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RWJ 05/2020: Wölfe in Nordrhein-Westfalen

Erstes Rudel bei Hünxe?

Im Wolfsgebiet Schermbeck wurden zwei Wölfe gefilmt, die einen Rothirsch angriffen. Sollte es sich dabei um die dort standorttreue Wölfin Gloria und einen Rüden handeln, könnte dort bald das erste Wolfsrudel in NRW entstehen.

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Zwei Wölfe jagen gemeinsam im Wolfsgebiet Schermbeck (Symbol­foto). Es ist durchaus realistisch, dass sich dort bald ein erstes Rudel etabliert. Foto: K.-H. Volkmar

Zwei Wölfe griffen am Karsamstag (11. April) gegen 7.30 Uhr in direkter Nachbarschaft eines Pferdehofes in Hünxe (WES) einen einzelnen Rothirsch auf einem Feld an. Der ausgewachsene Hirsch wehrte sich mit den Vorderläufen gegen die grauen Räuber und konnte mit leichten Verletzungen entkommen, als Anwohner die Wölfe durch lautes Rufen vertrieben. Über Ostern kursierte ein Video mit drastischen Bildern in sozialen Netzwerken, der WDR berichtete darüber.

 

Bestätigter Wolfsnachweis

Förster Michael Herbrecht (Regionalforstamt Niederrhein) ist nach Analyse der Video-Aufnahmen sicher, dass es sich um zwei Wölfe handelt. Auch das Landesamt für Natur ,Umwelt und Verbrauchschutz NRW (LANUV) bestätigte den Angriff zweier Wölfe anhand des Videos offiziell und sprach vom „ersten Hinweis auf ein Wolfspaar im Bereich des Wolfsgebiets Schermbeck“. Hinweise auf einen zweiten Wolf hatte es aber schon zuvor immer wieder gegeben. Hegeringleiter Werner Schulte aus Wesel berichtet, dass sich das Rotwild seit vergangenem Sommer in größeren Rudeln als üblich zusammenfindet. Ein Verhalten, das von Schalenwild auch aus anderen Wolfsgebieten bekannt ist. Dabei stehen oft 70 Stück Rotwild zusammen, was die Bejagung erheblich erschwert.


Verschärfte Situation

Brisant ist diese Situation aus mehreren Gründen: Es wird vermutet, dass es sich auf dem Video um die seit längerer Zeit standorttreue Wölfin (Kennung GW954f) handelt. Diese fiel durch zahlreiche Risse von Nutztieren auf, wobei sie mehrfach als wolfssicher eingestufte Zäune überwand. Eigentlich hätte sie aufgrund dieser Tatsache „letal entnommen“ werden sollen, doch der Weseler Landrat Ansgar Müller (SPD) entschied sich in Abstimmung mit dem LANUV dagegen. Da nun zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein zwei Wölfe umherstreifen, ist eine zukünftige Rudelbildung möglich. Ein gezielter Abschuss der Wölfin wäre aus Gründen des Muttertierschutzes nicht mehr vertretbar, sobald sie Welpen bekommt.

 

Darüber hinaus besteht die ganz konkrete Gefahr, dass sie ihre speziellen Fähigkeiten zum Überspringen von Schutzzäunen an ihre Jungen weitergibt – ein Phänomen, das auch anderswo in Deutschland schon beobachtet wurde. Die örtlichen Tierhalter sind alarmiert, der Weseler BUND-Vorsitzende Günther Rinke freut sich hingegen: „Ein zweiter Wolf muss nichts Schlechtes sein“, erklärte er dem WDR. Erfahrungen hätten nämlich gezeigt, dass sich Wölfe in Rudeln eher zutrauen, Wild anzugreifen und dafür dann weniger Weidetiere reißen. Dass sich ein zukünftiges Wolfsrudel rund um Schermbeck vermehrt dem örtlichen Schalenwild zuwendet, bleibt indes wohl ein frommer Wunsch. Eingezäunte Schafe, Kälber oder Fohlen sind einfache Opfer. Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass die Wölfin ihr Erfolgsrezept vollständig aufgibt und im Rudel nur noch Wildtiere jagt.

 

Felix Höltmann

 


Kommentar

Auf Abstand halten

Wer Regeln aufstellt, muss sich auch daran halten – sonst macht er sich unglaubwürdig. Im Fall der Schermbecker Wölfin ist genau ein solcher Fall eingetreten. Sie war immer wieder durch Nutztier-Risse aufgefallen. Dabei gelang es ihr wiederholt, selbst als wolfssicher geltende Schutzzäune zu überwinden. Auf großen Versammlungen zur Information besorgter Bürger und Nutztierhalter versicherten LANUV und Vertreter der örtlichen Politik noch 2019, als Ultima Ratio müsse die Wölfin getötet werden, sollte sie regelmäßig derartige Schutzanlagen überwinden. Nachdem genau dieser Fall eintrat, war die Politik dennoch nicht bereit, sich an ihre eigene Zusage zu halten. Stattdessen verwies man nebulös auf „gegebene Umstände“ – und verlangt stattdessen von Nutztierhaltern noch besseren Herdenschutz.

 

Dass sich durch diese Maßnahmen die Weideschäferei immer weniger lohnt, wird dabei geflissentlich genauso ausgeblendet wie das unendliche Leid, das getötete und schwer verletzte Nutztiere zu erdulden haben. Man kann den Eindruck bekommen, dass die unpopuläre Entscheidung zur Tötung der Wölfin so lange herausgezögert werden sollte, bis endlich ein Jungrüde auf seiner Wanderschaft auf die Schermbecker Wölfin treffen und ein Rudel gründen würde. Dann wäre Glorias Abschuss schließlich allein schon wegen des Elterntierschutzes nicht mehr zu rechtfertigen. Möglicherweise werden wir gerade Zeugen genau dieses Szenarios. Die Mehrheit der Bürger in NRW befürwortet die Weidehaltung von Nutztieren. Gleichzeitig aber soll der Wolf in unser dicht besiedeltes Land zurückkehren. Das kann nur unter klaren Voraussetzungen funktionieren. Natürlich haben Wölfe auch bei uns ein Existenzrecht. Doch es muss möglich sein, ihren Bestand zu kontrollieren und die natürliche Scheu des Wolfes vor Menschen durch notwendige Abschüsse in der Nähe von Siedlungen und Weidetieren aufrecht zu erhalten. Skandinavier und Balten haben damit gute Erfahrungen gemacht. Daran sollten wir uns orientieren.

 

Felix Höltmann


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