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RWJ 01/2020: Enorme Grünland-Schäden

Sauen-Bejagung braucht bessere Abstimmung

Im Bergischen Land und Sauerland haben Sauen in den vergangenen Wochen enorme Wildschäden angerichtet. Besonders betroffen ist aktuell Grünland im Raum Medebach-Dreislar (HSK).

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Bekanntes Bild in diesen Wochen – massive Grünland-Schäden in den Mittelgebirgen zwischen Rhein und Weser. Ohne eine vernünftige Abstimmung zwischen Feld- und Waldjägern drohen massiver Ärger und ausufernde Kosten – und das mit dem Damokles-Schwert ASP vor den Toren ... Foto: B. Petercord

Rund 630 ha umfasst das Jagdrevier Dreislar bei Medebach im Hochsauerlandkreis. Fast 60 ha der von Grünland geprägten Region wurden in den vergangenen Wochen von Sauen in eine Mondlandschaft verwandelt. Egal wo man durchs Revier fährt, nahezu überall fallen großflächige Narbenschäden ins Auge. „So was hab ich noch nicht erlebt“, sagt Alfons Brocke, bestätigter Jagdaufseher vor Ort. Betrug der Wildschaden 2018/19 rund 7000 €, fallen für 2019/20 schon jetzt etwa 40 – 60 000 € an – und bis zum Ende des Jagdjahres kommen vermutlich weitere Schadflächen hinzu! „Die derzeitigen Grünland-Schäden sind für Landwirte und Jagdpächter unerträglich und nicht mehr zumutbar“, so sein Fazit.

 

„Unhaltbarer Zustand“

„Intensive Bejagung auf Grünland bei gleichzeitiger Jagdruhe in anliegenden Wäldern“ lautete kürzlich die Empfehlung auf dem Bergischen Grünlandtag, doch das sieht Brocke anders: „Die Pächter der Feldreviere können das Problem allein nicht lösen. Hier sind auch die Pächter der Waldreviere gefordert, doch da passiert gar nichts“, bringt er es auf den Punkt – oder zumindest viel zu wenig. „Während in den Feldrevieren im vergangenen Jagdjahr 12 Sauen/100 ha zur Strecke kamen, waren es in den angrenzenden Waldrevieren nur 0,5 bis 1,2.“ Brocke weiter: „Die Waldreviere haben kein Interesse und keine Not, intensiv in den Bestand einzugreifen. Behörden und Politik fehlt es an Interesse, diesen unhaltbaren Zustand zu ändern.“ Dabei liegen viele Reviere im EU-Vogelschutzgebiet „Medebacher Bucht“, wo seit vielen Jahren versucht wird, die Artenvielfalt im Grünland durch extensive Bewirtschaftung zu erhalten. „Diese wird nun zunehmend von den Sauen zerstört“, so Brocke.

 


Revierübergreifend versagt?

Der stark überhöhte Sauenbestand der Region veranlasste den Jagdaufseher 2011, eine nicht nur revier-, sondern sogar bundesland-übergreifende Jagd zu organisieren, schließlich liegt die Region an der Grenze zu Hessen. An der Jagd beteiligten sich damals 24 Reviere mit rund 12 500 ha Jagdfläche. Freigegeben waren nur Frischlinge und nichtführende Überläufer bis 40 kg – zur Strecke kamen 144 Sauen! 2012 gründete sich auf Anregung Brockes die „Interessengemeinschaft Schwarzwild“. Die beteiligten Reviere verständigten sich darauf, bei der Strecke ein Verhältnis von 70 % Frischlingen, 20% Überläufern, 5 % Bachen und 5 % Keilern anzustreben. In Spitzenzeiten gehörten der Interessengemeinschaft 150 Reviere mit 55 000 ha Jagdfläche an – je zur Hälfte in NRW und Hessen. Doch das Interesse an revierübergreifenden Saujagden ist leider massiv eingebrochen, bestätigt Peter Markett – seit drei Jahren Leiter des Projekts Beratender Berufsjäger NRW. Er bietet kostenlos fachkundige Beratung und Unterstützung an, um überhandnehmende Schalenwildbestände in den Griff zu bekommen. „Es gab Wochen, wo ich zu revierübergreifenden Saujagden jeden Abend einen Vortrag hatte“, berichtet er, „doch das ist kein Lieblingsthema der Jäger ...“


Bestände werden immer jünger

Als Fehler bezeichnet Brocke die bundesweite Aufhebung der Schonzeiten für Schwarzwild. „Die Ergebnisse zeigen schon jetzt sehr deutlich, dass die erhoffte Bestandsreduzierung nicht stattgefunden hat – sondern genau das Gegenteil“, betont der Praktiker. Die bevorzugte Erlegung stärkerer und älterer Stücke führt seiner Ansicht nach zur Verjüngung der Gesamtpopulation – mit der negativen Folge, dass die Bestände desorganisiert und dynamisiert wurden. Brocke spricht von einem „wahren Förderprogramm zur Bestandsexplosion“. „Führungsbachen gibts nicht mehr“, bestätigt Wildmeister Markett, in Expertenkreisen werde gar von einer Verzwergung der Bestände gesprochen – mit allen entsprechenden Konsequenzen. „Wer Sauen wirklich reguieren will,muss mindestens 75 % der Frischlinge erlegen“, vertritt der Berufsjäger eine altbekannte Auffassung, in dieser Altersklasse laufe der „Motor der Population“ auf Hochtouren.

 

Markett war 2011 als Experte bei den Vorbesprechungen zur revierübergreifenden Saujagd in Medebach genauso dabei wie der mittlerweile verstorbene „Sauen- Papst“ Norbert Happ. Beide warnten damals: „Wenn sich die Jäger nicht großflächig auf eine einheitliche, biologisch richtige Bejagung einigen können, ist jeder Versuch, Bestand und Schäden in den Griff zu bekommen, von vornherein für die Katz. Ohne begrenzte Freigabe stehen Erfolg und Sinnhaftigkeit solcher Jagden – also eine nachhaltige Bestandsreduktion – infrage. Die negativen Folgen können gravierender sein als vor der Jagd.“ Die traurige Wahrheit 2019/20 scheint dies zu belegen. Brocke: „So kann’s jedenfalls nicht weitergehen.“

 

Britta Petercord


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