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RWJ 08/2018: Rotwild-Symposium

Zeugenvermeidungs-Programm

Ende Juni führte die „Deutsche Wildtierstiftung“ in Bad Driburg (HX) ein internationales Symposium zu Rotwild-Fragen durch. Besonders die jagdlichen Empfehlungen hatten es in sich.

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Wo Rotwild-Bestände reduziert werden müssen, liegt der Schlüssel beim Kahlwild – v. a. im Spätsommer gilt es dabei, Fehler zu vermeiden. Foto: K. - H. Volkmar

Auch wenn man bundesweit sicher nicht davon reden kann, gibt es regional überhöhte Rotwild-Dichten – auch in NRW. Genau mit dieser Ausgangssituation befasste sich das 9. Rotwildsyposium der Deutschen Wildtierstiftung. Wissenschaftler und Praktiker widmeten sich der Frage, mit welchen waidgerechtgen Mitteln man überhöhte Populationen in etwa fünf Jahren spürbar reduzieren kann.

 

Erfahrungen aus Rheinland-Pfalz zeigen, so WM Bernd Bahr, dass funktionierenden Hegegemeinschaften dabei eine Schlüsselrolle zukommt. Im Gegensatz zu NRW basieren diese Zusammenschlüsse in unserem Nachbarland (dort Körperschaften öffentlichen Rechts) allerdings nicht auf Freiwilligkeit, sondern auf Zwangsmitgliedschaft – nach Ansicht des Berufsjägers und auch von LJV-Vizepräsident Gundolf Bartmann (R-Pf) unverzichtbar, um wesentliche Grundlagen der Bejagung auf größerer Fläche abgestimmt durchsetzen zu können. Absolute Voraussetzung für ein solches Jagdkozenpt ist ihrer Meinung nach v. a. der körperliche Nachweis – für jedes erlegte Stück.

 

Mehrere Referenten machten deutlich, dass eine Reduktion immer beim Kahlwild ansetzen müsse. Um neben Kälbern (wenn möglich v. a. weiblichen) dazu auch die nötige Anzahl von Altu. Schmaltieren zu erlegen, bedürfe es einer hohen Professionalität. Wegen der besonders intensiven Abhängigkeit von den Muttertieren gelte als oberste Prämisse, dass die Erlegung führender Tiere nur erfolgen dürfe, wenn das Kalb zuvor zur Strecke kam. Mittel der Wahl – so etwa Hubertus Kapp (Rotwild-Experte und Förster aus dem Südschwarzwald) – sei dazu die Erlegung von Kalb-Tier-Dubletten im Spätsommer. Doch dabei müssten bestimmte Regeln unbedingt eingehalten werden:

 

So gelte es nicht, jede Chance zu nutzen, sondern jede, in der die Wahrscheinlichkeit auch beide Stücke zu bekommen, am größten sei. Im Zweifel solle man also lieber das Kalb laufen lassen, wenn das Muttertier entkommen könnte. Dazu empfahl Kapp, keinesfalls Stücke aus mehrköpfigen Rudeln zu erlegen: „Es darf keine Zeugen geben – und wenn doch, müssen sie mit sterben!“ So könne man frühmorgens etwa warten, bis fast das ganze Rudel eine Äsungsfläche bereits verlassen habe – und dann die beiden letzten Stücke erlegen.

 

In diesem Zusammenhang erinnerte Wildtier-Experte Burkhard Stöcker zurecht an Zusammenhänge, die leider bei vielen Jägern in Vergessenheit geraten sind. So komme es ganz besonders bei Rotwild darauf an, Reviereinrichtungen unbemerkt erreichen und wieder verlassen zu können. Mit Blick auf das ausgeprägte Sozialund Feindvermeidungsverhalten von Rotwild warnte Stöcker davor, Stücke in Erlegungsnähe aufzubrechen – den verbleibenden DuftKegel verglich er von der Wirkung für die Überlebenden mit dem Pilz einer Atombombe ...

 

 

Frage bei Bewegungsjagden

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Zwischen Buke (PB) und Bad Driburg (HX) sichert eine mächtige Grünbrücke den ungehinderten Wechsel von Wildkatze, Rothirsch und CO. über die vielbefahrene B 64.

Alle Experten stimmten darin überein, die Kahlwildbejagung auf der Einzeljagd unmittelbar hochzufahren, nachdem während der Brunft die entsprechenden Hirsche zur Strecke gekommen sind. Die Bewegungsjagden dürften sich nicht an der Vegetation orientieren („erster Frost, Laubfall u. ä.), sondern müssten aus Gründen der Waidgerechtigkeit so früh wie möglich, also ab Anfang Oktober, beginnen. Zur Vermeindung von Super-GAUs (Erlegung führender Tiere), dürften einzeln kommende Tiere überhaupt nicht freigegeben werden – oder nur wenn man selber das entsprechende Kalb zuvor erlegt habe. Nach dem Ende der Tagung veröffentlichte die Wildtierstiftung Empfehlungen für die Jagdpraxis als Bad Driburger Erklärung.


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Exkursion in die Senne und zur Grünbrücke

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Zwischen Buke (PB) und Bad Driburg (HX) sichert ein mächtige Grünbrücke den ungehinderten Wechsel von Wildkatze, Rothirsch und Co. über die vielbefahrene B 64.

Eine interessante Exkursion rundete die lehrreiche Veranstaltung ab: Zunächst gings auf den Truppenübungsplatz Senne, wo die Teilnehmer trotz laufendem Übungsbetrieb durch den Leiter des Bundesforstamtes Christian Lücke in die Besonderheiten der Wildbewirtschaftung eingewiesen wurden. In der Senne werden jährlich etwa 300 Stück Rot und 1 500 Stück Damwild erlegt – dazu noch Rehe und Sauen. Die großen Offenlandbereiche der Schießbahnen sind außer dem Militärbetrieb nahezu störungsfrei – und damit ein Paradies nicht nur für Rotwild, das die Schießübungen kaum mehr als Störung ansieht. Wie bestellt bestätigte ein großes Rudel diesen besonderen „Wohlfühl-Charakter“ und zeigte sich den Bussen der Exkursion am helllichten Tag. Dieses Ruhe-Konzept sorgt neben der Tag-Aktivität der großen Wildtiere (sonst nirgendwo in NRW, auch nicht im Nationalpark Eifel) dafür, dass am Wald so gut wie keine Schäden entstehen. Zweiter Besichtigungspunkt war eine sog. „Grünbrücke“.

 

Über solch imposante Bauwerke wird versucht, Zerschneidungs-Effekte in großen Wildlebensräumen durch Straßenbauten zu kompensieren. In NRW gibts fünf davon – und in OWL die einzige, die nicht über eine Autobahn führt. Zwischen Buke und Bad Driburg überspannt das mächtige Bauwerk die Bundesstraße 64. Unter Führung des Leiters des Regionalforstamtes Hochstift, Roland Schockemöhle und Dr. Michael Petrak (Forschungsstelle) erfuhren die Teilnehmer viel Wissenswertes: Das rund 3,4 Mio. Euro teure Bauwerk wird täglich von rund 15 000 Autos passiert. Die Brücke sichert das Überleben eines jahrhundertealten Rotwildwechsels, der die Hirsch-Populationen der südlichen Egge und des Sauerlandes mit denen der Senne verbindet. Für den Bau des 6,50 m hohen und bis 80 cm dicken Stahlbetonbogens mussten 1,8 ha Wald weichen. Die Querungsbreite beträgt 50 m, am Fuß sogar 60 m. Zur wildgerechten Anschrägung der Rampen wurden 66 000 Kubikmeter Erde bewegt, rund 5 000 Lastwagen-Fuhren.

 

Das Alles hat sich, so Amtsleiter Schockemöhle, schon gelohnt – nicht nur Rotwild und seltene Wildkatzen passieren zu Tag und Nachtzeiten die Brücke, sondern auch Rehe, Fuchs, Waschbär und zahlreiche Amphibien und Vögel. Überwacht wird dieser „Verkehr“ durch zahlreiche Kameras, die gestochen scharfe Bilder dazu liefern. Wildbiologe Petrak relativierte die Baukosten angesichts immer wieder aufflammender Kritik daran: „Die gesamte Grünbrücke hat nicht mehr als 200 laufende Meter Bundesautobahn gekostet – und das sollte es uns doch wirklich wert sein ...“

 

Matthias Kruse

 

 


Kommentar

Wer A sagt ... muss auch Kahlwild schießen

Besonders bei Rotwild-Bewegungsjagden beim „Staat“ kommt es in unschöner Regelmäßigkeit zu Vorwürfen wegen massiver Verstöße gegen elementare Grundsätze der Waidgerechtigkeit. Nicht nur, aber auch in den großen Rotwildregionen zwischen Rhein und Weser (Eifel, Egge u. a.). Völlig zurecht darf man auch von Förstern eine waidund tierschutzgerechte Jagd einfordern, bei der die Teilnehmer nicht zu Schädlingsbekämpfern degradiert werden. Aber wenn dann konsequenterweise bei Bewegungsjagden gar keine Alttiere freigegeben würden, kann das nur funktionieren, wenn man schon im Spätsommer massiv in diese Klasse eingreift. Ganz egal, ob die Kälber dann vielleicht manchem noch zu leicht sind.

 

Kilogramm Wildbretgewicht ist nämlich keine Maßeinheit für Waidgerechtigkeit, die Einstellung jeder Rotwildjagd mit dem Kalenderjahr dagegen sehr wohl. Also muss man ab August bei Einzeloder Sammelansitzen KalbTierDubletten erlegen. Je mehr, desto besser. Um damit handwerklich nicht an Grenzen zu kommen, sollte man vielleicht mal zuvor auf dem Schießstand schnelle Doppelschüsse ganz gezielt trainieren. Das wäre waidgerecht.

 

M. Kruse


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