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RWJ 03/2021: Situation in den NRW-Wäldern

„Wald vor Wild fordern nur Feiglinge“

In der aktuellen Debatte um die Novellierung des Bundesjagdgesetzes „knirscht es“ v. a. rund um die Lösung des Wald- Wild-Konflikts. Wir wollten von Philipp Frhr. Heereman (Vorsitzender der Waldbauern in NRW) wissen, wie er die Situation der Waldbesitzenden angesichts über 70 000 ha schadbedingter Kahlflächen allein in unserem Bundesland beurteilt.

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Foto: MichaelMueller410/pixelio.de

RWJ: Lieber Baron Heereman, vor ziemlich genau einem Jahr unterzeichneten der Waldbauernverband NRW und der Landesjagdverband mit anderen Verbänden des ländlichen Raumes ein gemeinsames Positionspapier als Reaktion auf die riesigen Waldschäden durch Käferfraß an Fichten gerade in unserem Bundesland – wie ist die aktuelle Situation der Waldbauern zwischen Rhein und Weser ?

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Philipp Frhr. Heereman (58) ist Vorsitzender des Waldbauernverbandes NRW – und engagierter Eigenjagdbesitzer Foto: Günther Ortmann

Philipp Frhr. Heereman: Die Massenvermehrung der Borkenkäfer ist nur eine Folge einer ungewöhnlich langen Dürrephase in unseren Wäldern. Offensichtlich hat sie flächendeckend die Fichtenbestände erreicht und in vielen Lagen den „Brotbaum“ der deutschen Forstwirtschaft vernichtet. Nun erkennen wir aber auch, dass durch die Trockenheit der gesamte Baumbestand gefährdet ist. Überall sind geschädigte Buchen und Eichen zu erkennen. Zur biologischen Katastrophe kommt jetzt noch ein totaler Verfall der Holzpreise. Der Generationenvertrag Wald kann nicht mehr erfüllt werden, da zur Wiederaufforstung keine Mittel aus Holzerlösen zur Verfügung stehen. Meine Situationsanalyse – „Das Wasser steht uns bis zum Hals“ ist in manchen Forstbetrieben leider schon eher untertrieben.

 

 

RWJ: Da die Jagd bei der Begründung neuer Wälder ja keine unbedeutende Rolle spielt – was wünschen Sie sich von den Jägern in NRW ?

 

Philipp Frhr. Heereman: Vorrangig geht es uns um den Schutz der Jung-Kulturen, besonders der Aufforstungen. Wer sich im Wald auskennt, weiß, dass die jungen Kulturen besonders von Mäusen, Hasen und Rehen gefährdet werden. Es ist daher besonders wichtig, dass die Jäger in den ersten drei Jahren der Neuanpflanzungen den Rehbestand extrem reduzieren. Um nicht falsch verstanden zu werden:

 

  • Rehbejagung heißt nicht Rotwildbejagung,
  • drei Jahre sind nur drei Jahre,
  • und extrem heißt ... Zahl vor Wahl.

 

Auf diesem Wege möchte ich aber auch allen Jägern danken, die schon seit dem letzten April vermehrt Rehe zur Strecke gebracht haben, um damit den jungen Wald zu entlasten.

 

Das gemeinsame Papier mit dem Landesjagdverband ist somit kein Lippenbekenntnis mehr, sondern ein Manifest der Grundeigentümer mit den Jägern zum Schutz unserer Wälder.

 

 

RWJ: Sie kennen vielleicht auch Stimmen, wonach Waldbesitzer den verstärkten Abschuss von wiederkäuendem Schalenwild lediglich zur Optimierung betriebswirtschaftlicher Ergebnisse fordern – was sagen Sie dazu ?

 

Philipp Frhr. Heereman: Ich bin Kaufmann, von daher ist Optimierung für mich kein Schimpfwort. Kluge Kaufleute (dazu zählen auch Waldbauern) wissen aber, dass die Maximierung eines Gutes nicht auf Kosten der Wirtschaftlichkeit eines anderen Gutes gehen sollte.

 

  • Quersubventionen können manchmal helfen, dienen aber nicht der Optimierung.
  • Bezogen auf die Jagd nützt es niemandem, wenn der Wald seine Wirtschaftlichkeit verliert.

 

Optimierung heißt für mich, in einem gesunden, strukturierten Wald einen hohen Artenreichtum (auch jagdbarer) Säugetiere, von Vögeln, Insekten und Pflanzen vorzufinden.

 

 

RWJ: Der Name verpflichtet – und Ihrer hat unter Jägern bis heute einen guten Klang. Heereman steht für das engagierte Miteinander von Jägern und Grundbesitzern, ganz egal ob in Niederwild- Regionen wie dem Münsterland oder Waldlandschaften wie im Sauerland oder der Eifel. Setzen Sie als Vertreter der Waldbauern und selbst aktiver Eigenjagdbesitzer diese Tradition fort ?

 

Philipp Frhr. Heereman: Aus meinen Antworten haben Sie schon etwas über meine innere Seelenlage erfahren – Leben und leben lassen ist hier das Motto. Bezogen auf die Jagd heißt das, dass in der aktuellen Situation der geschundene Wald im Vordergrund stehen muss – und für ein paar Jahre eben nicht ein möglicherweise zu hoher Rehbestand.

 

Es kann aber auch nicht sein, das sich parallel zur Intensivierung der Jagd in unseren Wäldern Horden von Sportlern oder kommerzielle Pilzsucher austoben können.

 

Der Wald leidet, das Wild muss dafür die Zeche zahlen, der Störenfried Mensch aber kommt ungeschoren davon? Wald vor Wild fordern daher nur Feiglinge, Wald vor Mensch wäre eine weitaus mutigere Forderung, der ich mich aber auch nicht anschließen will.

 

Wald, Wild und Mensch – daran sollten wir zusammen arbeiten !

 

Angesprochen auf meine privaten Jagdaktivitäten kann ich berichten, dass in unseren Niederwildrevieren dank einer deutlich intensivierten Rehbejagung die Aufforstungsbemühungen besser gelingen – und parallel dazu auch vormals sehr hohe Fallwildzahlen an einer viel befahrenen Landstraße fast auf Null zurückgingen.

 

Ganz im Sinne meines Vaters Constantin schätzen wir auf der Surenburg den starken Bock, den guten Rehbraten und den ertragreichen Wald – von jedem reichlich. DAS nenne ich Tradition im besten Sinne fortsetzen!


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