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RWJ 11/2018: Niederwildhege im nördlichen Münsterland

Paradies fürs Niederwild

In landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten haben es Hase, Fasan und Co. schwer. Die Stiftung „Westfälische Kulturlandschaft“ will in Kooperation mit Jägern, Jagdgenossen und Bauern Hegemaßnahmen und konventionelle Landwirtschaft in Einklang bringen – aufgrund der Förder-Bürokratie nicht gerade einfach.

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Die Beiratsmitglieder auf einer 6,5 ha großen Fläche in Lengerich-Schollbruch (ST), vorn ist die Schwarzbrache, hinten der Blühstreifen erkennbar. Fotos: F. Höltmann

Es ist Mitte September. Die Sonne brennt, als wollte der Sommer kein Ende nehmen. Im nördlichen Kreis Steinfurt begutachtet der fachliche Beirat des Projektes „Hegebeauftragter für das Münsterland“ eine 6,5 ha (!) umfassende niederwildfreundlich gestaltete Agrarfläche. Dabei wurden Blühstreifen aus Sonnenblumen, Buchweizen, Rotklee, Waldstaudenroggen oder Markstammkohl inklusive mehrjähriger Regio-Komponenten wie Schafgarbe, Beifuß, Wiesenkerbel, Leinkraut, Wilde Möhre oder Spitzwegerich, die als „Hasenapotheke“ dienen, mit weiteren produktionsintegrierten Naturschutzmaßnahmen kombiniert. Im mittleren Bereich befindet sich eine Schwarzbrache, auf der bereits Kiebitze gesichtet wurden. Auf den ebenfalls im Blühstreifen eingesäten Wicken sitzen Läuse, die für Jungfasane wichtige eiweißhaltige Nahrung liefern.

 

Auf dem angrenzenden Streifen wurde extensiv (doppelter Saatreihen-Abstand) Sommerweizen und -hafer gedrillt. Das Getreide steht weniger dicht und Niederwild hat so mehr Bewegungsfreiheit bei der Flucht vor Prädatoren. Außerdem wachsen in den Zwischenräumen zahlreiche Wildkräuter, die als Äsung dienen. Ein Teil der Fläche wird im Sommer nicht geerntet und verbleibt bis ins Frühjahr auf dem Feld. Auf der abgeernteten Fläche wird eine Stoppelbrache gelassen, bei der die Stoppeln mindestens 20 cm hoch bleiben müssen, was Wild ebenfalls Deckung bietet, auflaufendes Ausfallgetreide bringt zusätzliche Äsung. Insgesamt bietet die Fläche mit vielen Grenzlinien hervorragenden Lebensraum für Hase, Fasan und Rebhuhn. Doch sie locken auch Prädatoren an. Füchse, Dachse und Marder wurden gefährdet oder in Betonrohrfallen gefangen, Sauen ziehen aus den nahe gelegenen Ausläufern des Teutoburger Waldes in die Flächen und auch der seltene Uhu verlangt seinen Anteil. Eine weiter intensive Fangjagd ist unbedingt nötig.

 

Unterstützung ist nötig

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Im Vordergrund das extensiv angebaute Sommer­getreide, anschließend die Schwarzbrache und der Blühstreifen.

„Ohne die Unterstützung von Herrn Specht hätten wir das nicht gemacht“, erklärt Landwirt Klaus Schlamann aus Lengerich-Schollbruch (ST) beim Ortstermin. Landschaftsökologe und Jäger Hendrik Specht betreut für die Stiftung „Westfälische Kulturlandschaft“ seit einigen Jahren Landwirte, um Nutzflächen für Niederwild attraktiver zu gestalten. Die Jagdpächter sind dabei eng eingebunden. Dazu nutzt Specht vielfältige Fördermöglichkeiten von Landwirtschaftskammer, Naturschutzbehörden und EU. Er weiß, welche Maßnahmen sich landbautechnisch auch umsetzen lassen und aus welchen Fördertöpfen Landwirte für finanzielle Ausfälle entschädigt werden. Dazu hilft er auch bei der Antragstellung, die zuweilen ausgesprochen kompliziert sein kann, wie Schlamann berichtete.


Projektbeirat vor Ort

Der fachliche Beirat des Projektes hatte eine turnusgemäße Sitzung auf den Hof Schlamann gelegt, um im Anschluss die Flächen zu begutachten. Angeführt von Dr. Michael Petrak, Leiter der Forschungsstelle für Wildkunde und Wildschadenverhütung in Bonn, gingen die Experten ins Revier. Dr. Petrak erinnerte sich angesichts der Schwarzbrache an eine historische Drei-Felder-Wirtschaft und LJV-Präsidiumsmitglied Gerd Thomas konstatierte, dass man froh sein müsse, einen Bewirtschafter zu finden, der gute, hofnahe und angebundene Flächen zur Verfügung stelle.

 

Die Maßnahme wird von der Naturschutzbehörde im Kreis Steinfurt gefördert – für eine spezielle Saatgutmischung mit regionalen Pflanzen mit höheren Kosten werden etwas höhere Prämien gezahlt. Ein Blühstreifen bringt 1 250 €/ha, eine Schwarzbrache 1 150 €, Sommergetreide im doppelten Saatreihenabstand ohne Pflanzenschutz 1 105 €, eine Stoppelbrache zusätzlich 220 € – zuzüglich etwa 300 € EU-Flächenprämie. „Dann rechnet sich das“ so Beirats-Mitglied Georg Laurenz. Fördermaßnahmen über die Landwirtschaftskammer sind insgesamt flexibler bei der Standortwahl, jedoch weniger anspruchsvoll bei der Saatgut-Auswahl, werden daher auch etwas weniger gefördert. Insgesamt ist das Projekt ein Gewinn für Landwirte, Jäger – und v. a. das Niederwild. Es zeigt allerdings die grundsätzliche Problematik der Maßnahmen auf – sie sind oft so aufwendig, dass viele Landwirte darauf verzichten ...

 

Felix Höltmann


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