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RWJ 12/2018: 2. Bürgerversammlung zum Wolfsgebiet am Niederrhein

Wölfin spaltet Bevölkerung

Bei einer zweiten Bürgerversammlung versuchte das Landesumweltamt LANUV in Hünxe (WES) die Wogen zu glätten, nachdem die Situation um eine Wölfin seit der letzten Versammlung deutlich an Dynamik gewonnen hatte.

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Volle Hütte in Hünxe – mehr als 300 Besucher wollten wissen, wie es mit dem Wolf am Niederrhein weitergehen soll. Fotos: F. Höltmann

Die Grauhündin hatte nicht nur den zwei Meter hohen Zaun eines Damwildgeheges überwunden und dort 10 Tiere gerissen, sondern war Anfang November am helllichten Tag durch Vorgärten in Kirchhellen (BOT) gezogen und dort mehreren Menschen über den Weg gelaufen – beides Fälle, die eigentlich gar nicht passieren dürften. Dennoch betonten Experten von Behörden und Umweltverbänden gebetsmühlenartig, dass der Wolf ein scheues Lebewesen sei und Begegnungen mit Menschen vermeide. Leider passen diese Erkenntnisse nicht zu den Sichtungen der Vergangenheit – in Ostdeutschland, Niedersachsen und jetzt in auch Nordrhein-Westfalen. Auch wenn dies in den Leitmedien des Landes nicht groß thematisiert wird – auch in Ostwestfalen gibt es mittlerweile ganz offensichtlich einen standorttreuen Wolf im Bereich des Truppenübungsplatzes Senne und in der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock (GT), regelmäßige Nachweismeldungen auf www.wolf.nrw bezeugen dies.

 

Die erste LANUV-Versammlung zur Information über die sesshaft gewordene Wölfin war ziemlich turbulent verlaufen. Mitte November gab man sich mehr Mühe. Dr. Matthias Kaiser (LANUV) und Britta Kraus (Bezirksregierung Münster) referierten über das Portal www.wolf.nrw und Fördergelder. Die Sorgen der anwesenden Tierhalter sollten mit einer Aufstockung der Entschädigungen abgemildert werden. Nicht nur Risse und Tierarztkosten, auch Vorbeugemaßnahmen wie Zäune bezahlt das Land nun in voller Höhe – die damit verbundene Arbeitsleistung allerdings nicht, was zu Unmut bei den Tierhaltern führte. Auch Fragen zur alltäglichen Praxis konnten nicht ausreichend beantwortet werden. LANUV-Präsident Dr. Thomas Delschen betonte, dass das Landesamt keine eigene politische Agenda habe, man sammele lediglich Fakten. Er bat eindringlich darum, dem LANUV Wolfssichtungen zu melden, nur dann könnten seine Mitarbeiter aktiv werden. Mitteilungen in der Presse oder in Online-Foren brächten niemandem etwas. Delschen stellte klar: „Wenn die Gesellschaft will, dass sich der Wolf wieder ansiedelt und vermehrt, muss sie auch dafür sorgen, dass Belastungen für Tierhalter abgemildert werden.“ Landwirt Hartmut Neuenhoff aus Schermbeck-Damm (WES) wies darauf hin, dass die Wölfin ständig Nutztiere risse. Damit müsse man sie konsequenterweise als Problemwolf einstufen. Dem widersprach Matthias Kaiser vehement. Zwischen einzelnen Nutztier-Rissen habe es immer wieder einige Tage ohne Risse gegeben. In dieser Zeit habe die Wölfin nicht gehungert, sondern Wild gefressen – insofern könne man sie nicht als Problemwölfin einordnen.

 

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Dr. Matthias Kaiser (l.) vom LANUV stellte sich den Fragen der Bürger und Tierhalter.

Als die Sorge geäußert wurde, dass Kinder nicht mehr im Wald spielen könnten, erklärte Matthias Kaiser, dass heute niemand mehr Kinder mit Schafherden in den Wald schicke wie vor 70 Jahren. Außerdem ließe er seine Kinder im Sommerurlaub in Kroatien mit gutem Gewissen auch in Wolfsgebieten unbeaufsichtigt spielen. Berufsschäfer Maik Dünow (hält 1 000 Mutterschafe) beklagte, dass Entschädigungsregeln des Landes zwar Hobbyhaltern helfen, ihm aber nicht. „Ich bräuchte 10 Herdenschutzhunde und weiß nicht, wie ich meine Schafe schützen soll. Es macht einen Unterschied, ob ein Wolf in einen Pferch mit fünf oder mit 500 trächtigen Mutterschafen springt.“ Wenn der Wolf um Schafe herumstreife, würden rund 20 Prozent der Lämmer schon vor der Geburt sterben. Am Ende bemühte sich NABU-Chef Josef Tumbrinck um ein Schlusswort.

 

Die Erfahrungen, die man jetzt um Hünxe mache, könnten in Zukunft an anderen Standorten in NRW helfen. Fraglich, warum man nicht auf die Erfahrungen in Brandenburg zurückgreift, wo seit 20 Jahren Wölfe leben und wo die Situation mittlerweile eskaliert. Holger Jaensch (Drevenack/WES) erklärte, dass er Wölfe auf der Jagd in Brandenburg gesehen und als sehr scheu erlebt hätte. Für Tierhalter sei er sicher problematisch, Spaziergänger bräuchten sich aber keine Sorgen zu machen. Diese Äußerung rief sowohl höhnische Rufe als auch lauten Applaus hervor. Wolfsbefürworter und -kritiker waren im Publikum etwa gleich stark vertreten. Auch dieser Abend zeigte, dass der Riss nicht nur in Hünxe und Umgebung quer durch die Gesellschaft geht. Felix Höltmann


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