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RWJ 03/2021: Schwarzwildgatter Lippstadt (SO)

Hunde an Sauen einarbeiten

Wer seinen Hund zur Jagd auf Schwarzwild einsetzen möchte, sollte den Jagdbegleiter zuvor unbedingt in einem Gatter einarbeiten, wo der Umgang mit dem wehrhaften Wild unter kontrollierten Bedingungen erlernt werden kann. Für Jäger aus Nordrhein-Westfalen besteht dazu die Möglichkeit in Lippstadt (SO).

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Bevor ein Hund an Sauen arbeitet, sollte er im Schwarzwildgatter eingearbeitet werden. Am Prägungskorridor können junge Hunde ohne direkten Kontakt erste Eindrücke bekommen.

Schwarzwildgatter haben sich bewährt, um Hunde zur Jagd auf Sauen einzuarbeiten. Dort kann man schon junge Hunde unter kontrollierten Bedingungen an Sauen heranführen. Dabei lernen sie, wie sich Sauen verhalten – und dass sie durchaus wehrhaft sind. Damit wird verhindert, dass sich Hunde auf der Drückjagd blindlings auf die Schwarzkittel stürzen und schlimmstenfalls schwer geschlagen werden.

 

Ursprünglich kommt die Idee von Schwarzwildgattern aus der ehemaligen DDR, wo das Konzept seit den 1970er- Jahren erprobt und ausgebaut wurde. Daher trifft man solche Einarbeitungsgatter bis heute verstärkt im Osten Deutschlands an. Erst in den vergangenen Jahren wurden unter Federführung der Landesjagdverbände auch in den alten Ländern neue Gatter errichtet. In NRW reifte ein solcher Gedanke vor etwa zehn Jahren. Dabei fiel die Wahl auf ein verkehrsgünstig gelegenes Gelände an A 2, A 44 und A 1 in Lippstadt.

 

 

Zehdenicker Modell

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Die ehrenamtlichen Helfer des Schwarzwild­gatters Lippstadt stehen Hundeführern bei der Einarbeitung mit Rat zur Seite.

Die Hunde werden nach dem Zehdenicker Modell, nach dem alle Schwarzwildgatter in Deutschland arbeiten, in vier Phasen eingearbeitet. Im Idealfall kommen junge Hunde, noch bevor sie geschlechtsreif werden, um am Prägungskorridor. erste Bekanntschaft mit Sauen zu machen. Dort befindet sich eine Rotte in einem eingezäunten 45 x 4 m langen Gehege. Die Hunde können von außen gefahrlos an den Zaun vordringen und dort erstmals Sauen begegnen.

 

Im Arbeitsgatter wird der Hund in Phase 1 zunächst an der Feldleine in dem 2 ha großen Arbeitsgatter gezielt an das Schwarzwild herangeführt. Wenn er dort angemessenes Verhalten zeigt – weder zu aggressiv noch zu ängstlich ist – und durch Scheinangriffe der Sauen erfahren hat, dass es sich um wehrhaftes Wild handelt, wird dem Hundeführer empfohlen, seinen Hund zu schallen (Phase 2). Da die Sauen sehr erfahren sind, stellen sie sich nämlich sofort und starten Attacken, wenn der Hund eine gewisse Distanz unterschreitet. Dadurch lernt dieser sein Verhalten anzupassen, auszuweichen, zu taktieren und erneut die Sauen zu bedrängen. Die Arbeit im Gatter ist auf insgesamt 15 Minuten begrenzt, direkt an den Sauen darf lediglich fünf Minuten gearbeitet werden. Danach lernt der Hund auch nicht mehr, jede zusätzliche Minute wäre kontraproduktiv.

 

Bis zur nächsten Einheit sollten vier bis sechs Wochen ins Land gehen. In der dritten Phase wird der Führer an eine Stelle im Gatter gebracht, die Sauen befinden sich irgendwo auf dem Areal. Der Hund wird mit Unterstützung des Führers an die Sauen herangeführt. „Wenn er ihnen zu nahe kommt, beginnen die Sauen ihre Scheinangriffe bzw. Attacken. Dabei kann es zu einem direkten Kontakt mit dem Hund kommen, wobei dieser dann zu der gewünschten Verhaltensanpassung gebracht wird“, erklärt Gattermeister Gerd Eckel.

 

In der vierten Phase muss der Hund die Sauen innerhalb von fünf Minuten selbstständig im Gatter finden und mindestens drei Minuten an ihnen arbeiten.

 

Schutzwesten sind erlaubt, aber nicht vorgeschrieben, ihr Einsatz liegt im Ermessen der Hundeführer. Westen kann man in Lippstadt kostenfrei ausleihen.

 

Der Schutz von Sauen und Hunden wird in allen Gattern großgeschrieben. Deshalb ist in den Leitlinien der Kompetenzgruppe Schwarzwildgatter klar geregelt, dass maximal sechs Hunde am Tag, vier Mal pro Woche und 120 Tage im Jahr an Sauen arbeiten dürfen. Das Gatter in Lippstadt erreicht diese Höchstwerte nicht, da dort zwei Rotten im Einsatz sind. Im März 2018 ist dem Schwarzwildgatter die Zertifizierung seitens der Kompetenzgruppe nach umfangreichen Prüfverfahren bestätigt worden.

 

 


Wissenschaftlich untersucht

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Im Arbeitsgatter werden die Hunde mit direktem Kontakt zu den Sauen eingearbeitet. Die Schwarz­kittel sind die Situation gewohnt, Verletzungen kommen praktisch nicht vor.

Die Hundearbeit im Gatter wurde zudem wissenschaftlich untersucht. In einer Dissertation zur Stressbelastung von Wildschweinen bei der Ausbildung von Hunden im Schwarzwildgatter kommt Dr. Ralf Erler zum Schluss, dass der Cortisolspiegel der Sauen das tierschutzkonforme Maß nicht übersteigt und nach kurzer Eingewöhnung im Gatter keine Stress-Symptome feststellbar sind.

 

Im vergangenen Jahr wurden von 811 eingearbeiteten Hunden lediglich drei leicht verletzt.

 

 


Woher reisen die Gespanne an?

Die überwiegende Zahl der Gespanne kommt aus NRW, aber es reisen auch Hundeführer aus Rheinland-Pfalz, Hessen, dem westlichen Niedersachsen sowie den Benelux-Staaten an.

 

Die Sauen stammen aus Wildtiergehegen in Neuhaus (Solling) und Warstein. Es handelt sich um Schwarzkittel aus je einem Wurf mit einem kastrierten Keiler und 3 Geschwisterbachen bzw. einem kastrierten Keiler und 2 Geschwisterbachen, die mit etwa sechs Monaten ins Gatter gekommen sind. Dort wurden sie erst einmal intensiv an die Übungsleiter gewöhnt. Mit frühestens etwa einem Jahr werden vorgesehene Sauen an den Einsatz vorbereitet und kommen später über den Probe- in den Übungsbetrieb.

 

Das Gatter übernimmt keine wild gefangenen Sauen, da diese schwer einzugewöhnen sind. Deshalb müssen Wildfänge, die immer mal von Jägern angeboten werden, abgelehnt werden.

 

Es kommt auch immer wieder vor, dass beherzte Waidgenossen verwaiste Frischlinge mit der Flasche aufziehen und die Tiere später dem Gatter anbieten. Diese werden aus grundsätzlichen Über legungen aber nicht angenommen, obwohl es Berichte gibt, dass die Handaufzucht funktionieren kann. Da Sauen im Gatter durchaus 10 Jahre und älter werden können, gibt es für die aktuelle „Belegschaft“ noch keine Rentenregelung, scherzte Geschäftsführer Hubert Falkenstein im Gespräch mit dem RWJ.

 

 


Ab wann ins Gatter?

Junge Hunde sollten bis zur Geschlechtsreife an den Prägungskorridor herangeführt werden. Danach können Hunde am Arbeitsgatter mit der Feldleine erste Erfahrungen sammeln. Anschließend erfolgen die weiteren Schritte.

 

 


Wie meldet man sich an?

Am besten lässt sich ein Termin online buchen. Dort muss der Hundeführer Erklärungen zur Gesundheit und dem vorgesehenen Jagdeinsatz abgeben, also wie der Hund auf Sauen eingesetzt werden soll. Das ist übrigens auch dann möglich, wenn Schwarzwild in ihrem Revier nur Wechselwild ist, ein Vorstehhund aber trotzdem vorbereitet sein soll, falls er auf der Treibjagd trotzdem an Sauen kommen sollte.

 

Bei Stornierung eines vereinbarten Termins gibt es keine Erstattung, außer der Termin kann neu besetzt werden.

 

Die Arbeit am Prägungskorridor kostet LJV-Mitglieder 15 € (Nichtmitglieder: 25 €), im Arbeitsgatter kostet es 35 € (50 €) Einmal im Vierteljahr findet sonntags ein Welpentag statt, der online bekannt gegeben wird. Dabei sind 10 Hunde zugelassen, meist sind diese Plätze schon nach 20 Minuten vergeben (60 €).

 

 


Kritik: Nicht realitätsnah

Immer wieder kritisieren Waidmänner, die Ausbildung sei nicht wirklichkeitsnah. Dem entgegnet Eckel: „Da sich die Sauen aufgrund ihrer großen Erfahrung dem Hund im Gatter sofort stellen, ist eine sehr gezielte Einarbeitung möglich. Sehr scharfen Hunden gelingt es natürlich auch, die Schwarzkittel auf die Läufe zu bringen. Sie stellen sich aber wieder sehr schnell und der Hund erfährt erneut, wie er sich, ohne Schaden zu nehmen, verhalten muss, um in der rauen Jagdpraxis bestehen zu können.

 

Weitere Informationen: www.swg-lippstadt.de


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