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RWJ 06/2020: Wildtierseuchen-Vorsorge-Gesellschaft (WSVG)

„Wir sind vorbereitet“

Falls die Afrikanische Schweinepest (ASP) nach NRW kommen sollte, steht die WSVG parat, um Seuchenherde einzudämmen. Dazu gibts ausgefeilte Einsatzpläne und jede Menge Ausrüstung. Der RWJ hat sich das in Hamm mal angesehen.

Wir sind vorbereitet

Die WSVG-Geschäftsführer Christian Stoll (l.) und Marcus Elmerhaus (r.) mit dem LJV-Schalenwild-Beauftragten Jürgen Schulte-Derne vor einem Berge-Quad mit Anhänger, Edelstahlwanne und einem Schwarzwild-Dummy für Übungszwecke.

Das Corona-Virus hält die Welt in Atem. Doch durch die pausenlose Berichterstattung gerät eine andere Seuche aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit – die ASP ist keineswegs gebannt, auch im Frühjahr 2020 gibt es neue Fälle etwa in Westpolen.

 

Doch wenn heute irgendwo in Nordrhein- Westfalen ein mit der ASP infiziertes Stück Schwarzwild gefunden würde, griffen in Abstimmung mit den Kreisveterinär- Ämtern umfangreiche Einsatzpläne zur Seuchenbekämpfung.

 

Dann schlüge die Stunde der Wildtierseuchen- Vorsorge-Gesellschaft (WSVG). Die Notfallgesellschaft wurde allein zur Bekämpfung der ASP in Schwarzwildbeständen gegründet. Träger sind die Bauernverbände im Rheinland (RLV) und in Westfalen-Lippe (WLV), der Landesjagdverband NRW sowie die rheinische und westfälische Hauptgenossenschaft (RWZ und Agravis).

 

Für den Fall der Fälle stehen in einer Halle in einem Gewerbegebiet in Hamm 100 km Elektrozaun samt Schlagpfählen, Toren, Containern, Stromaggregaten, Quads, Desinfektionsmitteln, Schutzkleidung und weiterer Ausrüstung bereit. In einem Lager in Zülpich lagern weitere 50 km Elektrozaun. Zudem stehen qualifizierte Mitarbeiter auf Abruf, sodass Teams sogar an bis zu zwei Ausbruchsherden gleichzeitig aktiv werden könnten.

 

Die Männer gehen aktuell ihren normalen Berufen nach und würden im akuten Fall angefordert. Nur eine kleine Stamm-Mannschaft um die Geschäftsführer Christian Stoll und Marcus Elmerhaus wartet die Ausrüstung kontinuierlich und probt den Einsatz. Die WSVG arbeitet nach dem tschechischen Modell, weil es dort gelungen ist, die ASP nach einem Ausbruch schnell einzudämmen und auszumerzen. Das hat v. a. deshalb funktioniert, weil der Ausbruch recht früh erkannt und dann schnell und konsequent gehandelt wurde.

 

Dabei war der Bau eines stromführenden Zauns in Verbindung mit absoluter Ruhe im Kerngebiet die effektivste Maßnahme. Innerhalb des Zauns wurde nicht gejagt, Spaziergänger hatten keinen Zutritt, die Land- und Forstwirtschaft ruhte. Den Bauern wurde die Ernte ersetzt, die nicht eingefahren wurde. Das alles geschieht, damit Sauen im Gebiet bleiben und das Virus nicht weiter verbreiten. Die WSVG ist darauf vorbereitet, Sauen im Kerngebiet sogar zu füttern und im Sommer mit Wasser zu versorgen, damit sie keinen Anlass haben, das Gebiet zu verlassen.

 

Verendete Sau – keine Panik!

Wir sind vorbereitet

Verendete Sauen können in abgedichteten Konfiskat-Tonnen geborgen und der Tierkörperbeseitigung zugeführt werden.

Wenn ein verendetes Wildschwein im Revier gefunden wird, gilt als wichtigster Punkt: Ruhe bewahren! Über die Notrufnummer 112 wird der zuständige Kreisveterinär informiert. Der leitet alle weiteren Schritte ein. Das Stück Schwarzwild wird dann von sachkundigen Personen geborgen und untersucht. Sollte sich der Verdacht auf ASP erhärten, tritt ein Krisenstab auf Ebene des Kreises bzw. der kreisfreien Stadt zusammen. Jetzt wird das gefährdete Gebiet festgelegt. Der Krisenstab leitet dann u. a. eine diskrete Kadaversuche ein. Das bedeutet, dass WSVG-Mitarbeiter mit ortskundigen Jägern um den Fundort gezielt Suhlen, Wasserläufe und bekannte Einstände absuchen. Denn kranke Sauen bekommen Fieber und ziehen daher oft ans Wasser, um sich Linderung zu verschaffen.

 

Durch die Suche bekommt der Amtsveterinär eine Übersicht über die Situation. Dabei wird versucht zu klären: Gibt es weitere Kadaver, wurden Kadaver am Rand oder im Zentrum des Ausbruchs gefunden, seit wann kursiert das Virus im Sauenbestand ?

 

Auf dieser Grundlage wird später die Einzäunung des Gebietes vorbereitet. Werden weitere Kadaver entdeckt, transportieren WSVG-Mitarbeiter diese in speziellen Edelstahlwannen und Kunststofftonnen ab. Die Fundstellen werden etwa mit Kalk desinfiziert.

 

Geschäftsführer Stoll erklärt im Gespräch mit dem RWJ: „Wir sind auf die Hilfe ortskundiger Jäger angewiesen, zwingen aber niemanden zur Mitarbeit.“ Jeder Revierinhaber kann schon jetzt eine Revierkarte mit Einständen, Suhlen, Wasserläufen und Hauptwechseln anlegen und diese dem Kreisveterinär aushändigen, wenn der Notfall eintritt.

 

Wichtig ist, dass die Nachrichten nicht über soziale Medien wie WhatsApp verbreitet und Katastrophen-Touristen angelockt werden, die die Arbeit der Fachleute erschweren oder infizierte Sauen aufmüden – und damit das Virus verbreiten. Anschließend legt der Amtsveterinär die einzuzäunende Kernzone fest. Die WSVG baut dann den Zaun und kontrolliert ihn täglich, indem er von Mitarbeitern abgelaufen wird. Die Zäune haben SMS-Melder, die informieren, wenn etwa ein Ast auf die Litzen fällt oder sich jemand daran zu schaffen macht. Nicht ohne Grund: Anderenorts wurde die wertvolle Technik schon Beute von Dieben. Über den SMS-Alarm wären in unmittelbarer Umgebung des Zauns stationierte Kontrolleure sehr schnell vor Ort. Die Techniker können den jeweiligen Abschnitt per SMS abschalten, reparieren und per SMS wieder Saft auf die Litzen geben.

 

Ein Diesel-Aggregat versorgt dabei rund 3 km Elektrozaun. Am Ende jedes Abschnitts wird eine zwei Meter breite hölzerne Planke zwischen die Elemente gestellt, um Überspannung und Stromschlag zu verhindern. Die Aggregate selbst werden in massiven Metallkisten gegen Diebstahl gesichert.

 

Dabei muss beachtet werden, dass man große Straßen nicht sperren kann. Wirtschaftswege werden allerdings im Zweifel dichtgemacht. Dabei gilt es, für Akzeptanz in der Bevölkerung zu werben.

 

Wo kein Stromzaun aufgestellt werden kann, arbeitet die WSVG mit überfahrbaren Gittern (bis 20 t Nutzlast), die man von Almen kennt und die Schalenwild nicht überwinden kann.

 

Innerhalb der Kernzone wird nicht gejagt. Die Sauen sollen dort bleiben und das Virus nicht verbreiten. Revierpächter werden von der Wildschadenersatzpflicht entbunden. Sobald der Zaun steht, sollen alle Sauen außerhalb davon getötet werden. Den Radius legt der Kreisveterinär fest.

 

Dabei geht es nicht mehr um Jagd, sondern um reine Seuchenbekämpfung. Regeln der Waidgerechtigkeit werden in diesem Fall außer Kraft gesetzt (s. RWJ 2/2020). Für diese Aufgabe steht eine Einsatzgruppe des LANUV zur Verfügung, die sich aus Landesforstbediensteten mit Jagdschein rekrutiert.

 

Alle in der Kernzone gefundenen Sauen werden beprobt und anschließend in der Tierkörperbeseitigungsanlage verbrannt.

 

Landwirte, Jäger und Beamte hoffen, dass Nordrhein-Westfalen von der ASP verschont bleibt. Doch es ist wohl eher die Frage, wann die Seuche zu uns kommt und nicht, ob sie überhaupt eingeschleppt wird.

 

Für den schlimmsten Fall ist Nordrhein- Westfalen mit der WSVG und der tatkräftigen Unterstützung der Jäger vor Ort gut vorbereitet.

 

Felix Höltmann


Wir sind vorbereitet

Wir sind vorbereitet

Desinfektion ist oberstes Gebot: Die Fahrzeuge führen Desinfektionsmittel mit und werden nach dem Einsatz gesäubert, um das Virus nicht zu verschleppen.


Wir sind vorbereitet

Fundstellen können auch von Hand mit Kalk desinfiziert werden.


Wir sind vorbereitet

Am Ende einer 3 km langen Elektrozaun-Einheit trennen 2 m breite Holzelemente die verschiedenen Stromkreisläufe gegen Überspannung.


Wir sind vorbereitet

Schalenwild kann diese Überfahrsperre nicht überwinden. Aber sie trägt bis zu 20 t schwere Fahrzeuge. So können wichtige Straßen für Sauen blockiert werden und für den Verkehr geöffnet bleiben.


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