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RWJ 10/2015: Bonner Jägertag

Neuer Rahmen für die Jagd in NRW

Der 38. Bonner Jägertag befasste sich mit praktischen Auswirkungen des neuen Landesjagdgesetzes.

 

Fuchsbejagung in NRW – Anspruch und Wirklichkeit

Schlitzpupille, teilweise einziehbare Krallen, lange Hinterläufe und ein geducktes Anschleichen und Schwanzzucken vor dem Mäusesprung machen den Fuchs zur Katze unter den Hunden. Doch trotz dieser Anpassungen ernähren sich Füchse von Müll genau wie von Regenwürmern oder Kaninchen – je nach Angebot. Füchse verhalten sich überall anders, Stadtfüchse leben eher in hierarchischen Gruppen, bei geringer Dichte treffen sich Füchse seltener und respektieren Streifgebiete.

 

Bei der Betrachtung der NRW-Strecke fällt auf, dass sich erlegte Füchse seit Mitte der 1980er Jahre (rund 25 000) bis zur Jahrtausendwende (50 000) verdoppeln und tot aufgefundene Füchse von 600 auf 3 000 verfünffachten. Mithilfe regional über mehrere Jahre erfasster Besätze und fuchstypischer Kenngrößen lässt sich eine Populationsgröße plausibel schätzen. Danach leben in NRW aktuell zwischen 90 000 und 130 000 Füchse. Höchste Dichten (bis 12 je 100 ha) erreichen Städte (D, W, OB, BO, GE, E, DU), im Offenland sind die Dichten mit einem Fuchs deutlich geringer (WAF, COE, ST, BOR). Füchse werden u. a. bejagt, um Rebhuhn oder Hase zu schützen. Toleriert man in Niederwildrevieren etwa Verluste durch Füchse in Höhe von 10 Prozent, darf die mittlere Dichte pro 100 ha bejagbarer Fläche einen Fuchs nicht überschreiten.

 

Unter dieser Annahme ist die Fuchsdichte in ganz NRW zu hoch. Regional wird mehr als das Vierfache des über genutzte Baue und bestätigte Gehecke ermittelten Besatzes erlegt, um allein die Zuwanderung abzuschöpfen. Erst wenn die Gesamtsterblichkeit auf über 90 Prozent steigt, nimmt der Besatz nicht mehr zu. Der Anteil erlegter Füchse am Gesamtbesatz dürfte landesweit bei etwa 50 bis 60 Prozent liegen.

 

Mit der Jagdrechtsnovelle sind zwei bekannte Jagdarten auf den Fuchs in NRW verboten – Totfang und Baujagd, wobei für die Jagd im Kunstbau unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit einer zeitweisen Erlaubnis besteht – welche Auswirkungen dies auf die Fuchsbejagung hat, wird sich zeigen.

 

Dr. Thomas Gehle

 

Schalenwild-Einfluss auf den Wald (Wildmonitoring in NRW)

Bislang wurde der Einfluss von Schalenwild auf den Waldzustand in NRW qualifiziert geschätzt. Zur Sicherung eines artenreichen, gesunden und klimaresistenten Waldaufbaus ist der Wildbestand anzupassen. Das Wildmonitoring im Landesbetrieb Wald und Holz NRW liefert dafür Fakten durch die Anlage von Weisergattern, eine Schälschadensanalyse und Verbissmonitoring. Alle Erhebungen werden in einem Verbissgutachten gewichtet. Zur Anschauung der natürlichen Waldentwicklung mit und ohne Schalenwildeinfluss wurden 2012 Weisergatter angelegt. Darauf erfolgten pflanzensoziologische Vegetationsuntersuchungen, wobei man schon signifikante Veränderungen feststellte.

 

In Verbreitungsgebieten von Rot-, Sika-, Dam- u. Muffelwild im Staatswald NRW wurden Schälschadensanalysen durchgeführt. Bei der ersten Vollaufnahme 2013 wurden an 2 500 Stichprobenpunkten und 45 000 untersuchten Probebäumen Schälquote und -intensität ermittelt. Danach liegt Schälschaden bei der Buche am Limit und bei Fichten zu hoch. 2015 begann die Verbissanalyse, die Erhebung in 343 staatlichen Jagdbezirken und 110 000 ha in 10 Regionalforstämtern ist abgeschlossen, die Auswertung zeigt erhebliche regionale Unterschiede. Die Hauptbaumarten Fichte und Buche weisen überwiegend, soweit sie aus Naturverjüngung hervorgegangen sind, nur geringe Verbissbelastung auf. Arten wie Bergahorn, Esche, Kirsche oder Eiche stehen dagegen unter starkem Verbissdruck, sodass ihre Etablierung in Mischbeständen gefährdet ist.

 

Die Analysen werden in einer Datenbank (Wildlife App) zusammengefasst und ins Geographische Informationssystem NRW eingebunden. Ampelkarte und Verbissgutachten folgen. Informationen sind auf der Ebene der Jagdbezirke, Forstreviere, Kreise oder Regierungsbezirke abrufbar.

 

Manfred Gertz

 


Prädatorenmanagement in der Dümmerniederung

Die Dümmerniederung zählt zu den wichtigsten Brut- und Rastgebieten für Wiesenvögel der Norddeutschen Tiefebene. Über 2 500 ha Niedermoorgrünland und Randbereiche wurden in öffentliches Eigentum überführt und vernässt. Die Flächen werden als Wiesen und Weiden genutzt. Die Nutzungsfreigabe erfolgt anhand der Ergebnisse alljährlicher Brutvogelkartierungen, sodass bewirtschaftungsbedingte Verluste von Gelegen und Küken nahezu ausgeschlossen werden können. So entstanden große, zusammenhängende Feuchtgrünlandgebiete mit optimalem Lebensraum für Kiebitz, Uferschnepfe und Brachvogel.

 

Besonders durch hohe Prädation erreichten diese Arten in den zurückliegenden Jahrzehnten dennoch nur geringe Bruterfolge. Telemetrische Untersuchungen an Uferschnepfenküken zeigten, dass der Großteil der Verluste durch Raubsäuger verursacht wurde. Seit 2010 reduzieren örtliche Jagdausübungsberechtigte mit Fallen Raubsäugern im südlichen Dümmer. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen Bruterfolgen im Projektgebiet mit Prädatorenmanagement und dem Vergleichsgebiet ohne Prädatorenmanagement. Zur Verbesserung des Erhaltungszustandes der Wiesenvogelpopulationen im gesamten Dümmer wurde das Projekt 2014/2015 in die nördliche Niederung ausgedehnt.

 

Dr. Marcel Holy

 


Tierschutz und Fangjagd - fachliche Grundlagen und Rechtsbedingungen in Europa

Lebendfallen sollen Tiere unversehrt lebend fangen und gefangen halten – in der professionellen Schädlingsbekämpfung, beim Fischfang, im Rahmen der Jagd, für wissenschaftliche Zwecke und in Artenschutzprojekten. Zur verantwortungsbewussten Nutzung muss man Tierschutzaspekte berücksichtigen, denn niemand darf Tieren ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Schäden oder Leiden zufügen. Gefragt sind Regelungen, die tierschutzgerechte Konstruktionen und deren verantwortungsbewusste Nutzung vorgeben und kontrollieren.

 

Rechtliche Grundlagen dafür finden sich im Tierschutzgesetz und im Übereinkommen über internationale humane Fangnormen. In diesem Übereinkommen zwischen der Europäischen Gemeinschaft, Kanada und der Russischen Föderation werden Rechtsvorschriften gefordert, die Prüfung und Genehmigung von Lebendfallen unter Prämisse des Tierwohls vorschreiben. Beim Verhalten des Tieres wird auf eventuelle Bissreaktionen gegen eigene Körperteile geachtet und auf übermäßige Immobilität bzw. Reaktionsmangel. Insgesamt müssen dazu mindestens 20 Individuen einer Zieltierart je Fallentyp gefangen und beurteilt werden.

 

Mit der „Krefelder Fuchsfalle“ wurden über vier Monate 15 Waschbären, 3 Steinmarder, ein Fuchs und ein Dachs gefangen und röntgenologisch, pathologisch und histologisch untersucht. Bisherige Ergebnisse deuten darauf hin, dass die AIHTS-Richtlinien erfüllt sind und tierschutzgerechter Fang damit möglich ist.

 

Prof. Dr. Michael Lierz, TÄ Luisa Ziegler

 


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Bonner Jägertag 2015

Pilotprojekt „Berufsjäger in einer Hegegemeinschaft“

Der Davert-Hochwildring ist eine gemeinnützige Hegegemeinschaft im Münsterland. Dem Zusammenschluss sind 57 Reviere mit 15 000 ha angeschlossen (COE, WAF, MS), neben Dam- und Schwarzwild kommt sämtliches Niederwild vor. 2001 stellten das NRW-Umweltministerium, der Bundesverband Deutscher Berufsjäger und der Davert-Hochwildring zur professionellen Betreuung der Reviere im Rahmen eines Pilotprojektes einen Berufsjäger hauptamtlich ein. Die Finanzierung erfolgt anteilig aus Mitteln der Jagdabgabe, einem Eigenanteil der Revierinhaber und Sponsorengelder.

 

Es stellte sich schnell heraus, dass neben ursprünglicher Aufgaben einer Hegegemeinschaft wie Aufstellen und Überwachung des Abschussplanes, viele weitere wichtige Planungen und Tätigkeiten unternommen werden müssen. Schwerpunkte sind Abschussplanung, Planung revierübergreifender Drückjagden, Wildschadensaufnahme, Bewertung und Beseitigung der Schäden, Wildackerplanung und Bestellung, Ausgleichsund Fördermaßnahmen, Verwertung und Vermarktung von Wildbret, Nachsuchen- Organisation, Fortbildung der Mitglieder, Förderung der Gemeinschaft, Zusammenarbeit mit Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft, Schweinepestvorbeugung.

 

Die Erfahrungen mehrjähriger, effektiver, revierübergreifender Schalenwildbejagung sind wichtige Grundlage zur Schulung und Information der Jäger. Für Anerkennung und Akzeptanz bei den Betroffenen ist es wichtig, dass es sich um Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis handelt, sodass Maßnahmen schnell und effektiv umgesetzt werden können. Diese Erfahrungen konnten sehr gut entwickelt werden, da der Berufsjäger bei Revierinhabern, Land- und Forstwirten, Behörden und Naturschutz hohes Ansehen genießt. Die Erfahrungen des Pilotprojektes zeigen eindrucksvoll, dass sich mit Unterstützung eines Berufsjägers überhöhte Wildbestände abbauen lassen, Wildlebensräume verbessert werden können und mit Jägern vor Ort eine funktionierende Gemeinschaft aufgebaut werden kann. Die professionelle Betreuung einer Hegegemeinschaft durch einen Berufsjäger hat sich absolut bewährt.

 

Planung, Organisation und Durchführung der vielen wichtigen Aufgaben, die Jagd erst zukunftsfähig machen, lassen sich allein ehrenamtlich kaum verwirklichen. Besonders Schalenwild muss revierübergreifend professionell bewirtschaftet werden, um nachhaltig positive Ergebnisse für Wild, Lebensraum und Jagd erzielen zu können. Das Pilotprojekt hat sich zum Vorzeigemodell in NRW und darüber hinaus entwickelt.

 

Wildmeister Peter Markett

 


Gutachten - Schlüssel zur Nachhaltigkeit der Jagd

Zentrale Aufgaben von Hegegemeinschaften sind gemeinsame Wildbestandserfassung, Bejagungsplanung, Lebensraumgestaltung und Abstimmung mit Grundeigentümern und Tourismus – kurz formuliert, die Balance zwischen Wild und Lebensraum und ein umfassender Ausgleich der Interessen. Lebensraumgutachten sind dazu ein wichtiger Schlüssel. Dazu sind eine umfassende Situationsaufnahme, Bewertung, Zielformulierung und Maßnahmen der Schlüssel zum Erfolg. Lebensraumgutachten zu verschiedenen Zielen und Themen sind die Grundlage zu Empfehlungen für die Praxis unter den aktuellen Rahmenbedingungen.

 

Dr. Michael Petrak

 


Agrarumweltmagnahmen und Greening in der Landwirtschaft - Chancen im Feldrevier

Sinkende Strecken und Bestände beim Niederwild werden intensiv diskutiert, ohne einen Hauptgrund dafür ausmachen zu können. Das EU-Greening für landwirtschaftliche Betriebe schürte viele positive Erwartungen. Landwirte können dieses Greening auf fünf Prozent ihrer Ackerfläche mit verschiedensten Maßnahmen erfüllen: Stilllegung, Pufferstreifen an Gewässern, Feldrändern oder Wald, Zwischenfrüchte, Leguminosenanbau oder Landschaftselemente.

Die Stilllegung von Ackerflächen ist grundsätzlich zu begrüßen. Der vorgeschriebene Aussaattermin (1. April) liegt v. a. auf schwereren Standorten deutlich zu früh. Auch bedingt die jährliche Mulchverpflichtung nach dem 30. Juni die Zerstörung herrlicher Winterdeckung. Pufferstreifen können wie Stilllegungen mit Wildackermischungen bestellt werden. Auch dabei ist der Aussaattermin 1. April einzuhalten, die Mulchverpflichtung besteht ebenfalls. Diese Beschränkungen sind für beide Maßnahmen neu zu überdenken!

 

Der Anbau von Zwischenfrüchten wird am häufigsten gewählt. Dazu müssen knapp 17 Prozent der Ackerfläche bis zum 1. Oktober mit Zwischenfruchtmischung bestellt werden. Eine gute Winterdeckung auf breiter Fläche hilft, gerade die Verluste durch Prädatoren zu verringern. Ein Umbruch zur Frühjahrsbestellung findet häufig vor oder in der Brutund Setzzeit statt. Der positive Effekt der Nistplatzdeckung kommt nicht zum Tragen. Durch die Beantragung der Landschaftselemente wird kein zusätzlicher Brut- und Rückzugsraum für Niederwild geschaffen.

 

Leguminosenanbau wird wegen der geringen ökonomischen Leistung kaum beantragt und ist zu vernachlässigen. 2015 lief eine neue Förderperiode für Uferrand-, Blüh- und Schonstreifen an. Diese Agrarumweltmaßnahmen sind für Niederwild und Landwirte lohnenswert. Zusätzliche Prämien für Landwirte schaffen neben der Anerkennung als Greeningfläche eine hohe Akzeptanz. Eine gute Winter- und Nistplatzdeckung ist dadurch gegeben.

 

Stefan Pröbsting

 


Rechtsgrundlagen und Perspektiven für Hegegemeinschaften

Ziel der Novelle des Landesjagdgesetzes war eine Verbesserung des Tier- und Artenschutzes und der Schutz des Waldes vor überhöhten Wildbeständen. Hegegemeinschaften dienen der jagdbezirksübergreifenden Bejagung nach einheitlichen Grundsätzen. Sie sind für die Abstimmung über großräumig lebende Arten wie Rot-, Dam-, Sika- und Schwarzwild nötig. Eigenjagdbesitzer und Jagdgenossenschaften haben künftig ein Mitspracherecht in den Hegegemeinschaften. In erstmals in NRW beschriebenen Gesetzeszielen wurde u. a. festgelegt, dass Wildbestände so zu bewirtschaften sind, dass sich artenreiche Wälder natürlich verjüngen können. Zur Abschussplanung erstellt die Forstverwaltung alle drei bis fünf Jahre Verbissgutachten. Hegegemeinschaften sind zuständig für die Erfassung der Wildbestände und die Abschussplanung. Nur für Rehe wurde Letztere wegen der unsicheren Zahlengrundlage und zur Entbürokratisierung aufgegeben.

 

MR Walter Schmitz

 


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