Seite 1

RWJ 05/2018: Alte Zöpfe und uralte Erkenntnisse

Rehe jagen – aber richtig

Analog der gesicherten Erkenntnis, dass es hierzulande mindestens 40 Mio. verkappte Fußball-Nationaltrainer gibt, kann man davon ausgehen, dass sich unter den etwa 380 000 Jägern bei uns fast alle für ausgewiesene Rehwild-Experten halten. Auf die Gefahr hin, deshalb Eulen nach Athen zu tragen, wagen wir zum Aufgang der Jagdzeit dennoch einen aktuellen Abgleich mit dem Alltag in heimischen Rehwild-Revieren …

rwj 010 015 aufgang-rehjagd 05 18 seite 1 bild 0002

In vielen Revieren könnten auch bei uns gesunde, wildbretstarke Böcke mit viel besseren Gehörnen heranwachsen, wenn man ein paar uralte Spielregeln verstärkt beachten würde: – Dichte spürbar senken – ausreichend Weibliches erlegen – Böcke alt werden lassen …

Der Beginn der Jagdzeit auf Rehe ist für hiesige Jäger seit jeher eine Art „magisches Datum“ – obwohl es dabei ja nur um eine Wildart geht, steht der „Aufgang der Bockjagd“ für das generelle Ende der Schonzeit. Schon dieser Name macht deutlich, worum es vielen dabei eigentlich geht – um Böcke. Dabei ist gerade die rechtzeitige (!) Bejagung einjähriger weiblicher Rehe von großer Bedeutung für das Wohl der ganzen Population. Aber der Reihe nach – arbeiten wir uns mal durch eine Reihe von „Rehwild-Weisheiten“, von denen Sie sicher schon mal die eine oder andere gehört haben – wetten?

 

Bevor ein Reh nicht komplett durchgefärbt ist, schieß‘ ich nicht – die Sauerei beim Aufbrechen muss ich nicht haben…

Ganz ohne Zweifel ist das Versorgen von Rehen, die sich noch im Haarwechsel befinden, nicht besonders angenehm. Doch wenn man mit der Erlegung wartet, bis sie durchgefärbt sind, handelt man sich damit zwei massive Nachteile ein: Bei Schmalrehen wird das sichere Ansprechen im Frühjahr mit der schnell hochwachsenden Vegetation von Woche zu Woche schwieriger. Während in der ersten Maihälfte der freie Blick von hinten zwischen die Keulen („allein ausschlaggebendes Ansprechmerkmal!“) problemlos möglich ist, wird dies danach oft genug unmöglich. Schwache Jährlingsböcke geraten gerade jetzt in massive territoriale Auseinandersetzungen und werden von mehrjährigen „Machthabern“ gnadenlos gehetzt und vertrieben – oft genug in Revierteile, wo man sie anschließend überfahren im Straßengraben findet…

Dann doch lieber rechtzeitig erlegen.

 

 

rwj 010 015 aufgang-rehjagd 05 18 seite 1 bild 0001

Königsdisziplin im Rehwild-Revier ist die Frühjahrsbejagung der Schmalrehe – ohne das absolute Ausschlusskriterium – den freien Blick von hinten zwischen die Keulen – bleibt der Finger gerade !

Schmalrehe bringen Böcke her – die schießt man nicht vor der Blattzeit…

Dass nirgendwo und zu keiner Zeit auch nur ein Bock nicht erlegt werden konnte, weil ihn gerade kein Schmalreh hervorlockte, dürfte jedem klar sein. Je weiter man im Jagdjahr voranschreitet, desto schwieriger wird die Unterscheidung von Schmalrehen und (dann in der Regel führenden) Ricken.

 

Wer die meisten Knopfböcke erlegt, bekommt eine Hegemedaille.

Natürlich gehört jeder schwache einjährige Bock Anfang Mai ganz oben auf die To-do-Liste im Rehwildrevier. Und zwar nicht nur mit echten „Knöppen“, sondern auch mit schwachen (unterlauscherhohen) dünnen „Pinnen“. Nur – wer von diesen Kameraden in seinem Revier gleich 10 Stück auf die struppige Decke legen kann, hat zuvor mit Sicherheit etwas falsch gemacht:

 

Neben der Genetik und den Umweltbedingungen (wir kommen noch dazu) ist für das Wohlbefinden von Rehen von ganz ausschlaggebender Bedeutung, wie viele es davon „insgesamt“ gibt – Wildbiologen sprechen von der Dichte eines Bestandes. Ohne tiefer in die Feinheiten der besten Rehwildkenner, die es je gab („Raesfeld, Ellenberg, Herzog v. Bayern u. a.“) einzusteigen, lassen sich deren Erkenntnisse auf eine Faustformel verdichten: Je weniger Rehe es in einem vorgegebenen Lebensraum gibt, desto besser geht es ihnen.

 

„Besser gehen“ heißt dabei – weniger Krankheiten, höheres Wildbretgewicht und stärkere Trophäen. An dieser Stelle können wir in NRW ausnahmsweise einmal einen der ganz wenigen Vorteile des unseligen Remmel- Jagdgesetzes ausnutzen – die Abschaffung des Rehwild-Abschussplans. Wer die erwähnten Vorurteile wirklich über windet und mehrere Jahre nacheinander im Mai „jeden“ schwachen Bock und „jedes“ schwache Schmalreh erlegt, wird sich wundern, wie dankbar die verbliebenen Rehe darauf reagieren. Um solche Erfolge überhaupt zu erkennen, braucht man allerdings eine saubere Streckenbuchführung, aus der man etwa erkennen kann, ab wann und wie hoch die durchschnittlichen Wildbretgewichte ansteigen.


rwj 010 015 aufgang-rehjagd 05 18 seite 2 bild 0002

Schwache Jährlinge sollte man so früh wie möglich erlegen, auch wenn sie noch nicht voll durchgefärbt sind – sonst landen sie vielleicht kurz danach auf der Straße. Fotos (3) : K. - H. Volkmar

Böcke sind der Hirsch des kleinen Mannes – erkanntermaßen Guten sollte man die Chance geben, sich auch zu vererben…

Natürlich sollte man Böcke (und nicht nur die) alt werden lassen. Dennoch fehlt bei wohl keiner Hegeschau zwischen Rhein und Weser bis heute das Jammern von Wildmeistern und Kreisjagdberatern über das Fehlen der alten Böcke. Neben der faktischen Unmöglichkeit, etwa vier- von sechsjährigen Böcken sicher zu unterscheiden, fallen definitiv auch wieder in diesem Mai ungezählte „prahlende“ Jünglinge der schlimmsten Krankheit unter Jägern zum Opfer, der Zucker-Krankheit. Allerdings nicht in Form von Diabetes, sondern der Zucker- Krankheit im Zeigefinger. Sicher erinnern sich die Älteren unter Ihnen noch an die frühere Bockjagdzeit, die erst zwei Wochen später (am 16. Mai) begann – einem wichtigen Feiertag im Kalender ganzer Jäger- Generationen. In den Wochen davor kam es in merkwürdiger Regelmäßigkeit jedes Jahr zur Häufung ungeklärter Kugelschüsse „beim Nachbarn“. Fragte man mal nach („eigentlich wusste jeder, worauf da geschossen wurde“), gab’s meist eine stereotype Antwort – „Anfang Mai am Fuchs vorbei…“ Damit gemeint war eine der schlimmsten Umgangsformen zwischen Jägern – der Jagdneid. Man gönnte seinem Nachbarn (damals gab‘s wirklich Leute, die nannten ihr Nachbar-Revier „das Feindliche“) noch nicht mal das Schwarze unterm Fingernagel. Geschweige denn den guten Bock. Den an der Grenze. Bevor den der Nachbar meuchelte, wurde der eben, an der Wand noch älter.

 

Bei uns gibts heute viel weniger Rehe als früher – und solange so viele auf der Straße überfahren werden, schieß‘ ich überhaupt kein Weibliches.

Vielleicht haben Sie schon einmal von dem berühmten Buch „Brehms Tierleben“ gehört, benannt nach dem Zoologen Alfred Brehm, erschienen erstmals 1876. Als der Verfasser darin auch die heimischen Wildarten katalogisierte, fehlten im ersten Entwurf ausgerechnet Rehe. Weil sie damals in ganz Deutschland als nahezu ausgestorben galten! Dieses für unsere Ohren heute unglaubliche Faktum war der Tatsache geschuldet, dass Rehe eben nicht dem Jagdbann der Herrschenden unterlagen – und von hungernden Bauern mit Hundemeuten erbarmungslos dezimiert wurden.

 

Bis an den Rand der Ausrottung. Doch wenn ältere Jäger heute davon sprechen, früher habe es mehr Rehe gegeben, meinen sie natürlich nicht das Ende des 19. Jahrhunderts, sondern meist die 1950-70er Jahre. Wenn man da „nachmittags um eine bestimmte Waldecke kam, standen da 10 Rehe“. Und heute? Nicht mal mehr eins. Womit ja eindeutige Beweis erbracht wäre, dass es früher ganz einfach eben mehr Rehe gab. Wirklich?

 

Heute werden in Deutschland jedes Jahr rund 1,2 Mio. Rehe erlegt. Soviel wie nie zuvor von Berchtesgaden bis an den Belt. Der „Hirsch des kleinen Mannes“ und seine Sippe zählen ganz unzweifelhaft zu den Gewinnern der Kulturlandschaft. Auf die „Sichtbarkeit“ von Rehen oder gar ihre „Zählbarkeit“ hat das allerdings keine unmittelbare Auswirkung – Rehe sind wahre Großmeister im Verstecken. Nur im Winter stellen sie ihre Sozialstrukturen um und können dann weit draußen im Feld oft in Sprüngen von mehr als 20 Stücken beobachtet werden. Auch heute noch. „Moderne“ Wälder mit gemischten, ungleichaltrigen Beständen hingegen sind perfekte Verstecklandschaften für Rehe, in denen sie nahezu unsichtbar werden. Und auch die immer häufigeren „Jahrhundert-Stürme“ schaffen für Rehe optimale Kombinationen von Schlaf- und Esszimmern, auf engstem Raum. Es gibt also landesweit nicht weniger, sondern „mehr“ Rehe. Nur sind die viel schwieriger zu bejagen als früher.

 

Rehe stellen heute an uns Jäger, unsere Fertigkeit beim Ansprechen, unsere Schießausbildung und Ausrüstung ganz andere Herausforderungen. In aller Ruhe vom Hochsitz aus 10 Rehen ein passendes Stück auszuwählen findet heute nur noch selten statt. Auf engen Schneisen oder Waldwegen muss es meist schnell gehen – und ohne revierübergreifende Bewegungsjagden kommen die 1,2 Mio. Rehe jedes Jahr auch nicht zur Strecke.

 

Matthias Kruse


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.