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RWJ 09/2022: LEPUS Projekt NRW

Riesiger Hebel für Niederwild-Hege und Artenvielfalt

Das LEPUS Projekt NRW soll Revierinhabern helfen, einen individuellen Ansatz für Hegemaßnahmen zu finden und einer zukunftsorientierten Revierplanung den Weg zu ebnen. 

Naturschutz

Der Blick in den im Frühjahr eingesäten Blühstreifen zeigt neben der Äsung bietenden Einsaat auch noch Freiraum zum Hudern und zum Insektensammeln.

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Die Niederwild-Situation wurde in der jüngeren Vergangenheit viel diskutiert. Persönliche Erfahrungen aus den Revieren kollidieren dabei immer wieder mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Viel, was laut Theorie schon längst einen Aufschwung bei Fasan und Hase hätte bewirken sollen, blieb wirkungslos, wohingegen in manchen Revieren wieder mit gutem Gewissen gejagt werden kann. Doch woran liegt das?

Im Rahmen des Projekts LEPUS NRW (s. RWJ 8-22 o. www.lepus-nrw.de) sind genau diese Fragen zentraler Bestandteil. Die Mitarbeiter der beiden landwirt-schaftlichen Naturschutzstiftungen aus dem Rheinland und Westfalen stellen

sich genau dieser Herausforderung und suchen nach Antworten, weshalb es in manchem Revier gut oder eben schlecht für das Niederwild gestellt ist. Das erfahrene, selbst mit Niederwild aufgewachsene Team aus Landschaftsökologen, Landschaftsplanern und Agrariern bewertet Revierstrukturen aus ökologischer Sicht und verknüpft dies mit den jagd- und landwirtschaftlichen Praktiken vor Ort. Anhand von Revierfahrten kann so ein objektiver Eindruck vom Revier mit den Stärken und Schwächen gewonnen werden.

„Großer Vorteil ist, dass wir sehr viele Reviere sehen und vergleichen können“, so Hendrik Specht, der als Projektleiter überwiegend im Münsterland tätig ist. „Es ist spannend, dass Reviere mit augenscheinlich fast gleichen Voraussetzungen ganz unterschiedliche Wildbesätze vorweisen können, wo doch etwa Wetter und landwirtschaftliche Praktiken nahezu gleich sind.“

Erst wenn alle Details zum Revier bekannt sind, kristallisieren sich immer Unterschiede heraus, die wahrscheinlich für die verschiedenen Besätze verantwortlich sind. So ist es mal eine stiefmütterlich betriebene Prädatoren-bejagung und mal nicht mehr niederwildtaugliche Strukturen wie Hecken oder Waldränder.

In fast allen Revieren fehlen aktuell Bereiche für eine sichere Brut und Küken-führung. Auch wenn Fasane im Wintergetreide ganz gut brüten können, fehlen hinterher darin lückige, insektenreiche Bereiche. Folge sind häufig kleine Gesperre, die langfristig kaum eine Anhebung der Besätze bewirken, da im Jahresverlauf durch weitere Verluste kaum neue Reproduktionsträger übrig bleiben.
 

Naturschutz

Auch nach dem Dreschen der Gerste findet Niederwild in Blühstreifen wertvolle Deckung.

Nun ist das Fehlen insektenreicher Säume oder Blühstreifen keine neue Erkenntnis, jedoch bleibt der Schritt, solche Strukturen auch an den richtigen Stellen im Revier umzusetzen, in vielen Fällen aus. Dies liegt häufig daran,

dass wirkungsvolle Programme aus Agrarumweltmaßnahmen oder Vertrags-naturschutz noch zu wenig bekannt sind oder angesichts des bürokratischen Aufwands gescheut werden – für Jagdpächter ohne tiefergehende Kenntnisse

in EU-Agrarrecht ein schwieriges Unterfangen.

Auch das Betteln um kleine Parzellen für Wildäcker ist bei steigenden Getreide-preisen nicht für jeden Geldbeutel machbar! Zwar beraten die beiden Stiftungen und Biodiversitätsberater der Landwirtschaftskammer genau an dieser Stelle und können häufig Abhilfe schaffen, doch bleibt dabei noch für zu viele Reviere die Unterstützung auf der Strecke.

 


Aktuelle Möglichkeiten für jedes Revier

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Artenreicher Randstreifen und Prädatorenbejagung Hand in Hand — so sind auch heute gute Niederwildbesätze möglich.

Ab 2023 greifen in der Landwirtschaft neue Regelungen im Zuge der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP). Ein Baustein davon ist eine verpflichtende Flächenstilllegung von vier Prozent. Diese wird nach aktuellen Informationen des Bundeslandwirtschaftsministeriums, wegen der angespannten Ukraine-Lage und damit verbundener Unsicherheiten der Ernährungsversorgung mit leichter Verzögerung voraussichtlich ab 2024 zur Pflicht für heimische Landwirte – für Jäger also gewonnene Zeit, sich in die Planungen einzubringen.

Aktuell legen bereits viele Landwirte Randstreifen entlang regelmäßig wasser-führender Gewässer an, um verschärfte Auflagen der Pflanzenschutz-Anwen-dungsverordnung zu erfüllen und mögliche Bereiche zur Flächenstilllegung vorzuhalten. Solche Flächen sollen der Selbstbegrünung überlassen werden oder gezielt begrünt werden. Darüber sollte man mit seinen Landwirten sprechen, um Einsaaten von Randstreifen und Stilllegungsflächen und deren Positionierung zu optimieren. „So entstehen Äsungsbänder und Wildeinstände, mit denen niemand rechnet. Es wäre schade, diese Chance mit einer simplen Gräser-Einsaat zu verspielen – der Ruf nach weiteren Flächen zur Förderung von Insekten wird dann nicht lange auf sich warten lassen!“, so Specht. „Bei anhaltend hohem Flächendruck sollte jeder Quadratmeter so effektiv wie möglich genutzt werden, indem der Schutz der Gewässer vor Pflanzenschutzmitteleinträgen kombiniert wird mit Maßnahmen zur Insekten-Förderung“.


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Selbst schmale Randstreifen bieten wertvolle Kräuter für Hasen sowie Platz zum Hudern und Sonnen für die Fasane.

Wenn Lage und Umfang der Stilllegungsfläche bekannt ist, bleibt zu entscheiden, ob der Fokus auf Deckung oder Äsung liegen soll. So ist etwa neben einer dichten Hecke bereits Deckung vorhanden, so dass eine kräuterreiche Mischung im Sinne der Förderung von Insekten in solchen Fällen zielführender wäre. Im freien Feld hingegen kann der Deckungsaspekt wichtiger sein, dort wäre eine WSM 3 mit hohem Anteil an Rohrglanzgras oder eine Mischung mit heimischen Wildstauden wie Rainfarn ideal.

Wenn Flächen längerfristig angelegt werden sollen und es keine Vorbelastung des Bodens mit kritischen Beikräutern gibt, sollte man unbedingt Kräuter-mischungen aus regionaler Herkunft in Erwägung ziehen, da die Förderung von Insekten und Blütenreichtum die Attraktivität um ein Vielfaches steigern. Speziell für Feldhasen bleibt bei spätsommerlichen Verlusten durch Wildkrankheiten schlichtweg keine andere Wahl, als die Aussaat von Kräutern mit einer gesund-erhaltenden Wirkung (Hasen-Apotheke). Wenn diese dann noch netzartig im Revier verteilt sind und Spaziergänger keine neuen Wege entdecken, kann in den Revieren eine Menge zum Wohl des Niederwilds passieren.

Jedes Revier sollte jetzt tätig werden. Sowohl die Stiftungen als auch die Biodiversitätsberater der Landwirtschaftskammer NRW, die örtlichen Biostationen und Unteren Naturschutzbehörden können Tipps bei der Umsetzung geben.



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