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RWJ 06/2019: Internationales Symposium der Gesellschaft für Wildtier- und Jagdforschung

Jagd macht Wölfe scheu

Über Wölfe und ihr Verhalten kursieren zahllose Gerüchte und Halbwahrheiten. Auf einer mit renommierten Wissenschaftlern besetzten Tagung in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) wurden Forschungsergebnisse und praktische Erfahrungen aus verschiedenen europäischen Ländern und den USA vorgestellt. Was nun auch bei uns zu tun ist, liegt eigentlich auf der Hand.

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In vielen europäischen Ländern konnte man Erfahrungen mit Wölfen sammeln – da wäre es doch ratsam, daraus auch hierzulande zu lernen und entsprechend zu handeln.

Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit, hat der Sozialdemokrat Kurt Schumacher einst gesagt. Ein Ratschlag, den Politiker auch heute beherzigen sollten, wenn über den Umgang mit dem Wolf gesprochen wird. Wussten Sie, dass wir in manchen Regionen Sachsens und Brandenburgs die höchste Wolfsdichte in ganz Europa haben? In diesen beiden Bundesländern leben zusammen mehr Wölfe als in Schweden! Wie soll mit dieser Situation umgegangen werden? Solch spannenden Fragen widmete sich ein Internationales Symposium der „Gesellschaft für Wildtierund Jagdforschung (GWJF)“ Ende April. Zu der dreitägigen Veranstaltung waren zahlreiche renommierte Wissenschaftler aus ganz Europa angereist.

 

Neben vielen Skeptikern waren auch Befürworter der Rückkehr des Wolfes anwesend. Forscher berichteten von Untersuchungen und Ergebnissen aus Frankreich, den USA, der Slowakei, Finnland, dem Baltikum, Schweden, dem Balkan sowie aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Insgesamt nahmen rund 160 Personen aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Jagd, Forst und Politik teil. Dabei kristallisierten sich einige Erkenntnisse heraus: Der Wolf ist „keine“ gefährdete Art. Wölfe im Baltikum, in Polen und Deutschland gehören zu „einer“ Population, in der es einen regen Austausch gibt. Für diese Population ist ein günstiger Erhaltungszustand wissenschaftlich erwiesen, so Prof. Michael Stubbe, Vorsitzender der GWJF. Immer wieder auftretende Räude bei Wölfen sei dazu ein Hinweis auf eine Überpopulation in manchen Gebieten, so Stubbe.

 

Die Aufteilung in eine westpolnischdeutsche und eine baltische Population sei aus biologischer Sicht haltlos, erklärte Prof. Hans-Dieter Pfannenstiel. Die von Politikern immer wieder bemühten 1 000 Individuen zum günstigen Erhaltungszustand sei für Huftiere gedacht – und habe beim Wolf keine Bewandtnis. Deutsche Wölfe gehörten zur baltisch-osteuropäischen Population, der genetische Austausch sei nachweisbar.

 

Weidetierhaltung gefährdet

Durch die Ausbreitung des Wolfes sei die Weidewirtschaft ernsthaft gefährdet. „Im Moment findet ein Wettrüsten zwischen Wolf und Weidewirtschaft“ statt – diese These unterstützte der französische Wissenschaftler Patrick Verté. Wölfe hätten bislang jeden Zaun überwunden – immer aufwendigere Befestigungen förderten nur die Kreativität der lernfähigen Grauhunde. Trotz immer besseren Schutzes steigen die Risszahlen in Frankreich seit Jahren kontinuierlich an. So rissen 450 Wölfe 2018 offiziell und bestätigt 12 000 Schafe – und zwar überwiegend an geschützten Herden durch Elektrozäune, Hunde oder Hilfsschäfer ! Zudem hätten Angriffe vor wenigen Jahren fast ausschließlich im Sommer auf Hochweiden der Alpen stattgefunden, heute reißen Wölfe zu jeder Jahreszeit und auch in Dorfnähe. Verté plädiert daher dafür, einzelne Wölfe bei den Herden zu schießen, nur so würden sie lernen, sich von Nutztieren und Menschen fernzuhalten.

 


Mit Wölfen leben

Das entsprach auch den Erfahrungen von Matus Rajský aus der Slowakei. Dort habe es schon immer Wölfe gegeben, die auch schon immer bejagt worden seien. So sei die Population stabil und der Wolf beschränke sich auf abgelegene Regionen. Wölfe würden nicht in die Dörfer kommen. Er berichtete von zwei interessanten Phänomenen: In der Slowakei seien Wildschweine im Winter die Hauptbeute der Wölfe, da sie im hohen Schnee nur sehr schlecht fliehen könnten. Anders als Rotwild hätten Sauen wenig Chancen gegen die grauen Räuber. Außerdem berichtete er, dass Wölfe bei Angriffen einzelne Individuen gezielt an den Läufen verletzen würden, sodass diese nicht mehr ziehen könnten. Dann kämen sie nach einigen Tagen zurück, um die noch lebenden Tiere zu reißen und das noch frische Wildbret aufzunehmen. Die Slowaken nennen diese Jagdtechnik „Lebend- Konservierung“. Auch aus Finnland berichtete Kaj Granlund, dass sich Wölfe immer häufiger auch am Tage menschlichen Siedlungen auf unter 150 m näherten. Er belegte das mit zahlreichen Fotos aus dem Winter 2018. Als man begonnen habe, Wölfe im Umfeld von Siedlungen zu schießen, hätten die Wölfe reagiert und seien seltener in die Nähe der Häuser gekommen.

 


Bejagung heißt nicht Ausrottung

Der Wolf muss in dicht besiedelten Kulturlandschaften bejagt werden. Nur so könne man seine Population auf einem vertretbaren Maß halten und gleichzeitig seine Scheu vor dem Menschen aufrechterhalten. Werde er nicht bejagt, verdoppele sich der Bestand in drei Jahren. Wenn die Räuber lernen, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht, nähern sie sich ihm immer weiter. Einen politischen Aspekt brachte der Landrat Michael Harig aus Bautzen (Sachsen) in die Runde. Seiner Meinung nach sei der Wolf zukünftig in der Lage, Wahlen mit zu entscheiden. Wenn sich die Landbevölkerung mit ihren Problemen und Sorgen alleine gelassen fühlte, verstärke dies den Eindruck, abgehängt zu sein. Das führe dazu, dass vermehrt links- oder rechtsextreme Parteien gewählt würden. Er habe deshalb als Landrat beschlossen, jede rechtliche Maßnahme auszuschöpfen, um den Wolf zurückzudrängen.

 

René Stolte vom Verein Wolfsschutz Deutschland warf ihm daraufhin Stasi- Methoden vor – ein unsachlicher Einwand und eine unglaubliche Provokation gegen Harig, der in der DDR unter Benachteiligung zu leiden hatte, weil er der staatlichen Jugendorganisation FDJ nicht beitreten wollte. Später führte Stolte noch eine Acht- Personen-Demo vor dem Tagungsort gegen das Symposium an. Allerdings hatten sich auch vier Personen aus der Lausitz eingefunden, um für eine Begrenzung der Wolfspopulation zu demonstrieren. Dr. Claudia Szentiks (Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung/IZW) informierte über Todesursachen von Wölfen in Deutschland. An der Spitze stehe der Straßenverkehr, doch auch illegale Abschüsse hätten (v. a. Anfang der 2000er Jahre) nicht unerheblichen Anteil.

 


Politik muss entscheiden

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Rund 30 namhafte Referenten aus Europa und den USA stellten Forschungsergeb­nisse und Erfahrungen zum Verhalten des Wolfes in ihren Ländern vor.

Laut Gregor Beyer (Geschäftsführer Landnutzerverband „Forum Natur Brandenburg“) gibt es in Deutschland kein Managementziel – es würde zwar immer davon gesprochen, konkrete Maßnahmen aber nicht angegangen. Der Wolfsbestand breite sich ungebremst aus, immer neue Gebiete werden besiedelt. Um auch in Zukunft Weidewirtschaft betreiben zu können, müsse der Wolf aber nach skandinavischem Vorbild bejagt werden. Nach heutigem Recht sei lediglich der Abschuss einzelner Wölfe oder Rudel möglich (§ 45 Abs. 7, Satz 4 BNatSchG). Auch Schutzjagden (Bejagung von Wölfen in Gebieten, in denen es übermäßige Wolfsangriffe gab) seien zwar umstritten, nach seiner Auffassung aber möglich. Lediglich die reguläre Bejagung des Wolfes durch „alle“ Jäger im Reviersystem sei heute noch nicht möglich. Dazu müsste Deutschland bei der EU eine Verschiebung des Wolfes aus Anhang IV in V der FFH-Richtlinie beantragen.

 


Sondersituation in den Alpen

Auch aus Sicht der Viehhalter im Allgäu und Oberbayern geht an einer Bejagung der Wölfe kein Weg vorbei. in den europäischen Alpen werden 1,7 Mio. Rinder gehalten, davon etwa 50 000 in Deutschland. Almwirtschaft sei eine ausgesprochen naturnahe Form der Nutztierhaltung, die zur Artenvielfalt beitrage. Alpwiesen sind für eine besonders hohe Biodiversität bekannt. Almen kann man aber nicht zäunen, auch der Einsatz von Herdenschutzhunden ist in Tourismusregionen ausgeschlossen, denn Hunde verteidigen ihre Herde auch aggressiv gegen wandernde Familien und Mountainbiker. Deshalb fordert der Alpwirtschaftliche Verein im Allgäu wolfsfreie Gebiete in den Alpen. Daran arbeitet mittlerweile eine Kommission der Bayerischen Staatsregierung. Unklar ist aber noch, welche Gebiete diese wolfsfreie Zone umfassen soll – und unter welchen Umständen Wölfe in solchen Gebieten getötet werden können.


Bieten Zäune Schutz?

Simone Lühe vom Wolfskompetenzzentrum Sachsen-Anhalt argumentierte hingegen, dass man Nutztierrisse durch vernünftiges Herdenmanagement in den Griff bekommen könne. Wenn der Wolf zugeschlagen habe, hätten Schäfer nicht richtig oder gar nicht gezäunt. Die gelernte Landwirtin zeigte an Beispielen aus ihrem Arbeitsalltag, dass Zäune mit Elektro-Litze Wölfe abhalten können. Wichtig sei ein elektrischer Untergrabeschutz, denn Wölfe würden eher nicht springen. Aufwendige Schutzmaßnahmen werfen aber die Frage auf, ob sich Weidetierhaltung unter diesen Umständen überhaupt noch lohne – zumal die Bäume bei der Schafhaltung keineswegs in den Himmel wachsen. Am Rande der Veranstaltung war zu vernehmen, dass viele Hobby-Schafhalter in Sachsen-Anhalt Risse gar nicht mehr melden, da der Aufwand zu groß sei – und das herrische Auftreten der Kompetenzzentrumsmitarbeiter ihnen missfalle ...

 

Der rheinische Schafzüchter Gerd Dumke rechnete vor, dass sich Weidetierhaltung mit aufwendiger Zäunung nicht rechne und die derzeitige Situation für Schäfer und Mutterkuhhalter existenziell bedrohlich ist.

 

Felix Höltmann


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