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RWJ 12/2019: Eine Weihnachtsgeschichte aus der Nachkriegszeit

Seltsame Begegnung im winterlichen Wald

Mühsam wälzten sich die Räder des ausgemusterten Kriegslasters vom Typ „Faun“ am späten Winternachmittag des zweiten Nachkriegsjahres durch den knirschenden Schnee bergauf. Mitfahrer waren an diesem klirrend kalten Heiligabend eine Mutter und ihr kleiner Junge auf dem Heimweg von einer „Hamsterfahrt“.

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Foto: D. Mark / pixabay.com

Die Frau hütete und schützte unter ihrem Sitz eine Tasche, prall gefüllt mit fünf Flaschen dunklem Speiseöl für die Weihnachtstage und die Zeit danach. Der Junge, vom Krieg vaterlos zurückgeblieben, in der Hand seinen zerzausten und oft geflickten Teddybären, schmiegte sich eng an den warmen Motortunnel im Fahrerhaus. Zuweilen warf er scheu einen bewundernden Blick auf den Lastwagenfahrer, der mit muskulösen Armen das Fahrzeug durch rutschigen Schnee und enge Kurven bergauf manövrierte. Als auf der Anhöhe das beleuchtete Forsthaus auftauchte, bat die Mutter um Halt, sagte dem Fahrer Dank und die Reisenden glitten hinaus in die Kälte des Winterwalds am Straßenrand. Auf sie wartete ein mehrere Kilometer langer Fußmarsch durch Wald und Feld zum Heimatdorf, wo sie zum Heiligabend rechtzeitig ankommen wollten. Vorbei am Forsthaus und hinein in den wegelos verschneiten Wald stapften Mutter und Kind.

 

Durch kahle Baumwipfel warf der Mond sein fahles Licht auf den Schnee. Die vorangehende Mutter sparte nicht mit Aufmunterung und Ermahnung für das dahinter gegen Schneeverwehungen ankämpfende Kind. Leise klirrten die vollen Glasflaschen im ansonsten totenstillen Winterwald. Als hinter ihr klägliche Laute ertönten, ignorierte sie diese solange, bis der Kleine müde und trotzig das Weitergehen verweigerte. Nach kurzer Überlegung setzte sie selbst erschöpft ihre Tasche ab, kniete in den Schnee und nahm den Kleinen huckepack auf ihren Rücken. Mühsam erhob sie sich mit der weiteren Last und stapfte wie der heilige Christophorus durch den wogenden Schnee. Die Ölflaschen klirrten lauter unter ihren schweren Schritten. Der Kleine genoss in luftiger Höhe Bequemlichkeit und einen guten Ausblick.

 

„Mama, Mama! Da vorne ist ein Mann,“ flüsterte er plötzlich ängstlich ins Ohr der Mutter. Sie nahm jetzt die männliche Erscheinung mit ihrem tief ins Gesicht gezogenen Hut wahr, gab sich der Furcht des Sohnes aber nicht hin, sondern schritt tapfer auf den Mann zu. „Von eurem Klirren wird mir noch das Wild scheu“, sagte er vorwurfsvoll und die Frau erkannte, dass er nicht der Revierförster war. Aus einer verschlissenen Lodenkutte ragte der Lauf eines Weltkriegskarabiners hervor. Die Mutter wagte nicht zu fragen, wer er war und was er im nächtlichen Winterwald trieb. Dem Fremden schien das nur recht und er warf, ohne sein Gesicht zu zeigen, verstohlene Blicke auf die späteren Wanderer. Er schien erleichtert, auf diese einfachen Menschen zu treffen, von denen keine Gefahr drohte. Freundlich und fast väterlich wendete er sich dem Kind zu, ohne vor diesem das Gesicht zu verbergen und sagte:

 

„Hallo kleiner Mann, heute ist doch Weihnachten“, dabei öffnete er seinen Rucksack, holte einen duftenden Wurstkringel hervor und übergab ihn dem Jungen. „Bratet die Wurst und macht euch ein schönes Weihnachtsessen. Kartoffeln habt ihr doch wohl selber ?“ Die Mutter nickte und beide dankten artig, setzten ihren Weg fort und als sie später zurückschauten, war der Mann verschwunden. Während der Kleine, in Vorfreude auf die leckere Wurst, auf ihrem Rücken laut vom Weihnachtsmann und seiner Bescherung phantasierte, murmelte sie nur, „Jaja“, und dachte bei sich: „Mir ist doch völlig egal, ob in diesen schlechten Zeiten der Weihnachtsmann oder sonst wer mit einer Kriegsknarre an Heiligabend im Wald unterwegs ist.“ Zum Kind sagte sie dann: „Ob Weihnachtsmann oder nicht, in unserer Lage ist man dankbar für einen geschenkten Bissen und stellt keine Fragen.“

 

H. R. Schreck

Diese Weihnachtsgeschichte wurde vom HR Vorgebirge zur Verfügung gestellt

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