrierungspflicht für Hauskatzen (ähnlich dem System für Hunde) eine optimale Lösung. Das Halten von Katzen ist auch mit einer Verantwortung gegenüber der Natur verbunden, die durch eine solche Regelung eher kommuniziert werden kann.

 

DJV: Glocke oder Stubenarrest – welche Maßnahme halten Sie für sinnvoll?

 

Hackländer: Natürlich die Glocke. Sie reduziert direkte Effekte, also das Töten von Jungvögeln. Indirekte Effekte, also Stressreaktionen von Hauskatzen bedrohter Beutetiere, werden dadurch aber nicht minimiert, vielleicht sogar noch verstärkt. Dennoch empfehle ich ein Glöckchenhalsband als praktikable, billige und effektive Sofortmaßnahme.

 

Das gesamte Gutachten „Einfluss von Hauskatzen auf die heimische Fauna und mögliche Managementmaßnahmen“ kann man als Download herunterladen: www.djv.newsroom.de


Wildernde Katzen

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