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RWJ 06/2020: Editorial

Erst retten - dann töten?

In den letzten Wochen haben überall Jäger versucht, frisch gesetzte Kitze, Junghasen und Fasanengelege vor dem Ausmähen zu retten. Mit Lautsprechern, Wildwarnern, Drohnen, Wärmebildkameras, ungezählten Hunden und Helfern – und vor allem mit unendlich großem Einsatz.

Matthias Kruse

Matthias Kruse

Herzblut könnte man auch sagen. In der Regel sind die Reaktionen auf solche Bemühungen grundweg positiv, das Glück in den Gesichtern der Retter (u. a. auf dem Titelbild des Mai-RWJ) und die unfassbar niedlichen Jungtiere lassen gar keinen anderen Reflex zu: „Gut, dass Ihr Euch darum kümmert und diesen Tieren das Leben rettet !“

 

Ein damit naturgemäß verbundenes Dilemma wird hingegen wohlweislich nur selten thematisiert: Wie kann es sein, dass die gleichen Menschen, die mit vollem Einsatz und Herzblut niedliche Kitze retten ... genau diese Tiere wenige Wochen darauf totschießen ?

 

Wenn mir ein Nichtjäger diese (sich eigentlich aufdrängende) Frage stellt, fällt die Antwort schwer genug. Der erste Teil ist vergleichsweise schnell abgehakt – Wildtiere und ihre Lebensräume schützen wir Jäger aus Verantwortung, ein paar Bemerkungen zu Hege und Naturschutz fallen da sicher jedem ein.

 

Und doch legen wir auf diese wilden Tiere an – sind wir ehrlich, manchmal auch schon wenige Wochen, nachdem wir sie gerettet haben. Das können wir nur deshalb, weil es wilde Tiere bleiben. Wir geben ihnen keine Namen und päppeln sie nicht mit der Flasche auf. Und dennoch ... wer kennt diese Gefühle nicht, wenn man gerade Jungwild zu Beginn der Jagdzeit ins Zielfernrohr nimmt ? Wer kann da gedankenlos, ohne Gewissen, den Finger krümmen ? Das Ergebnis ist im Vergleich zum Ausmähen auf den ersten Blick das Gleiche – ein totes Kitz.

 

Doch dies hier ist meine Beute. Nach sorgfältigem Abwägen habe ich sein Leben genommen, mich bemüht, dass es „den Schuss nicht mehr hört“, ohne jede Qual in einer Sekunde sein Dasein in dieser Welt beendet – und es danach zum hochwertigsten (wenn man so will ökologischsten) Lebensmittel wird, das es überhaupt gibt.

 

Das sind schon mal ein paar nicht wegzudiskutierende Unterschiede. Die sich allerdings nur dann Nichtjägern vermitteln lassen, wenn ich dies genauso glaubhaft kann wie die Rettung wenige Wochen zuvor. Unser Privileg, wilde Tiere töten zu dürfen, ist in jedem einzelnen Fall mit unserer Verantwortung verbunden – sowohl für ihren Schutz also auch für ihre schnelle, tierschutz-konforme (wie wir sagen waidgerechte) Erlegung. Diese beiden Verantwortungen sind untrennbar miteinander verknüpft, auch wenn wir dieses so gern und schnell verdrängen. Und doch tut es auch „rauen Jägerseelen“ gut, sich diese Abhängigkeit und Konsequenz immer wieder vor Augen zu führen. Wer in Presse und Öffentlichkeit gebetsmühlenartig unser Evangelium wiederholt, wonach Jagd eben mehr ist als nur Tiere totzuschießen, kann dabei nur glaubwürdig sein, wenn er im gleichen Atemzug damit unsere Verantwortung für die Lebensräume und den Schutz der uns anvertrauten wilden Tiere verbindet.

 

Wer hingegen meint, mit „so‘m rührseligen Gelaber nix am Hut“ zu haben, wandelt auf einem gefährlichen Pfad. Verantwortung (Hege) und waidgerechte Nutzung unseres Wildes sind zwei Seiten einer Medaille, das eine wird uns die nichtjagende Gesellschaft zu keiner Zeit ohne das andere erlauben.

 

Wenn also die Wildtier-Rettung nach dem zweiten Schnitt in diesen Wochen gelaufen ist, beginnt gleich die nächste Phase – mit unserer individuellen Vorbereitung auf die Hauptjagdzeit ab Spätsommer und Herbst, die spätestens mit der Raps-Ernte startet: Also – Ernteleitern organisieren und die wiedergeöffneten Schießstände und -kinos für eine optimale Vorbereitung auf die Bewegungsjagden nutzen. Danach jagen wir weiter. Mit gutem Gewissen.

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