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RWJ 09/2018: Mental-Coaching für Jäger und Sportschützen

Wenn die Blockade im Kopf anfängt

Kaum jemand spricht darüber, doch mancher Jäger leidet darunter – Blockaden beim Schuss auf Wild oder Tontauben sind ein Tabu unter gestandenen Waidmännern. Professionelle Unterstützung kann helfen, solche Probleme zu lösen.

 

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Coaching mit therapeutischen Ansätzen kann helfen, in jagdlichen Situationen gelassener und erfolgreicher zu werden – Psychologin Corinne Vonlaufen im Gespräch mit dem RWJ. Foto: F. Höltmann

Abendansitz, es knackt im Unterholz, ein Reh zieht durch Farn und Brombeeren auf die Kanzel zu. Johannes Kleykamp (Name geändert, der Redaktion bekannt) kennt den Abschussbock und geht in Anschlag. Als er auf 70 m passend steht, will er schießen. Doch ihn beschleichen Zweifel: „Lieber noch näher kommen lassen“, denkt Kleykamp. Der Bock zieht weiter Richtung Jäger, ohne Wind zu bekommen. „Er steht breit, aber jetzt sind Brombeerzweige davor. Ich warte lieber noch, bis er besser steht.“ So geht es eine halbe Stunde. Bis der Bock abspringt und der Jäger nicht zum Schuss kommt. Wie immer in den letzten sechs Jahren.

 

Kleykamp kommt aus dem Münsterland, wuchs auf einem Bauernhof in einer Jägerfamilie auf – ein klassischer Niederwildjäger, der Hasen und Kaninchen routiniert rollieren lässt und im Winter zahlreiche Füchse mit der Kugel streckt. Doch bei Schalenwild entwickelte sich über die Jahre eine handfeste Blockade, die sich auch durch regelmäßiges Trainieren auf dem Schießstand und im Jagdkino nicht lösen ließ. Ansitze, die er früher so genossen hatte, arteten immer mehr in Stress aus.

 

Im Frühjahr 2018 war Kleykamp wieder von einem jagenden Winzer an der Mosel zur Jagd eingeladen worden. Es lockten reiche Wildbestände und freie Büchse – Jägerherz, was willst du mehr ? Der Winzer ist ein echter Gönner, kennt keinen Jagdneid, freut sich über jeden guten Bock und starken Keiler seiner Gäste. Der Weinbauer ärgerte sich regelmäßig gemeinsam mit Kleykamp über den ausbleibenden Jagderfolg.

Doch diesmal sollte ein Bock oder eine Sau zur Strecke kommen. Da der Besuch immer näher rückte, fasste sich Kleykamp ein Herz und nahm professionelle Hilfe in Anspruch.

 

Mentales Training für Jäger

Im Internet stieß er auf die Psychologin Corinne Vonlaufen (selbst Jägerin), die u. a. mentales Training für Jäger und Sportschützen anbietet. Sie arbeitete in Kliniken, in der Forensik und ambulanten Betreuungen und eröffnete nach staatlicher Zulassung zur Psychotherapeutin eine eigene Praxis in Münster.

Zur Jagd kam sie auf der Suche nach einem Ausgleich zum anstrengenden Berufsalltag. Sie fand Gefallen am Flintenschießen, fühlte sich unter Grünröcken wohl – und stellte bald fest, dass auch Jäger und Sportschützen in mancher Situation professionelle Hilfe brauchen können. In Großbritannien oder den USA gilt das unter Schützen als durchaus üblich – und ist keineswegs verpönt. Lässt sich ein britischer Schütze neben Schießexperten auch von Mentaltrainern unterstützen, gilt das als professionell. In Deutschland haftet hingegen psychologischer Betreuung noch immer ein negativer Ruf an – „wer zum Psychologen geht, hat einen an der Murmel“ – so die landläufige Meinung. Genau an dieser Stelle will Corinne Vonlaufen eine Lücke schließen. Da sie mit Jägern auf Augenhöhe spricht, kann das auch gut gelingen. Gerade ältere Jäger seien skeptisch, erklärt sie dem RWJ. Manche fürchten, ein solches Coaching könne gar negative Folgen in Sachen Zuverlässigkeit (§ 6 WaffG) haben.

 

Doch da beruhigt Vonlaufen – jeder Berufspsychologe unterliegt, genauso wie die Ärzte, gesetzlich der Schweigepflicht. Waffenbehörden werden also weder über psychologische Behandlungen noch über ein Coaching informiert, auch nicht auf Nachfrage.


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Über Fragen zur Ursache

Kleykamp traf Vonlaufen und schilderte in einem längeren Gespräch (üblich bei Beginn: Doppelstunde = 100 Min.) sein Problem. Sie fragt sehr präzise – wann, wo und wie äußert sich das Problem, bei welcher Jagdund Wildart tritt es auf, nur auf dem Ansitz oder auch bei der Drückjagd ? Dieses Vorgehen dient dazu, das Problem zunächst genau zu umschreiben.

 

In solchen Fällen kommt Vonlaufen zugute, dass sie selbst Jägerin ist. Ihr muss niemand erklären, wie Jäger ticken. Ein nicht jagender Psychologe bräuchte sicher länger, um zu verstehen, warum man Tiere töten will, brächte vielleicht gar kein Verständnis dafür auf. Kleykamp lobt die Technik des Profis: „Man konnte ihre Fragen sofort beantworten.“ Das eingangs beschriebene Erlebnis mit dem Bock im Farn ließ sich die Psychologin minutiös schildern.

Weitere Schritte waren die Zielund Ursachenklärung. Im aktuellen Fall war das Ziel recht schnell klar: Kleykamp wollte einfach wieder Sicherheit bekommen, abdrücken können.


Ein Teufelskreis

Die Ursache des Problems zu erkennen, war schwieriger – er war vorsichtig, hatte aber zuvor keine schlimmen Erlebnisse wie Krellschüsse oder Ähnliches gehabt. Der Wille zum Schuss war ebenfalls noch vorhanden – so gibt es durchaus Fälle, in denen der Betroffene eigentlich gar nicht mehr schießen will. Das war bei Kleykamp aber nicht das Problem. Offenbar hatte sich die Blockade aus zwei Faktoren entwickelt: Durch die geringe Jagdpraxis auf Schalenwild wurde er übervorsichtig und schoss öfter nicht. Dadurch stieg der Druck, endlich mal wieder ein Stück zu erlegen – auch um den Teufelskreis zu verlassen. „Ich muss jetzt endlich mal wieder schießen, um den Bann zu brechen“, war seine Grundhaltung bei jedem Ansitz. „Dieser Druck ist aus psychologischer Sicht absolut logisch und nachvollziehbar“, erklärt Vonlaufen.

 


Die Lösung

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Am Ende eines langen Prozesses war die jagdliche Welt von Johannes Kleykamp wieder in Ordnung. Der Jäger auf dem Bild hat mit dem geschilderten Fall nichts zu tun. Foto: K.-H. Volkmar

Da das Jagdwochenende an der Mosel schon in wenigen Tagen anstand, entschloss sich Vonlaufen für eine sog. „paradoxe Intervention“ – eine psychologische Maßnahme, mit der letztlich ein Ziel dadurch erreicht werden soll, in dem man zunächst einmal das Gegenteil anstrebt. Sie empfahl Kleykamp also, mit dem Gedanken zum Ansitz zu gehen, ganz bewusst nicht zu schießen. Er solle wie gewohnt ansprechen, anlegen, zielen, entsichern – nur der Schuss sollte ausbleiben. Damit nahm sie ihm im ersten Schritt Druck und Stress. Im Gespräch mit dem RWJ betonte die jagende Psychologin, dass ihr Klient dabei jederzeit wusste, was sie vorhatte. „Es ist keineswegs so, dass ich mir was ausdenke oder Ratschläge erteile und mein Gegenüber im Unklaren lasse – im Gegenteil. Transparenz ist sehr wichtig! Der Klient muss jederzeit wissen, was wir warum und mit welcher Zielsetzung machen. Manchmal erkläre ich sogar, warum ich welche Frage stelle.“

 


Neue Wege im Revier

Am ersten Abend des Jagdwochenendes saß der Zaudernde an der Kirrung – und konnte nach langer Zeit endlich mal wieder einen Ansitz genießen. Der sonst so bleischwere Druck auf seinen Schultern war verschwunden, er konnte sich an Weiden, Feldern und dem Waldrand in der untergehenden Sonne erfreuen. Plötzlich zog ein Trupp Überläufer auf die Kirrung, verhoffte kurz – und verschwand wieder im Unterholz. Kleykamp hörte sie brechen und hatte Zeit, sich vorzubereiten, vielleicht würden sie ja noch mal rauskommen.

 

Er dimmte sein Leuchtabsehen, richtete die Waffe Richtung Kirrung aus – und ließ das Gespräch mit der jagenden Psychologin vor seinem geistigen Auge noch mal ablaufen. Die Schwarzkittel kamen tatsächlich zurück an die gedeckte Tafel. Als ein Überläufer einzeln breit stand, zielte er wie vereinbart, entsicherte – und schoss! „Noch nie war ich mir so hundertprozentig sicher, gut abgekommen zu sein“, erklärt er dem RWJ. „Blieb nur die Frage, ob die Wutz noch 10 oder 40 m gekommen war.“ Genauso kam es dann auch, nach 20 m lag die Sau – und der Bann war gebrochen.

Seitdem geht Kleykamp wieder selbstsicher und gelassen zur Jagd. Am darauffolgenden Wochenende konnte er sogar noch einen reifen Bock erlegen.

 


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Hilfe in vielen Situationen

Die Hemmschwelle, sich von einem Therapeuten coachen zu lassen, ist hoch. Schließlich ist im eigentlichen Sinne ja nicht „krank“, wer beim Schuss auf Wild zaudert oder vor jedem Skeetschießen mit dem Hegering das große Flattern bekommt. Deshalb betont Vonlaufen, dass ein solches Coaching keine Psychotherapie ist. Dennoch hilft eine fundierte Ausbildung, Probleme zu erkennen und Lösungen zu erarbeiten.

 

Daher kommen auch angehende Jäger zu ihr – schließlich war jeder von uns vor der Schießprüfung aufgeregt. Aber mancher Jagdscheinanwärter ist so nervös, dass er nicht mehr annähernd so gut schießen kann, wie sonst locker in jedem Training. Dieses Phänomen lässt sich nicht durch noch mehr Training und Munition beheben. Dabei handelt es sich ganz offensichtlich um ein Problem im Kopf – und dort müssen dann auch Hilfestellungen ansetzen.

 


Wann bin ich ein Kandidat ?

Es war gut, dass Kleykamp seinen inneren Schweinehund überwunden und sich auf das mentale Training eingelassen hat. Eine solche „Rundumbeleuchtung“ bringt manchmal mehr als das Gespräch mit einem befreundeten Jäger. Ganz einfach, weil eine neutrale Person die Fragen stellt bzw. sich die Sorgen anhört. Wer sein Problem erkannt hat und sich viel damit befasst, könnte am Ende bei Corinne Vonlaufen richtig liegen, v. a. wenn Gespräche mit vertrauten Menschen nicht möglich sind. Weil sie bestimmte Situationen nicht verstehen können, solche Gespräche zu nichts führen – oder vielleicht auch nur, weil man sich schämt, sein „Anderssein“ gegenüber anderen einzugestehen.

 

In solchen Fällen wäre es sicher nicht verkehrt, die Hilfe von Profis wie Corinne Vonlaufen in Anspruch zu nehmen. Eine Doppelstunde (100 Min.) kostet 165 €. Die Krankenkassen übernehmen so ein mentales Training allerdings nicht. Auf den ersten Blick ist das viel Geld, doch wenn man bedenkt, was man sonst für die Jagd ausgibt, was man sich allein ein Jagdwochenende mit Freunden kosten lässt, relativiert sich das. Außerdem ist ein solcher Aufwand sicher mehr als vertretbar, wenn man dadurch die Sicherheit bei und die Freude an der Jagd wieder zurückerhält.

 

Felix Höltmann


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Dipl-Psych. Corinne Vonlaufen www.mentaltraining-vonlaufen.de Foto: C. Vonlaufen


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