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RWJ 10/2021: Regionale Arbeitsgruppe in Siegen-Wittgenstein startet

Gemeinsam für die Wälder der Zukunft

Mit einer bemerkenswerten Initiative in Südwestfalen machen sich Jäger, Förster, Kreis und Waldbesitzer daran, DIE große jagdpolitische Heraus-
forderung der nächsten Jahre GEMEINSAM zu lösen.

SCHWERPUNKT WALD UND WILD

Referenten und Verantwortliche (v. l.): Dr. Sebastian Klein, Henning Setzer, Martin Kindig, Dirk Terlinden, Manfred Gertz und Ludwig-Ferdinand Prinz zu Sayn-Wittgenstein - Berleburg.

Wie in anderen Regionen NRWs und Deutschlands befindet sich auch im Kreis Siegen-Wittgenstein die Forstwirtschaft in einer nie dagewesenen existenziellen Krise. Dürrejahre seit 2018 und besonders die Massenvermehrung des Borken-käfers lassen dem ehemaligen „Brotbaum“ Fichte keine Chance. Auch jüngere Bestände und weitere Baumarten wie Lärche oder Douglasie werden inzwischen befallen. Zurück bleiben große Kahlflächen, die zur Wiederbewaldung mit möglichst klimastabilen Baumarten anstehen.

Vor diesem Hintergrund gründete sich eine Arbeitsgemeinschaft Wieder-
bewaldung und Jagd
bestehend aus der Unteren Jagdbehörde, der örtlichen Kreisgruppe des Waldbauernverbandes, der Kreisjägerschaft und dem Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein.

Getragen und beseelt ist die Arbeitsgemeinschaft von der Erkenntnis, dass die Wiederbewaldung mit einem struktur- und artenreichen Wald der Zukunft eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist, die nur gelingen kann, wenn Waldbesitz und Jäger diese Aufgabe gemeinsam annehmen.

Weil gerade empfindliche Mischbaumarten ganz oben auf der Speisekarte heimischer Wildwiederkäuer stehen, seien angepasste Bestände eine Schlüsselfunktion, so die Arbeitsgemeinschaft in einer ersten Verlautbarung.

 

Gemeinsame Ziele formulieren

SCHWERPUNKT WALD UND WILD

Etwa 60 Waldbesitzer und Jäger folgten der Einladung zur ersten Regionalkonferenz der Arbeitsgemeinschaft „Wiederbewaldung und Jagd“ im Kreis Siegen-Wittgenstein.

Henning Setzer, einer der treibenden Kräfte (in Personalunion Leiter der Unteren Jagdbehörde und Vorsitzender der Kreisjägerschaft Siegerland-Wittgenstein) verwies auf das Jagdrecht und stellte Grundeigentümer wie Jäger gleichermaßen in die Pflicht: „Direkt im ersten und prominentesten Paragrafen des Bundes-
jagdgesetzes verknüpft der Gesetzgeber das Jagdrecht mit der Hegepflicht. Ziel der Hege sind gesunde, artenreiche, aber auch den landschaftlichen Verhältnissen angepasste Wildbestände. Die Hege ist so durchzuführen, dass Wildschäden möglichst vermieden werden. In unserer AG Wiederbewaldung und Jagd reden wir über diese gemeinsame Pflicht, die Jagdrechtsinhaber ebenso betrifft wie Jäger. Und wir reden über die Möglichkeiten, die jeder für sich hat und die wir gemeinsam haben.“

Ende August veranstaltete die Arbeitsgemeinschaft eine erste Regionalkonferenz zum Austausch, zur Erörterung und zur Erarbeitung gemeinsamer Zielerreichungs-strategien für Waldbesitzende und Jagdausübungsberechtigte in Bad Laasphe - Feudingen. Eine zweite Veranstaltung fand eine Woche später in Kreuztal statt, weitere Regionalkonferenzen im Raum Siegerland-Wittgenstein sollen folgen

 


Fördermittel intelligent einsetzen

SCHWERPUNKT WALD UND WILD

Matthias Mennekes (RFA Siegen-Wittgenstein) empfahl bei der Exkursion eine Befliegung von Kahlflächen mit Drohnen, um bestehende Naturverjüngungskegel für Kulturplanung und Jagdstruktur mit zu erfassen.

In seinem Grußwort schilderte Ludwig-Ferdinand Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg den etwa 60 Teilnehmern eindringlich die Lage im Forstgut Ditzrod.

Er drängte alle Beteiligten, Waldbauern, Jäger, aber auch Politik und Gesellschaft dazu, schnell, beherzt und mit der gebotenen Sorgfalt zu handeln. „Wenn die Vegetation erst einmal einen Meter hoch ist, wird Rehwild unbejagbar. Wenn wir unsere Wälder in einem vernünftigen Zustand an die nächste Generation übergeben wollen, müssen wir unsere Aufgabe ernst nehmen.“

Manfred Gertz (Leiter Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein) moderierte die Veranstaltung und hielt das erste Referat zur aktuellen Schadensituation im Kreisgebiet. Jetzt klimaresiliente, arten- und strukturreiche Mischbestände mit stabilen Waldrändern zu etablieren, sieht er gleichermaßen als Chance und gesellschaftliche Verpflichtung. Für ihn ist intensive Bejagung der kosten-
günstigste Schutz der Kulturen. Danach kommen Einzelschutz und als teuerste Variante Zäune. Sein Fazit – Wiederbewaldung ist eine gesamtgesell-
schaftliche Aufgabe. Waldbesitzer, Jäger und Forstbehörden müssen Hand in Hand arbeiten. Jäger sollen bei den anstehenden Arbeiten bestmöglich beteiligt, aber auch bestmöglich unterstützt werden. Gemeinsame Planungen, abgestimmte Maßnahmen und gemeinsame Auswertung des Erreichten (besonders durch Waldbegänge vor Ort) führen letztlich zum gemeinsamen Ziel.

Karl-Wilhelm Flender (Revierleiter Bad Laasphe im RFA Siegen-Wittgenstein) stellte aktuelle Fördermöglichkeiten für die Jagd durch die beiden Richtlinien Extremwetterfolgen und Förderung forstlicher Maßnahmen im Privat- u. Körper-schaftswald vor. Diese NRW-Richtlinien beinhalten diverse Fördermöglichkeiten, um Flächen optimal bejagen zu können.

Antragsberechtigt sind Waldbesitzer.

 

Förderfähige Maßnahmen sind die Anlage von Klein- und Weisergattern, chemischer und mechanischer Einzelschutz, Schaffung und Erhalt gehölzfreier Teilflächen als Bejagungshilfe – und ganz neu – die Errichtung jagdlicher Ansitzeinrichtungen (s. 150 Euro Zuschuss pro Hochsitz vom Land). Flender wies auf mögliche Folgen überhöhter Wildschäden hin, die bis zum Entzug der Zertifizierung (PEFC/ FSC) führen können, was für Waldbesitzer gravierende finanzielle Nachteile (Verlust der Fördermöglichkeit) nach sich zöge.

Dr. Sebastian Klein (Jagdschule Heestal) stellte ein Bejagungskonzept von

Reh- und Rotwild nach Sturm- und Kalamitätsschäden vor. Schon bei der Anlage von Kulturen sollte man Bejagungsschneisen frei lassen, um sich Pflanzmaterial, Geld, Zeit und auch späteren Ärger zu ersparen.

Waldbesitzer und Jäger müssen daher Kulturflächen gemeinsam durchplanen und mit Blick auf eine den waldbaulichen Verhältnissen abgestimmte jagdliche Infrastruktur gemeinsam optimieren.

Den Jägerinnen und Jäger empfiehlt Dr. Klein, weibliches Wild sowie Kitze und Kälber früh im Jahr zu erlegen.

Kleine Familiengruppen (Kitz + Kitz + Ricke sowie Kalb + Alttier) sollte man wenn irgendwie möglich zusammen und ohne Zeugen erlegen.

Dass die Nettogewichtszunahme bei Kitzen bis Dezember nur noch marginal

ist (und hauptsächlich in die Winterdecke wandert !) und ein Abwarten bei der Erlegung nicht rechtfertigt, sollte heute jedem Jäger bekannt sein.

Darüber hinaus sollte man jagdliche Schwerpunktzonen ausweisen, in denen ein Großteil der Strecke gemacht wird (Zahl vor Wahl). Im Umkehrschluss müssen aber auch Ruhezonen ausgewiesen werden, in denen Wild weitgehend unbe-helligt bleibt (Althölzer, Felder, Wiesen).

 

Abschließend ging Dr. Klein auch auf revierübergreifende Bewegungsjagden als ein Mittel der Wahl ein.


Gemeinsame Begänge – vor, während und nach den Maßnahmen im Wald

Bei der anschließenden Exkursion wurde eine Kahlfläche der Stadt Bad Laasphe vorgestellt. Matthias Mennekes (RFA Siegen-Wittgenstein) empfahl vorab eine Drohnenbefliegung der Kahlflächen, um schon bestehende Naturverjüngungs-kegel für die Kulturplanung und die Jagdstruktur mit zu erfassen. Auf der vorge-stellten 12 ha-Fläche hat Dr. Klein eine mögliche Bejagungsinfrastruktur geplant. Rund 20 jagdliche Einrichtungen (Leitern, Kanzeln, Drückjagdböcke) sowie breite Bejagungsschneisen sind dort vorgesehen. Das Konzept dient nun als Basis für die weiteren Gespräche zwischen der Stadt Bad Laasphe (Waldbesitzerin) und den Jagdausübungsberechtigten.

Bürgermeister Dirk Terlinden, der an der gesamten Veranstaltung teilnahm, zeigte sich gesprächs- und kooperationsbereit, die anwesenden Jäger ebenso.

Reden hilft !

Fazit: Am Ende der gelungenen Auftaktveranstaltung bestand Einigkeit, dass
es nur gemeinsam geht. In von Waldbesitzern geplanten Kulturen müssen auch Bejagungsflächen und jagdliche Einrichtungen gemeinsam mit den Jägern ein-geplant werden. Das ist alles machbar und kein Hexenwerk. Entscheidend sind der gemeinsame gute Wille und die Verlässlichkeit der Partner. Den Worten müssen natürlich auch Taten folgen !

Die AG Wiederbewaldung und Jagd in Südwestfalen ist ein hervorragendes Beispiel, wie der nordrhein-westfälische Weg gegangen werden kann. Dieser basiert auf dem gemeinsamen Positionspapier Wald und Wild gehören zusammen von Waldbauernverband NRW, Landesjagdverband NRW sowie

den Verbänden der Jagdrechtinhaber in Rheinland und Westfalen aus 2020.

Einigkeit wird man nicht in jedem Fall erzielen. Das muss man aushalten. Regelmäßige Revierbegänge werden sicher immer wieder Überraschungen bieten, im Guten wie im Bösen. Dann muss nachjustiert werden – in die eine wie die andere Richtung. Deshalb sind regelmäßige, gemeinsame Reviergänge auch so wichtig ! In solchen Situationen trotzdem miteinander anstatt übereinander im Gespräch und in der gemeinsamen Handlung zu bleiben, ist sicher nicht immer leicht, aber alternativlos. Am Ende des Weges steht das gemeinsame Ziel – klimastabile Wälder für die nächsten Generationen.

Andreas Schneider


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