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RWJ 07/2019: Geschichte einer jahrzehntelangen Inkonsequenz

Erst niedlich, dann nervig – vom Siegeszug der Nutrias

Der Naturschützer Prof. Dr. Wolfgang Gerß leitete jahrzehntelang den Beirat der Obersten Landschaftsbehörde in NRW. Der ehemalige Landesvorsitzende des NABU in NRW wirbt für einen sachgerechten Umgang mit Nutrias.

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Bei entsprechender Dichte können Nutrias können etwa Blässhuhn-Nestern gefährlich nahekommen. Foto: H. Bosch

Der südamerikanische Sumpfbiber („Myocastor coypus“) gelangte mit menschlicher Hilfe nach Europa. Dort wurde er wegen seines Pelzes unter der Bezeichnung Nutria in Farmen gehalten, aus denen er flüchtete und sich über ganz Europa ausbreitete. Von Anfang an war offensichtlich, dass nun wild lebende Nutrias wasserwirtschaftliche Schäden durch Unterwühlen von Dämmen und Uferzonen verursachen würden. Aus Sicht des Naturschutzes wurden diese Schäden von den Behörden zunächst nicht als „relevant“ angesehen. Im Freiland tätigen Naturschützern war aber schon lange bekannt, dass Nutrias beträchtliche Schäden an der Wasser- und Ufervegetation hervorrufen können. Solche Auswirkungen fielen besonders auf, weil Nutrias (anders als der Bisam) in großen Familienverbänden eng zusammenleben. Neben nicht mehr übersehbaren Vegetationsschäden wurde in den letzten Jahren beobachtet, dass Nutrias auch Muschelbestände schädigen.

 

Wegen der Funktion von Muscheln zur Reinigung der Gewässer reichen Auswirkungen von Nutrias damit bis zur Gefährdung der Wasserqualität. Zu Schäden in der Landschaft durch Nutrias gehören neben der dominierenden Beeinträchtigung des Hochwasserschutzes und Gefährdung der Gewässerunterhaltung v. a. Fraß-/Kratzschäden an Bäumen, die lokale Ausrottung von Schilf, Zerstörung schwimmender Vogelnester (Vernichtung von Gelegen) sowie Beschädigung von Verkehrswegen bis zur Unpassierbarkeit. Indirekte Folgen des Nutriabestands ergeben sich bei der Reduzierung mit Fallen – unerwünschte Beifänge können den Nutzen der gewollten Reduzierung übersteigen.

 

Allgemein gilt als Hauptgrund für jede Maßnahme gegen Nutrias die „Gefährdung der Biodiversität“ – ohne zu definieren, was damit gemeint ist oder welcher Diversitätsgrad als „gut, ausreichend“ oder „ungenügend“ gelten soll. Im Gegensatz zum Bisam, der meist im Verborgenen bleibt, treten Nutrias an für sie günstigen Stellen in unübersehbar großer Konzentration auf – ein berüchtigtes Beispiel in NRW ist etwa der „Abtskücher Teich“ bei Heiligenhaus (ME), der mit knapp 5 ha Wasserfläche rund 120 Nutrias beherbergte. Trotz dieser Übermacht gelang es, den Bestand auf eine für Laien nicht mehr bemerkbare Zahl zu reduzieren. Voraussetzung dafür ist, dass zuständige Stellen die Reduzierung durchführen wollen (oder müssen) und notwendige Rechtsgrundlagen zur Verfügung stehen. Die Niederlande erreichten durch Regulierung, dass es keine eigenen Populationen mehr gibt, fast alle noch gefangenen Tiere sind aus Deutschland zugewandert.

 

 

Rechtsgrundlagen

In einer Zeit, in der die EU um ihre Existenz kämpft, ist es für überzeugte Europäer erfreulich, dass im Naturschutz nach wie vor wichtige Impulse aus Europa kommen und in den Mitgliedstaaten (wenn auch oft mit langer Verzögerung) ohne Boykott oder Austrittsdrohungen akzeptiert werden. Vor diesem Hintergrund ist etwa die „EU-Verordnung über invasive Arten (2014)“ grundsätzlich ein wichtiger Schritt zum leistungsfähigen Artenschutz. Diese Verordnung verbietet es, in einer Liste aufgeführte Arten zu halten, züchten, veredeln, fortzupflanzen, erwerben, tauschen, transportieren oder freizusetzen. Davon sind zwar nur in Gefangenschaft gehaltene Tiere direkt betroffen, da aber sämtliche in Europa frei lebenden Nutrias von Flüchtlingen abstammen, sind die Vorschriften auch auf diese Wildtiere anwendbar.

 

Die Verordnung gilt zwar unmittelbar in den Mitgliedstaaten der EU, führte jedoch erst durch Veröffentlichung der Liste „prioritär invasiver“ Arten (zu denen Nutrias gehören) am 3.8.2016 zu weiteren rechtlichen Schritten auf nationaler Ebene. Die bundesrechtliche Begleitung zur verwaltungsmäßigen Umsetzung erfolgte durch Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes (15.9.2017). Schließlich kam noch die länderspezifische Regelung der Zuständigkeit dazu – in NRW durch Runderlass des Umweltministeriums vom 12.2.2018. Die EU-Liste von 2016 enthält Nutrias als „etablierte“ invasive Art, die einem Management mit Kontroll- und Eindämmungsmaßnahmen (auch nicht letalen) zu unterwerfen ist. Dazu gehört die Beseitigung (mind. Minderung) negativer Auswirkungen auf die Biodiversität, ohne Hinweis darauf, wie dies zu messen sei.

 

Die grundsätzliche Verpflichtung zur Tilgung des Bestands kann ausgesetzt werden, wenn die Beseitigung aus technischen Gründen nicht machbar und unverhältnismäßig teuer ist – oder nachhaltige Folgen auf Gesundheit, Umwelt oder andere Arten hat. Begleitende Öffentlichkeitsbeteiligung umfasst auch Schulungen, dennoch war Kritik an den Maßnahmen von Tierschützern, die generell jede Form von Tötung ablehnen, zu erwarten.

 

 


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Behördenpraxis

Obwohl Nutrias seit Jahrzehnten in NRW frei leben, sich vermehren – und damit „etabliert“ = heimisch sind, begann erst 2018 durch ein Expertengremium die Umsetzung in die Behördenpraxis. Dabei wurden Empfehlungen für behördliche Maßnahmen in NRW gegeben – verglichen mit der weit fortgeschrittenen Umsetzung in den Niederlanden. Über die Bewertung des Schadpotenzials von Nutrias besteht weitgehende Einigkeit. Inkonsequent ist aber, dass der Bestand trotz untragbarer Auswirkungen in Deutschland nur „kontrolliert“ und „eingedämmt“ werden soll. In den Niederlanden wurde dagegen angestrebt und erreicht (!), Nutrias „auszurotten“. Bemerkenswert ist auch, dass bei uns der Spielraum der EU-Verordnung über invasive Arten 2014 zur Aufhebung der Verbote aus nicht näher definierten Gründen des „zwingend öffentlichen Interesses“ angewendet werden soll – damit kapitulieren Behörden vor Nutrias.

 

Der Erfolg in den Niederlanden rührt auch daher, dass aus der Praxis geborene Forderungen zur Effizienz der „Nutria- Wacht “erfüllt wurden (Kombination aktiver und passiver Fangmittel, Zahl ausgelegter Fangmittel, ganzjähriger Fang, Einsatz professioneller Fänger, Arbeit in Teams, detaillierte Berichterstattung, wissenschaftliche Auswertung). Die Einführung einer Nutria-Kontrolle ohne Erfüllung derartiger Forderungen wäre inkonsequent. Bereits vor rund 30 Jahren befasste sich der Beirat bei der Obersten Landschaftsbehörde NRW mit der möglichen Bekämpfung von Nutrias. Während er gesetzgeberischen Handlungsbedarf sah, verwiesen Behördenvertreter auf den ausreichenden Rechtsstatus durch bestehende Regeln im Landschaftsgesetz NRW. Stabile Populationen seien wegen des Klimas mehr im Süden Deutschlands anzutreffen – in der freien Landschaft in NRW würden sich allenfalls „einige Exemplare“ an Rur, Schwalm und Nette fortpflanzen.

 

Somit müsse eine Bekämpfung noch nicht allgemein in Erwägung gezogen werden, da Schäden am Ökosystem (vergleichbar mit denen vom Bisam) bisher nicht entstanden seien. Der Beirat regte nach ausführlicher Diskussion an, die Diskrepanz zwischen dem rechtlichen Status von Nutrias und ihrem tatsächlichen Auftreten zu überwinden. Dazu sollte erwogen werden, die Art dem in diesem Fall wirksameren Jagdrecht zu unterstellen.

 

 

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Gesellschaftliches Ansehen

Für Nutrias nach EU-Recht vorgesehene Managementmaßnahmen umfassen auch die Öffentlichkeitsarbeit. Die Forderung nach „gezielter Schulung und Information der Bevölkerung“ ist im Wortlaut der EUVerordnung selbst nicht zu finden. Bei einer öffentlichen Meinungsumfrage zu Foto: R. Kolbe Managementmaßnahmen betrafen die meisten Einwendungen den Tierschutz (v. a. die Fallenjagd), viele Befragte wandten sich gegen die Tötung von Tieren überhaupt. Damit wurde die Diskrepanz zwischen zum Naturschutz nötigen und vom Tierschutz noch erträglichen Maßnahmen offensichtlich. Der erwähnte „Abtskücher Teich“ ist ein stark frequentiertes Erholungsgebiet, in dem Nutrias durch überreiche Fütterung jede Scheu verloren und sich Menschen auf Streichelnähe näherten. Zunächst stellte die Stadt Heiligenhaus lediglich Schilder auf, die die Fütterung zwar verboten, aber kaum beachtet wurden. Spaziergänger schleppten weiter große Mengen Futter herbei.

 

Erst als Nutrias den Uferweg so stark unterwühlten, dass eine Frau sich in einem Loch erheblich verletzte, begann der Fang. Nachdem eine rumänische Medizin- Fachzeitschrift berichtete, dass es bei Menschen nach engem Kontakt mit Nutrias zu lebensgefährlichen Hirnhautentzündungen kommen kann, wurde der Fang intensiviert – heimlich in der Dämmerung, wenn alle Besucher weg waren, sonst wären die Fänger „gelyncht“ worden. Trotz aller Verschwiegenheit wurde die Bekämpfung bekannt – und Tierfreunde mobilisierten Widerstand zur Rettung der „niedlichen Tierchen“. Eine Ratsfraktion nahm die Rettung der Nutrias gar in ihr Wahlprogramm auf. Die Stadtverwaltung beschwichtigte, man werde nur „überschüssige“ Tiere lebend fangen und abtransportieren – und verringerte die Population kontinuierlich weiter. Heute werden dort nur noch einzelne Nutrias gesichtet. Dafür brüten jetzt Haubentaucher regelmäßig mit Erfolg, und sogar Zwergtaucher haben sich als Brutvögel angesiedelt. Prof. Dr. Wolfgang Gerß


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