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RWJ 08/2019: 8. LJV-Wildschutztag

Ohne Jagd geht es nicht

Mitte Juni folgten gut 150 Jäger und andere Naturschützer der Einladung nach Neubeckum (WAF). Im Fokus der Veranstaltung standen Maßnahmen zur Lebens raumverbesserung für Niederwild, von denen auch Arten profitieren, die nicht dem Jagdrecht unterliegen.

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Die Projektfläche in Neubeckum (WAF) kombiniert Blühstreifen, ein- und mehrjährige Einsaatbrachen (Greening), Schwarzbrache und Miscanthus.

Jäger sind ernsthafte Naturschützer, denen selten gewordene Arten wie Kiebitz, Brachvogel oder Feldlerche am Herzen liegen. Das lässt sich etwa am enormen Aufwand ablesen, den viele Hegeringe betreiben, um Biotope zu verbessern und die Zahl der Prädatoren wie Fuchs, Steinmarder oder Waschbär zu reduzieren. Welche Maßnahmen möglich sind und wie sie umgesetzt werden, war Thema des 8.Wildschutztages, der Mitte Juni in Neubeckum (WAF) stattfand. LJV-Präsi dent Ralph Müller-Schallenberg betonte zur Begrüßung, dass die Jäger genau aus diesem Grund gemeinsam mit dem westfälischen Bauernverband (WLV) das Projekt „Hegebeauftragter für das Münsterland“ ins Leben gerufen haben. Dabei berät Hendrik Specht Landwirte, wie sie Biotop verbesserungen durchführen und dafür Fördergelder beantragen können.

 

Letztlich sollen die Maßnahmen der Tierwelt zugutekommen und für Bewirtschafter der Flächen keine zusätzlichen Kosten mitbringen. Außerdem greift Specht bei der komplizierten Beantragung unter die Arme – denn meist sind Formulare und zusätzliche Kontrollen abschreckender als die Kosten der Maßnahmen. Da die Finanzierung des Projektes aufgrund des Wegfalls der Jagdabgabe zurzeit nicht gesichert ist, versprach Müller- Schallenberg, dass der LJV das Projekt landesweit fortsetzen wolle – das sei man dem Niederwild schuldig.

 

 

Biotopverluste, Nahrungsknappheit und Fressfeinde

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Dr. Claudia Stommel (FJW), Hendrik Specht (Stiftung Westf. Kulturlandschaft), Peter Herkenrath (Vogelschutzwarte NRW), Gregor Klar (LJV), Dr. Marcel Holy (Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer), Caroline Kowol (Landwirtschaftskammer NRW), Gerhard Thomas (Vors. LJV-Niederwildausschuss) und Hubert Anxel (Beirat Hegeprojekt)

Peter Herkenrath (Vogelschutzwarte NRW) erläuterte verschiedene Gründe für den teils massiven Rückgang einst weitverbreiteter Wiesenvögel. So war Westfalen ein von Feuchtwiesen und Hochmooren geprägtes Land und bot Kampfund Goldregenläufer, Brachvogel wie Bekassine ideale Bedingungen. Die Entwässerung von Feuchtwiesen, der dauerhafte Umbruch von Grünland sowie die frühere Mahd im Grünland führten zu Lebensraumverlusten und Nahrungsknappheit, die den Vogelbestand seit den 1960ern stark reduziert hätten. Herkenrath wollte aber niemanden für diese Entwicklung anklagen. Doch das Fazit fiel drastisch aus – die Bekassine ist bis auf Restvorkommen in Minden-Lübbecke und am nördlichen Niederrhein nahezu ausgestorben, vom früheren Allerweltsvogel Kiebitz gab es im Jahr 2000 noch 20 000 Brutpaare, heute sind es weniger als 6 000. Bei Knäck- und Löffelenten ist der Besatz bei nur noch 20 Prozent des Vorkommens von 1960.

 

Dazu komme, dass vereinzelte Insel populationen angreifbarer seien und sich Brutpaare alleine weniger gegen Fressfeinde wehren könnten. Deren Besatz würde auch weiter wachsen. Neben Füchsen machten auch Waschbären und Marderhunde Probleme. Dazu würden in Südeuropa nach wie vor Vögel in Durchzugs- und Überwinterungsgebieten erlegt – in Frankreich und Italien jährlich 7 000 Brachvögel, 108 000 Kiebitze, 206 000 Bekassinen und 125 000 Löffelenten.

 

Als Maßnahmen gegen den Vogelschwund nannte Herkenrath den Erhalt bestehender Wiesen, keine weiteren Umbrüche, Wiedervernässung von Flächen, extensive Bewirtschaftung, Vertragsnaturschutz mit Mahd-Regime, kontrolliertem Pflanzenschutz, Biodiversitätsberatung durch die Landwirtschaftskammer und die Prädatorenbejagung. Clemens Frhr. v. Oer wies in der anschließenden Diskussion auf den Flächenverlust durch den Fernstraßenbau und den Steinmarder hin, der im Münsterland flächendeckend vorkomme. Siegfried Plasrotmann aus dem Kreis Steinfurt warf Herkenrath unter Applaus vor, die Krähen vergessen zu haben, die große Schäden anrichteten.

 

 


Maßnahmen sinnvoll umsetzen

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LJV-Präsident Ralph Müller-Schallenberg (l.) eröffnete die Veranstaltung und sprach sich für eine aktive Unterstützung der Wiesenvögel und des Niederwildes durch Jäger aus.

Dr. Claudia Stommel (Forschungsstelle) referierte darüber, wie Maßnahmen zum Bodenbrüterschutz gelingen können. Die moderne Landwirtschaft hat einen Teil der Lebensräume für Niederwild und andere Arten gekostet, Hecken und Feldränder stehen nicht mehr so zur Verfügung wie früher. Die Getreidebestände stehen dichter als früher und bieten so weniger Platz, dazu kommt ein kühles, nasses Bestands-Innenklima. Beikräuter oder Insekten fehlen mittlerweile. Doch Maßnahmen wie Blühstreifen oder Brachflächen bringen etwas. Das ist wissenschaftlich erforscht und belegt – so hat Professor Hackländer (Universität für Bodenkunde Wien) nachgewiesen, dass die Überlebensrate bei Junghasen durch Deckung und fetthaltige Äsung auf Brachflächen steigt. Nur muss man solche Flächen sinnvoll anlegen.

 

Dazu gab Stommel einige Hinweise: Blühstreifen sollten mehrjährig und mindestens 10 Meter breit sein, damit sich viele Insekten ansiedeln könnten. Ansonsten schnürt der Fuchs einmal durch und nimmt alles, was rechts und links liegt, mit. Die Flächen sollten an Hecken grenzen und weit entfernt von Wegen liegen, denn diese nehmen Füchse gerne an. Aus den Hecken müssen hochstämmige Bäume herausgenommen werden, die Hecken sollte man regelmäßig auf den Stock setzen. Landwirt Christoph Erdland aus Oelde (WAF) fragte, wann der ideale Zeitpunkt sei, um Blühstreifen zu mulchen. Denn auch, wenn man bei der Kammer Mulchverzicht beantragt, müsse schließlich spätestens alle zwei Jahre gemulcht werden. Dr. Stommel erklärte: „Müssen Flächen gemulcht werden, ist es günstiger, dies im Herbst (ideal im September) statt im Frühjahr zu tun.

 

Von Januar bis ins zeitige Frühjahr befinden sich Feldarten meist in einer Notzeit, da Deckung und Nahrung häufig fehlen. Blühflächen sind dann besonders wertvoll. Werden diese im September „möglichst hoch“ gemulcht, gibt es meist mehr Ausweichflächen und die Vegetation kann bis zum Winter nachwachsen und so Deckung und Nahrung über die Wintermonate bereitstellen.


Kein Naturschutz ohne Jagd

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Im Anschluss an die Vorträge diskutierten die Teilnehmer auf hohem Niveau, so ging Clemens Frhr. v. Oer u. a. auf den Lebensraumverlust durch Straßenbau ein.

Dr. Marcel Holy sprach über Artenschutz am Dümmer (Niedersachsen) und erklärte, dass dieser ohne Prädatorenmanagement, also Jagd, nicht funktioniere. Am Dümmer wird nur mit Fallen gejagt. Im Wiesenvogelland Niedersachsen stellt man Raubsäugern auch in Schutzgebieten nach, da man lernen musste, dass sich Wiesenbrüter-Populationen ohne Jagd auf Beutegreifer nicht erholen. Auf Nordsee-Inseln stellt man Igeln nach, die Gelege ausräumen und verwilderten Katzen, die Küken fressen. In der Lüneburger Heide werden zum Schutz des seltenen Birkwildes sogar sonst streng verbotene Nordische Krähenfänge eingesetzt, selbst das Töten gefangener Habichte ist dort mittlerweile wieder erlaubt. Am Dümmer hat man mit Stiftungsgeldern von 1987 bis 1997 rund 2 500 ha landwirtschaftliche Nutzfläche gekauft und dafür etwa 40 Mio. Euro investiert.

 

Die Flächen wurden über ein System aus 50 regulierbaren Stauanlagen wiedervernässt. Im Winter sind die Flächen aufgestaut, im Sommer ist Beweidung oder Mahd möglich. Die Grasernte ist aber erst nach einer Brutvogelerfassung möglich – vorausgesetzt, die Flächen sind frei. Wenn Uferschnepfen mit einem Zweitgelege oder Wachtelkönige in der Fläche sind, muss man eben warten. Die Bejagung mit soliden Betonrohrund einigen Kastenfallen findet durch örtliche Jäger an Zwangswechseln statt. Es gibt eine Aufwandsentschädigung, Niederwild wie Hasen oder Enten wird nicht bejagt. Es ließ sich nachweisen, dass sich der Bruterfolg erst mit der Prädatorenbejagung so steigern ließ, dass der Erhalt der Population gewährleistet war. Dr. Holy: „Lebensraum ist Grundvoraussetzung, aber die Zahl der generalistischen Beutegreifer muss verringert werden, sonst bringt die ganze Maßnahme nichts.“

 


Mut zur Brache

Vor der Exkursion in eine der Projektflächen des Hegebeauftragten für das Münsterland auf dem Betrieb Harberg in Neubeckum erklärte Caroline Kowol, inwiefern die Landwirtschaftskammer den Landwirten bei der Lebensraumgestaltung hilft. Sie empfiehlt die Anlage von Schwarzbrachen, die allerdings von vielen Landwirten skeptisch betrachtet wird. Schwarzbrachen haben für Niederwild die höchste Wirkung, bereiten Bewirtschaftern aber Sorgen wegen der Gefahr, dass Sämereien von Problemunkräutern in bewirtschaftete Flächen gelangen. Hilfreich ist es daher, Blühstreifen als Puffer zwischen Schwarzbrache und Acker zu legen.

 

Hasen nutzen das gerne, um zwischen Deckung und Brache, wo sie sich bei Sonnenschein aufwärmen können, hin und her zu wechseln. Ernteverzichtsstreifen wirken wie ein Vogelhaus im Winter. Dabei machte die Kammer gute Erfahrungen mit Dinkel, den Rebhühner auch als Deckung annehmen. Ausfallgetreide spielt übrigens keine Rolle, da sich die Tiere alle Sämereien aus den Flächen holen.

 

Felix Höltmann

weitere Infos (Vorträge) s. www.ljv-nrw.de


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