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RWJ 11/2019: Herausforderung für Waldbesitzer und Jäger

Mammutaufgabe Waldumbau waidgerecht unterstützen

Stürme und Trockenheit haben den Wald massiv geschädigt. Jetzt muss der Umbau zu stabilen Mischwäldern gelingen. Dabei sind die Waldbauern auf die Unterstützung der Jäger angewiesen. Ein Ortstermin in Ostwestfalen zeigt, wie Waldeigentümer und Jagdpächter auf Augenhöhe zusammenarbeiten können.

RWJ vor Ort

Wolfgang v. Wolff Metternich (Waldeigentümer), Otto Hake (Revierpächter), Britta v. Weichs (Vors. KJS Höxter), Walter Rose (Kreisjagdberater), Jens Güthoff (Untere Jagdbehörde) und Constantin v. Weichs (Förster/v. l.) diskutieren über eine forstliche Bejagungsschneise.

Zwischen Paderborn und Höxter hat Sturm Friederike im Januar 2018 besonders heftig gewütet. Danach folgten zwei äußerst trockene Sommer, die vor allem den Fichten, aber auch den Rotbuchen zusetzten. In den Wäldern rund um Bruchhausen bei Höxter, die Wolfgang v. Wolff Metternich bewirtschaftet, sah es wüst aus. Hektarweise hatte der Sturm Fichten umgestürzt oder wie Zahnstocher abgebrochen, das Revier war an vielen Stellen nicht mehr wiederzuerkennen. 10 Prozent seiner Waldfläche hatte der Sturm verwüstet. Allein in dieser Sturmnacht fielen rund 8 000 Festmeter Holz an. Auf weiteren 10 Prozent sorgten Dürresommer und Borkenkäfer für den Totalausfall.

 

Vom Reinbestand zum Mischwald

Wolff Metternich beschloss, auf diesen Flächen klimastabilere Mischwälder zu begründen. Nachdem die Harvester verwertbare Stämme geborgen hatten, schob er das in der Fläche liegende Restholz zu hohen Wällen auf. Wenn dieses Holz eines Tages verrottet, sollen die Linien als Pflege- und Rückegassen dienen. Die freigeräumten Flächen wurden zu drei Vierteln mit Laubholz (Ahorn, Roteiche, Kirsche, Schwarznuss, Rotbuche) sowie zu 25 Prozent mit Lärche und Douglasie bestockt. Dazu kamen auf einen Hektar 3 000 rund 1,60 m große Pflanzen (Heister), die Rehen bald aus dem Äser gewachsen sein sollen. Das Land fördert den Umbau mit heimischen Laubhölzern mit 1,15 - 1,50 € pro Pflanze. Ein Zaun kam aus ökonomischen und ökologischen Gründen nicht infrage. Das Wild würde sonst auf mehrere Hektar großen Flächen ausgesperrt.


Hauptschäden durch Fegen

Allerdings ist dem Waldbesitzer völlig klar, dass die Bejagung seinen neuen Kulturen angepasst werden muss, damit die jungen Bäume ohne Zaun überhaupt eine Chance haben. Seltenere Arten ziehen Rehe magisch an, wenn drumherum vor allem Buchen stehen. Und dass Böcke besonders gerne Douglasien verfegen, ist ebenfalls bekannt. „Die Fichte braucht keinen Schutz, aber Laubholz hoch zu bekommen, wird ein Problem. Rehe äsen, was selten ist“, fasste Wolff Metternich seine Sorgen zusammen. Die Hauptschäden entstünden aber durch fegende Böcke. Daher suchte er das Gespräch mit seinen Jagdpächtern Claus Knipping und Otto Hake, legte die Situation dar und bat, Rehe in den nächsten Jahren an den Wiederaufforstungen schwerpunktmäßig zu bejagen. Die Jäger vereinbarten, sich auf die Anpflanzungen zu konzentrieren. Andere Bereiche des Reviers sollen dagegen zu Wildruhezonen werden. An den Kulturen sollen v. a. Jährlinge – unabhängig von ihrer körperlichen Konstitution – erlegt werden.


Bejagungsschneisen anlegen

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Biber-Lebensraum im Plateliai-Nationalpark – die Großnager schaffen in geschlossenen Wäldern offene Talwiesen und Gewässer-Lebensräume, die vielen anderen Arten zugutekommen. Foto: M. Petrak

Um an diesen Flächen überhaupt Rehe – und Sauen auf der Drückjagd – erlegen zu können, forderte Knipping Bejagungsschneisen. Daher ließ Wolff Metternich alle 200 - 300 m einen etwa acht bis zehn Meter breiten Streifen unbepflanzt. Darauf wurde von den Jägern eine mehrjährige Leguminosenmischung ausgebracht, die von Rehen gern angenommen wird. Auf den Streifen soll auch dann noch gejagt werden können, wenn sich die Kulturen in den nächsten Jahren zur grünen Hölle entwickeln. Sie werden einmal im Jahr von einem mitjagenden Landwirt gemulcht. Natürlich wurden vorab Bodenproben genommen und die Flächen danach von einem befreundeten Landwirt schwerpunktmäßig gekalkt – auf den unbehandelten früheren Fichtenböden hätte die Mischung wohl kaum wachsen können. Schließlich wurden an den neuen Kulturen zahlreiche jagdliche Einrichtungen in Stellung gebracht – meist einfache Drückjagdböcke mit Dach oder Leitern, die sich schnell auf- und abbauen lassen.

 


Jäger an die Hand nehmen

Britta v. Weichs, die Vorsitzende der Kreisjägerschaft Höxter, sah sich bei einem Waldbegang die Flächen an und informierte sich über das jagdliche Konzept. Sie betonte, dass das Wild keine Schuld an Sturm und Klimawandel habe. Man könne jagdliche Schwerpunktgebiete definieren, müsse dann aber ebenso Wildruhezonen zur Verfügung stellen – was im Revier Bruchhausen ja auch geschehe. Sie forderte die Waldeigentümer auf, die Jäger frühzeitig in die Planung des Waldumbaus einzubeziehen. Es würde wenig bringen, einfach nur höhere Abschüsse zu fordern. Kreisjagdberater Walter Rose begrüßte ausdrücklich, dass in diesem Fall Jäger vor Ort von Anfang an einbezogen wurden, „das ist hier vorbildlich gelaufen“, freute er sich. Wolfgang v. Wolff Metternich ist froh, dass er mit seinen Jägern Hand in Hand und auf Augenhöhe arbeiten kann. „Wir können den Waldumbau nur gemeinsam schaffen“, ist der Waldbesitzer überzeugt.

 

Die nächsten Jahre werden zeigen, wie erfolgreich das Konzept ist. Dass eine außer ordentliche Situation wie der Wintersturm Friederike, gefolgt von zwei Dürre sommern neue Ideen braucht, liegt auf der Hand. Das Projekt in Ostwestfalen zeigt aber auch, dass sich Schwerpunktbejagung und Waidgerechtigkeit nicht ausschließen. Wenn sich die Kulturen in einigen Jahren stabilisiert haben, wird man sich wie gewohnt wieder auf schwache Jährlinge konzentrieren.

 

Felix Höltmann

 

 


Kommentar

Solidarität leben

Können Sie mit ansehen, wenn frisch gepflanzte Bäume flächig verbissen oder verfegt werden – und man wenig später vor nahezu komplett ausgefal lenen Pflanzreihen steht? Ich nicht. Solidarität mit den Waldbauern darf für uns Jäger nicht nur ein leeres Wort bleiben. Deshalb müssen wir in dieser Ausnahme situation mehr Rehe erlegen. Dazu ist es meines Erachtens nicht verwerflich, für einige Jahre an Schwerpunkt- Flächen deutlich intensiver zu jagen als bisher – wenn man es sauber macht. Dafür brauchen wir keine Drückjagden nach Weihnachten. Man muss auch nicht schießen, wenn ein Stück nicht passend steht. Auch der MuttertierSchutz gilt natürlich weiter, das ist ein für uns nicht zu diskutierendes Gut! Rehe sind keine Schädlinge, sie gehören zum Wald. Und wir sind keine Schädlingsbekämpfer.

 

Doch der durch Sturm, Dürre und Borkenkäfer erzwungene Umbau zu vielfältigen Mischwäldern wird auf großer Fläche ohne stärkere Bejagung durch uns Jäger nicht gelingen. Dazu sind bisher eher seltene Laubhölzer und die Douglasie – deren Bedeutung zunehmen wird – zu verlockend für unseren kleinsten und häufigsten Hirsch. Öffentlichkeit und Politik werden kaum akzeptieren, wenn wir Jäger unseren Beitrag zum Wiederaufbau unserer Wälder verweigern, zumal dieser erfreulicherweise mit viel Steuergeld gefördert wird. Wenn wir den geschundenen Waldbauern also unsere Solidarität zusagen, müssen wir diese auch leben – mit der Büchse in der Hand. Diese besondere Situation wird ja auch nur solange andauern, bis die Kulturen gesichert sind. Danach sind diese Flächen reinste WildParadiese. Wir erfreuen uns an jeder Stunde im Wald. Dafür sollten wir unseren Beitrag leisten.

 

Felix Höltmann


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