Seite 1

RWJ 05/2019: KJS Höxter diskutiert beim Kreisjägertag über Wildschäden

Ehrlich miteinander reden statt vor Gericht streiten

Gut 250 Jäger und Landwirte aus dem gesamten Kreisgebiet waren gekommen, um der von Rechtsanwalt und Publizist Florian Asche moderierten Diskussion zu folgen. Sie erlebten einen unterhaltsamen und informativen Vormittag.

referenten brakel id107787

Achim Frohss (stv. Vors. KJS), Roland Schockemöhle (RFA Hochstift), Dr. Florian Asche, Stefan Berens (LWK NRW), KJS-Vorsitzende Britta v. Weichs, WM Peter Markett, RA Stefan Braß und Kreislandwirt Antonius Tillmann (v. l.) diskutierten angeregt. Fotos: F. Höltmann

Kreisjägertage leiden häufig unter mäßiger Beteiligung, doch der KJS Höxter gelingt es seit einigen Jahren, solche Veranstaltungen mit spannenden Podiumsdiskussionen und namhaften Referenten aufzuwerten. Nachdem eine Diskussion über die Rückkehr des Wolfes die Brakeler Stadthalle vor einigen Jahren gut gefüllt hatte, widmete man sich diesmal einem Thema, das nahezu jeden Jäger berührt – Wildschäden. Über 250 Jäger und Landwirte fanden den Weg in die Brakeler Stadthalle – keine schlechte Quote bei etwa 1 000 Mitgliedern. Bei schlechterem Wetter wären sicher mehr Landwirte gekommen, doch viele nutzten das trockene Wetter für die Feldarbeit.

 

Als Moderater hatte Frfr. v. Weichs den Rechtsanwalt und Publizisten Dr. Florian Asche aus Hamburg gewinnen können. Mit ihm diskutierten Wildmeister Peter Markett, Kreislandwirt Antonius Tillmann, Roland Schockemöhle (Leiter Regionalforstamt Hochstift), der auf Wildschäden spezialisierte Rechtsanwalt Stefan Braß und Stefan Berens (LWK NRW). Asche stimmte das Publikum mit einer rechtshistorischen Entwicklung des Wildschadenersatzes ein – ausführlich, aber gut verständlich erklärte er, dass die Landwirte vom Mittelalter bis in die Neuzeit Schäden durch Wild und Jagdausübung zu dulden hatten. Selbst das Vertreiben des Wildes von Äckern und Weiden war unter strenger Strafe verboten. Erst mit Abschaffung der adeligen Jagd im Zuge der Revolution von 1848 kam es zu einem Umdenken.

 

Eine einheitliche Regelung gab es 1935 mit dem Reichsjagdgesetz, das Ulrich Scherping bereits in den 1920er Jahren ausarbeitete. Seitdem wird der Wildschadenausgleich im Jagdpachtvertrag geregelt. Dieses Modell funktionierte sehr lange gut, doch mit steigenden Wildzahlen nahmen auch die Konflikte zu.

 

 

Besser nicht vor Gericht

Anwalt Braß erklärte, das beste Wildschadenverfahren sei jenes, das gar nicht erst stattfände. Wenn Rechtsanwälte hinzugezogen würden, sei es im Vorfeld schon zu schweren Entfremdungen zwischen Pächter und Verpächter gekommen, was im Nachhinein schwer heilbar sei. Daher riet er allen Anwesenden: „Versuchen Sie, einen Interessenausgleich hinzubekommen. Sie müssen ja noch Jahre oder Jahrzehnte miteinander arbeiten und auskommen.“ Auch Antonius Tillmann sprach sich deutlich für einvernehmliche Lösungen aus. Dazu gehört seiner Meinung aber auch, dass Jäger und Landwirte gemeinsam Wildschäden verhindern. „Säen sie am Waldrand Grannenweizen, Gerste oder Triticale statt Weizen.“

 

Peter Markett ergänzte aus jagdlicher Sicht: „Es gibt unter Landwirten eine große Bereitschaft, Bejagungsschneisen im Mais anzulegen. Aber dann müssen da auch Hochsitze stehen, auf denen Jäger sitzen – sonst fällt da kein Schwein um.“ Förster Schockemöhle wünschte sich nicht nur den Dialog zwischen Jagdausübungsberechtigten und Jagdrechtsinhabern, sondern auch zwischen Reviernachbarn: „Nicht immer nur zu viel Wild ist das Problem, sondern oft das falsche Konzept und mangelnde Kommunikation zwischen Nachbarn.“

 


Probleme vor Ort lösen

Asche, der dort selbst jagt, brachte den Gedanken einer Wildschadenausgleichskasse nach mecklenburgischem Vorbild ins Gespräch. Stefan Berens stand der Idee einer Solidarkasse positiv gegenüber, um damit das Konfliktpotenzial zu senken. Landwirt Tillmann lehnte die Idee dagegen ab – Sozialisierung der Kosten trage dazu bei, dass Akteure vor Ort Schäden nicht mehr mit vollem Einsatz eindämmen wollen. Stattdessen solle man sich besser vor Ort direkt in die Augen sehen. Dafür erntete der Bauernvertreter viel Applaus. Doch es gibt nicht nur Wildschäden im Feld, sondern auch Verbiss im Forst. Schockemöhle brachte den Waldumbau in die Diskussion. Gerade im Kreis Höxter verursachte Sturm „Friederike“ massive Schäden – und riss ganze Fichtenwälder in einer Nacht nieder.

 

Jetzt erfolgt der Umbau zu klimastabilen Mischwäldern mit Laubholz, Douglasie oder Weißtanne. Diese Arten seien allerdings „Schokolade fürs Wild“ und müssten entsprechend geschützt werden. Eine Aussperrung des Wildes durch Zäune lehnte der Forstmann ab und setzt stattdessen auf Einzelschutz. Im weiteren Verlauf wurde auch das Publikum einbezogen. Wolf von Metternich, ein von Winterstürmen betroffener Waldbesitzer der Region, bat die Jäger um Mithilfe beim Waldumbau: „Die neuen Baumarten müssen geschützt werden und das geht nicht nur mit Wuchshüllen. Jäger sollten beim Waldumbau die Trophäe hintanstellen." Britta v. Weichs nahm diesen Gedanken auf und erwiderte, dass Jäger weiter ethisch jagen und keine Schädlingsbekämpfung betreiben würden.

 


Seite 2

Wildschaden an Energiepflanzen

asche brakel id107784

Dr. Florian Asche führte sachlich und unterhaltsam durch die Ver­anstaltung – obwohl ihm als Anwalt eigentlich eher die Konfrontation statt der Moderation liegt.

Zur Frage, ob Schäden an Mais für Biogasanlagen ersatzpflichtig seien, erläuterte Rechtsanwalt Braß eine Entscheidung des Amtsgerichts Plettenberg, wonach die betroffene Biogasanlage (GmbH) keine Landwirtschaft sei – und damit kein Wildschaden fällig wäre. Das sei aber der einzige bekannte Fall, seitdem habe kein höheres Gericht ein entsprechendes Urteil gefällt. Man könne im Jagdpachtvertrag modifizierende Regelungen vereinbaren, ansonsten bliebe es bei der Haftung der Jagdgenossenschaft. Antonius Tillmann stellte klar, er wolle „jeden“ Wildschaden entschädigt haben – schließlich wisse er bei Raps auch nicht, ob daraus Öl oder Kraftstoff werde. Markett ergänzte, dass Landwirte in SchleswigHolstein an den Kosten beteiligt würden, wenn sie nicht helfen, den Wildschaden zu verhindern. Moderator Asche griff die Idee auf und gab sie an Anwalt Braß weiter:

 

„Wie weit geht die Pflicht des Landwirtes, zur Wildschadensverhütung beizutragen?“ Braß: „Es gibt keine klare Regelung, aber der Landwirt muss seinen Beitrag leisten. Wenn der Jäger den Wunsch nach einer Jagdschneise äußert, muss der Landwirt diesem Wunsch nachkommen, kann aber für die dazu geschlegelten Reihen Ersatz fordern.“ Gleiches gilt, wenn der Jäger einen Maisschlag einzäunen möchte und dazu ein paar RandReihen geopfert werden müssen. Wenn nicht geholfen wird, müssen Jäger entstehenden Wildschaden auch nicht vollständig ersetzen. Wenn der Landwirt keine Flächen bereitstellt – auch wenn Entschädigung angeboten wird – bekommt er vor Gericht Probleme. Eine rechtliche Verpflichtung zur Einzäunung der Hauptfruchtarten der Region gäbe es aber laut Asche nicht.

 

Laut Stefan Berens sei es förderrechtlich kein Problem, eine Reihe Mais für einen Zaun wegzunehmen –„dann wird immer noch die ganze Fläche mit der Prämie gefördert.“ Wenn ein Beteiligter dies möchte, kann Wildschaden auch erst zum Erntezeitpunkt ermittelt werden.

 


Alternativen zu Mais

metternich brakel id107785

Wolf von Metternich (l. am Mikrofon) warb um Unterstützung beim Waldumbau nach Sturmtief Friederike, das in Fichten­beständen massive Schäden verursacht hatte.

Gibt es eine Alternative zum Mais? Stefan Berens und Antonius Tillmann waren sich einig – keine, die eine vergleichbare Energie liefert. Clemens Frhr. v. Weichs regte an, etwa Silphie anzupflanzen – und die Ertragslücke von Jagdpächtern schließen zu lassen. Das würde aber nur bei Mais für BiogasAnlagen funktionieren – für Milchviehbetriebe, die Mais verfüttern, keine Option. Tillmann ergänzte, dass Mais im Kreis Höxter nur 12 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ausmacht. Zur Fütterung von Vieh sei Mais eine interessante Frucht mit viel Ertrag. Sie kommt auch gut mit Frühjahrstrockenheit zurecht und hilft, Einbußen bei Getreide auszugleichen.

 


Wisente im Wald

Eine Zuhörerin erkundigte sich nach der Auswilderung von Wisenten im Wittgensteiner Land. Peter Markett war sehr betroffen von der Intensität der Wildschäden an nahezu hiebsreifen Bäumen. Der Fall sei mittlerweile ein Politikum und würde in Düsseldorf hinund hergeschoben. Keiner nehme sich der Frage richtig an. Asche prophezeite, dass die Wisente dem Wittgensteiner Land erstmal erhalten bleiben würden – wenn eine Regierung den Abschuss erkläre, gäbe sie zu, dass Interessen der kulturell angestammten Landnutzung wichtiger seien als eine sich ausbreitende Wildart. Gleiches könnte dann auch für Wölfe gelten...

 


In die Augen schauen

Florian Asche schloss die lebhafte Diskussion, deren Tenor die Einvernehmlichkeit zwischen Landwirten, Waldbauern und Jägern unterstrich: „Der Umgang mit Wildtieren ist eigentlich ganz einfach, kompliziert ist der Umgang mit den dazugehörigen Menschen.“ Britta von Weichs schloss die Veranstaltung: „Schauen wir uns in die Augen und sprechen wir miteinander.“

 

„Felix Höltmann“


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.