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RWJ 11/2020: Eine Waldbegehung im Siebengebirge

Jagd und Forst auf Augenhöhe

Im Rahmen der Deutschen Waldtage 2020 wurde Ende September auf mehr als 500 Veranstaltungen deutschlandweit über den Wald und seine Zukunft diskutiert. Dabei gings natürlich auch um den Waldumbau und die Jagd – dass so etwas auf Augenhöhe geht, zeigte ein Besuch am Rhein.

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Die Teilnehmer der Waldbegehung zeigten sich von der Arbeit eines Harvesters beeindruckt, doch eigentlich sollte der Wald v. a. sich selbst überlassen werden ...

Uns Deutschen wird ein besonderes Verhältnis zum Wald nachgesagt. Dass dieser seit drei Jahren unter Trockenheit und Käferbefall leidet – an abgestorbenen Fichten und Buchen weithin erkennbar – besorgt die Menschen.

 

Begegnungen zeigen, wie weit die Sehnsucht nach einem wilden Naturwald bei vielen Stadtmenschen verwurzelt ist.

 

Die Zukunftssicherung des Waldes betrifft nicht nur die Waldbesitzer, sondern die gesamte Gesellschaft. Deshalb setzten die Deutschen Waldtage 2020, initiiert vom Bundeslandwirtschaftsministerium und dem Deutschen Forstwirtschaftsrat, bewusst auf den Dialog zwischen allen Waldakteuren.

 

 

Waldumbau im Siebengebirge

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Martin Siemes schält die Rinde von einer abgestorbenen Fichte, um seiner Gruppe den Borkenkäfer zu zeigen.

An einem sonnigen, warmen Freitagnachmittag im September führt Martin Siemes eine 30-köpfige Gruppe interessierter Stadtmenschen durch ein Revier im Siebengebirge. Der 25-jährige gelernte Forstwirt und Jäger arbeitete nach seiner Ausbildung in Nordamerika, musste aber wegen der Corona-Pandemie die Rückreise nach Deutschland antreten.

 

Bis zum Beginn seines Studiums arbeitet er als Forstbediensteter bei der Stadt Bad Honnef und koordiniert alle Waldarbeiten, die mit dem massiven Borkenkäferbefall in Verbindung stehen. Diese Aufgabe erklärte er auch einer Besuchergruppe im Rahmen der Waldtage.

 


Wenig Hoffnung für die Fichte

Oberhalb des Rheins erläuterte Forstwirt Siemes anschaulich und für Laien verständlich, wie es zu den Kalamitäten kam und wie nun darauf reagiert wird.

 

Der Bad Honnefer Stadtwald umfasst rund 1 200 ha, von denen rund 450 mit Fichte bestockt sind bzw. waren. Davon seien 50 Prozent vom Borkenkäfer befallen, 116 ha davon seien bereits abgeräumt. Von der noch nicht geräumten Fläche seien 60 ha Altbefall, ohne Borkenkäfer und 72 ha Frischbefall, der jetzt vorrangig geräumt werde, damit sich der Käfer nicht weiter ausbreitet. Ziel ist es, das Käferholz zu entfernen, damit die restlichen Fichtenbestände nicht befallen werden. Doch Siemes hat wenig Hoffnung, dass die übrigen Fichtenwälder erhalten werden können.

 


Buchdrucker und Kupferstecher

An einer rund 70-jährigen toten Fichte schlägt Siemes mit einem Schäleisen die Rinde vom Stamm und zeigt einige Buchdrucker. Er erklärt die Abwehrmechanismen der Bäume – und warum der Harzfluss bei massivem Käferbefall und Schwächung durch Hitze und Trockenheit versagt. Die Bürger, die meist ohne fachlichen Hintergrund sind, zeigen sich überrascht, wie klein die Tiere sind, die dem Wald derart zusetzen. Siemes erklärt weiter, dass befallenes Holz durch einen Harvester-Einsatz geborgen werde, um den Käfern auf diesem Wege die Lebensgrundlage zu entziehen.

 


Den Wald sich selbst überlassen

Gleich zu Beginn wird kritisch hinterfragt, ob denn in Zukunft ein Wirtschaftswald noch sinnvoll sei, schließlich könne man die Natur auch sich selbst überlassen. Der junge Forstmann entgegnet, dass der nachwachsende Rohstoff Holz gebraucht werde und es besser sei, dieses Holz mit hohen Umwelt- und Sozialstandards in Deutschland zu produzieren, als es aus anderen Ländern mit niedrigeren Standards zu importieren.

 

Der Einwurf eines Stadtratsmitglieds, Deutschland sei doch größter Holzexporteur der EU, war unter der Rubrik gefährliches Halbwissen zu verbuchen ...

 


Waldbrandgefahr steigt

Nach einem kurzen Gang durchs knochentrockene, krachend zersplitternde Unterholz zeigt Siemes typische Merkmale von Borkenkäferbefall – Bohrmehl am Stamm, ein grüner Nadelteppich am Bode, Spechtanschläge an der Rinde und intensiven Harzfluss.

 

Dort geht es auch um die zunehmende Gefahr von Waldbränden, die durch die enorme Masse an trockenem Totholz begünstigt wird. Die Feuerwehr erarbeitet aktuell Einsatzpläne, um auf diese neue Herausforderung reagieren zu können, erläutert Bad Honnefs Wehrleiter Frank Brodeßer. Dabei müssten auch Löschteiche, die oft in den 1970ern angelegt wurden und mittlerweile verlandet seien, reaktiviert werden. Das stoße aber auf Widerspruch beim Naturschutz, da diese Tümpel mittlerweile zu Biotopen geworden seien, die vielen Arten Lebensraum bieten. Brodeßer ergänzt, dass die Feuerwehr bei der frühzeitigen Erkennung der Feuer auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen sei. Bisher habe man aber Glück gehabt und kleinere Feuer schnell entdeckt und unter Kontrolle bekommen.

 


Einzelschutz und Jagd

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Fachautor Rolf Baldus erklärt, welche Herausforderungen die Jagd im Naherholungsgebiet mitbringt.

Siemes pflanzt auf geräumten Flächen Stieleichen, Hainbuchen und einzelne Kirschen. Seine im Trupp gepflanzten Heister schützt er mit flüssigem Verbisschutz auf Schafsfettbasis – was augenscheinlich gut funktioniert. In unbepflanzten Zwischenräumen lässt er Anflug von Birke, Vogelkirsche, Flatterulme und Eberesche zu.

 

Neben dem Einzelschutz bedarf es aber auch der intensive Reh-Bejagung rund um die Kulturen. Insofern tragen sowohl Forst als auch Jagd Verantwortung, damit der Waldumbau gelingen kann.

 

An einer Anpflanzung bleibt die Gruppe stehen und begutachtet die jungen Bäume. Dort stößt der bekannte Jagdschriftsteller Rolf Baldus, der einen Pirschbezirk im Bad Honnefer Stadtwald hat, zur Gruppe. Er erklärt, wie er Rehe im Stadtwald bejagt, welche Schwierigkeiten die Jagd im Naherholungsgebiet mit sich bringt und das auch die Jäger bereit sind, angesichts der besonderen Situation mehr Rehe zu erlegen als bisher. Auf die massiven Schäden durch Schwarzwild in Honnefer Gärten angesprochen, erklärte Baldus, wie schwierig Sauen zu bejagen sind – und das Jägern im befriedeten Bezirk ohnehin die Hände gebunden seien.

 

Der Vorschlag eines Teilnehmers, die Schwarzkittel zu vergiften, sorgte nicht nur bei Baldus für Irritationen. Argumenten des Tierschutzes und der Ethik war der Mann nicht ernsthaft zugänglich, auch die Gefahr, eine führende Bache könnte vergiftete Köder fressen, ließ er mit dem Vergleich auf Ratten nicht gelten ...

 


Viel Empathie für den Wald

Fazit – für Menschen ohne fachlichen Hintergrund eine sehr lehrreiche, anschauliche und gut geplante Veranstaltung an deren Ende jeder Besucher eine kleine Eiche pflanzen durfte. Sie zeigte, dass das Interesse am Wald in der Bevölkerung groß ist, kombiniert mit wenig Fachwissen, dafür aber vielen romantischen Vorstellungen vor allem über einen sich selbst überlassenen Wald.

 

Felix Höltmann


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